Samstag, 16. September 2017

Hundert notwendige Gedichte XLII: Werner Bergengruen


Leben eines Mannes

Gestern fuhr ich Fische fangen,
Heut bin ich zum Wein gegangen,
– Morgen bin ich tot –
Grüne goldgeschuppte Fische,
Rote Pfützen auf dem Tische,
Ringsum weißes Brot.

Gestern ist es Mai gewesen,
Heute wolln wir Verse lesen,
Morgen wolln wir Schweine stechen,
Würste machen, Äpfel brechen,
Pfundweis alle Bettler stopfen
Und auf pralle Bäuche klopfen.
– Morgen bin ich tot –
Rosen setzen, Ulmen pflanzen,
Schlittenfahren, fastnachtstanzen,
Netze flicken, Laute rühren,
Häuser bauen, Kinder zeugen
Übermorgen Kniee beugen,
Übermorgen Knechte löhnen,
Übermorgen Gott versöhnen –
Morgen bin ich tot.


Es gibt nicht viele Gedichte, die Leben, Streben und Hoffen des Menschen wahrer und erschütternder in so wenige, kurze Verse fassen.



Außerhalb der Hundertschar von Gedichten (dies sicherheitshalber hinzugefügt) will ich freilich den Lesern dieses Blogs eines der entzückendsten Gedichte Bergengruens nicht vorenthalten, welches ich online hier wiederfand. Nein, sicherlich nicht eines der besten dieses Autors – doch von einer herzerwärmenden Güte, die sich leider doch zu selten in der deutschen Poesie findet ...

Der Hund in der Kirche

Wie gedacht ich jenes Tags der Worte,
die das Weib aus Kanaan gesprochen:
»Fressen doch die Hündlein von den Brocken,
die von ihrer Herren Tische fallen!«


In der dörflich bunten, halbgefüllten,
in der sommerlich gefüllten Kirche
betete der Priester am Altare:
»Dieses reine, unbefleckte Opfer,
milder Vater, wollest du gesegnen!«


Durch die Stille, die der Bitte folgte,
klang ein dünnes, trippelndes Bewegen
von der Tür, im Rücken der Gemeinde,
zaghaft erst, verlegen, dann geschwinder.
Viele Augen wandten sich zur Seite.
Manche Fromme runzelte die Stirne,
gern bereit, ein Ärgernis zu nehmen.


Auf den schwarz und weiß geschachten Fliesen
kam ein kleiner Hund auf kurzen Beinen
flink den Mittelgang entlanggelaufen,
ohne Abkunft, bäuerlicher Artung,
mißgefärbt und haarig wie ein Wollknäul,
aber drollig, jung und voller Neugier.


Tief am Boden lag die schwarze Nase,
witternd schnuppernd suchte er die Richtung.
Er verhielt, er hob die rechte Pfote
eingewinkelt an, er hob die Ohren
und mit freudigem Kläffen schoß er schräge
ganz nach vorne zu den linken Bänken,
wo gedrängt die kleinen Mädchen knieten.


Ihrer eine, sonntäglich gekleidet,
siebenjährig, schlank und schmalgesichtig,
ward von jäher Röte überflutet,
und behend den dunkelbraunen Scheitel
neigte tief sie über ihr Gebetbuch.


Doch nun stießen sie die Nachbarinnen
kichernd an, voll Eifer und nicht ohne
eine kleine, heilige Schadenfreude.


Selig, daß die Herrin er gefunden,
mit dem Stummelschwänzchen munter wedelnd,
suchte durchs Gewirr der Kinderfüße
sich der Hund zu ihr hindurchzuzwängen.
Kein Verleugnen half mehr, und die Kleine,
zitternd fast und nicht mehr fern den Tränen,
schnellte auf und schob sich widerwillig
durch die Reihe, schon den Hund im Arme,
knickste in des Hochaltares Richtung
und begann geschwind zur Tür zu flüchten
auf den schwarz und weiß geschachten Fliesen.
Und ein Sonnenstrahl fiel durch das bunt
Fenster und belänzte ihre Haare
und das rote, glühende Gesichtchen.


Doch noch war der Ausgang nicht gewonnen,
als das Glöckchen hell zur Wandlung schellte.
Alle knieten. Und das Kind hielt inne,
wandte sich, und mit gesenktem Scheitel
ging es hurtig in die Knie nieder.
Sorglich mit der Linken hielt die Kleine
eng den Hund gepreßt an ihre Brüstchen
und bekreuzte gläubig mit der Rechten
sich und ihn.
Da lächelte am Pfeiler fromm der Löwe Hieronymi.


Das Getier der heiligen Geschichten,
dieses schneller, jenes erst mit Zögern,
schwer verstehend, wie es manches Art ist,
tat's ihm nach auf Bildern und Altären,
überall. Es hoben an zu lächeln
Ochs und Esel und der Fisch des Jonas,
Lucä Stier und Johannes Adler,
Hund und Hirsch des heiligen Hubertus,
Martins Pferd und des Georgius Streithengst,
Lamm und Taube, endlich die gekrümmte
Schlange unterm Fuß der Gottesmutter.


Aus der Orgel aber stieg verstohlen
silberhell ein winziges Gelächter,
tropfte, perlte, wenigen vernehmlich.
Doch dann schwoll sie auf und rief mit Jauchzen:
»Lobt ihn, alle Kreatur!«











Kommentare:

Anni Freiburgbärin von Huflattich hat gesagt…

Klasse. Ich habe Bergengruen auf meine Leseliste gesetzt. Vielleicht komme ich in den nächsten 100 Jahren zum Lesen.

Le Penseur hat gesagt…

Sie sollten, chère Freiburgbärin, lieber heute damit anfangen!

Übermorgen könnte es, siehe oben, bereits zu spät sein ...

Anonym hat gesagt…

Klar. Merkel und Maas werden vor dem Reichstag eine gigantische Bücherverbrennung veranstalten und Bergengruen als ersten den Flammen überantworten. So tickt das diktatorische Schweinesystem. :-)

Le Penseur hat gesagt…

Cher (chère?) Anonym,

wer zu doof ist, den Sinn des Bergengruen-Gedichts zu verstehen, und demnach auch nicht fähig ist, eine Anspielung darauf sinnvoll einzuordnen, sollte besser nicht auf diesem Blog lesen.

Für Leute wie Sie wurden die diversen Talkrunden in den Systemmedien geschaffen: bleiben Sie doch dort auf dem vertrautem Terrain sinnloser Geschwätzigkeit.

Ceterum Censeo hat gesagt…

Für mich war Bergengruen DIE literarische Entdeckung in diesem Jahr, und zwar in Form des Novellenbands "Der Tod von Reval", den ich in einem öffentlichen Bücherregal fand. Hintergründiger, hochgrotesker Humor, wie man ihn nur selten antrifft.