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Freitag, 14. August 2026

Was ich habe ...

von LePenseur
 
 
Mit diesen Worten beginnt ein Gedicht, das der stets lesenswerte Prof. Silvae auf seinem Blogartikel von heute zitiert (ich will nicht seinen Fehler wiederholen, es erst morgen zu zitieren ... obwohl es zeitlos ist): 
 
Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin
 
 
O ja! Das kann ich nur zu gut verstehen: ein Gecicht, das mit sozuagen aus der Seele spricht. Wobei mir das erste dieses Silvae-Artikels eigentlich fast noch besser gefällt. Aber das müssen Sie dort lesen.
 
Leseempfehlung!
 

Samstag, 13. Dezember 2025

Erich Kästner, "An die Unpolitischen" (1929)

von LePenseur
 
 
Unter diesem Titel erschien vergangene Woche ein langer, doch umso hochwertigerer Artikel bei Zettels Raum, der ein nicht gerade bekanntes Gedicht von Erich Kästner zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen nimmt:
Ihr hieltet und ihr haltet still.
Und man macht mit euch, was man machen will.
Ihr laßt dem Staat seinen Lauf.
Ihr sitzt und wartet ungefähr,
als ob das Schicksal ein Zahnarzt wär
und reißt den Schnabel auf.

Man sagt, man müßte die Steuern erhöh’n.
Man sagt, eine große Flotte sei schön
Und schöner ein großes Heer.
Man sagt, ihr brauchtet den Ausfuhrzoll.
Man redet euch die Jacke voll
Und verschweigt euch noch viel mehr.

Man meldet, daß der Brotpreis stieg,
Man sagt, ihr müßtet in den Krieg,
und lacht euch ins Genick.
Man schmiert euch an. Man seift euch ein.
Man legt euch trocken. Man legt euch herein.
Man nennt das Politik.

Ihr seid so dumm. Ihr seid so stumm.
Man tanzt euch auf der Nase ‘rum.
Ihr fühlt euch so privat.
Die Frau will Geld. Und der Säugling schreit.
Ihr wollt ins Bett. Ihr habt keine Zeit
Für den sogenannten Staat.

Ihr habt die Augen, fragt nicht wo.
Ihr laßt die Köpfe im Büro.
Ihr haltet still und blecht.
Es ist egal, wer euch regiert.
Ihr werdet ewig angeschmiert.
Und das geschieht euch recht!
 
Erschienen in „Jugend“ (München), Jg. 34, Nr. 48, vom 23. November 1929
Schlicht und einfach: LESENSWERT, dieser Artikel von Ulrich Elkmann! Und in seiner Aktualität nach fast hundert Jahren umso erschütternder ...
  

Sonntag, 20. April 2025

Mein persönlicher Gruß zum Osterfest 2025 an die Leser im LePenseur-Blog

von Helmut


Es ist eine ausgesprochene Bereicherung, wenn man zu verschiedenen Anlässen oder Daten hier mit einer Form der Musik verwöhnt wird, die man nicht jeden Tag hört. Ich empfinde das als Kunst, nicht nur die Komponisten, sondern auch die diversen Interpreten mit ihren Dirigenten.

Kunst ist aber mehr. Es gibt dazu die darstellende Kunst, aber auch die Kunst der Literatur, sei es in Romanen oder auch in der Lyrik. In einer Zeit, in der die deutsche Sprache in den Morast gestampft wird, wo viele jüngere Leute keine zusammenhängenden Sätze mehr formulieren können, wo sich die Konversation innerhalb der Familie auf wenige Worte beschränkt („Hey Alter, was liegt an?“) versuche ich, auf den Spuren der Schönheit der deutschen Sprache zu wandeln.

Natürlich kenne ich die Vorzeigegrößen der Literatur, egal ob Goethe, Schiller, usw. Aber mich faszinieren oftmals die eher unbekannten Dichter, die es schon in der Zeit gegeben hat, in der ich geboren wurde, und deren Werke heute nicht mehr gedruckt werden. Dass derartiges dadurch in Vergessenheit gerät, ist zwar der Zahn der Zeit, aber wie ich meine, ein kultureller Verlust.

Hier geht es um Ursel Peter, die heutzutage kaum mehr jemand kennt. Ihre Gedichte sind allesamt patriotisch geprägt, und genau das sollte in einer Zeit nachdenklich machen, in der man den Begriff „Patriotismus“ fälschlicherweise mit „Nationalismus“ gleichsetzt.  

Ihr Werdegang sowie die berufliche Tätigkeit war steinig, aber sie hatte eine Kämpfernatur. Alleine der Satz in der Beschreibung im link: „Wegen ihrer Liebe und ihres Bekenntnisses zum deutschen Volkstum wurde die Lehrerin nach 1945 vom Dienst suspendiert…“ beschreibt ja die Problematik.

Ihre Sichtweise war von ihrer geografischen Lebenserfahrung geprägt. Die Mutter stammte aus der Uckermark im Nordosten Brandenburgs, sie selbst wurde in Mähren geboren, und die Familie siedelte später nach Oberösterreich um. Sollte sich jemand daran stören, dass hier die Rede von einer deutschen vaterländischen Dichterin die Rede ist, dann kann ich nur empfehlen, sich auf die Suche nach der Wiege des Deutschtums zu begeben.

Diese Wiege liegt nach meiner Sichtweise geografisch in der Nibelungensage, und die spielte sich vom Eisacktal bis zum Odenwald ab, als es noch keine Grenze bei Suben und am Brenner gegeben hat. Insofern ist es verständlich, wenn sie in ihren Gedichten von den Bergen und vom Meer spricht, beides kannte sie aus ihrem Leben.

Bei dem von mir ausgesuchten Gedicht fasziniert mich zweierlei:

Zum einen die Schönheit und Weitläufigkeit der deutschen Sprache. Ich erinnere mich dabei an den holländischen Showmaster Lou van Burg, der sogar mit Stolz einmal behauptete, dass er seine Shows in der ARD („Sing mit mir, spiel mit mir“) mit seinem deutschen Wortschatz von nicht mehr als 300 Wörtern spielend bewältigt. Vermutlich werden sich die jüngeren Generationen nun auch an diesem Sprachlimit orientieren. Ich habe da aber andere Ansprüche.

Zum anderen die Weitsichtigkeit des Inhalts. Das Gedicht wurde Anfang der 1960er Jahre veröffentlicht. Es könnte aber genauso gut in den letzten Jahren geschrieben worden sein, es ist mehr als aktuell. Aber diese prophetischen Elemente in der Dichtkunst gibt es auch in anderen Ländern. Da ich mittlerweile die rumänische Sprache beherrsche, bin ich genauso von einem rumänischen Dichter namens Paunescu beeindruckt, der bereits in den 90er Jahren schon auf dem Sterbebett sein Gedicht „Der letzte Ball“ verfasst hat, worin er relativ genau das beschrieb, was Rumänien in den letzten 20 Jahren durchlebt hat.


WIR STEHEN AN DER SCHWELLE 

(im Jahre 1960 veröffentlicht)
 

Wir stehn an der Schwelle einer unfassbaren Zeit,

nicht wissend, was sie uns bringt. Nur, dass Vergangenheit,

was gestern noch Ziel und Glaube und lockende Zukunft war.

Vorbei, ein verwehter Traum aus entschwundenem Jahr.

Wir stehn an der Schwelle und lauschen dem fremden Klang dieser Zeit.

Ist’s Anfang, ist’s Untergang?

Und tief in der Seele ein heimlicher Zweifel sich regt,

ob immer noch gilt und besteht, was bisher die Menschen bewegt.

Und es ist, als ob eine heimliche Stimme erklingt,

die leise den Lärm und die Unrast und Hast unserer Tage durchdringt:

Wenn auch der menschliche Geist nach dem Weltenraum greift,

wenn er, vom Himmel gesegnet in traumhafte Fernen streift,

wenn er, unfassbar begnadet in jene Fernen denkt,

die ein Gott einst in gnädiger Stunde den Menschen geschenkt.

Wenn auch der Wille ins Unermessliche ragt –

Umsonst dies alles, wenn unser Herz versagt.

Wenn das Herz, das die Sehnsucht nach Licht erst gebiert,

seine göttlichste Kraft, die Kraft zu lieben, verliert.

Wenn es nicht mehr gütig umschließt, was der Tag und das Jahr uns schenkt,

wenn es nicht mehr voll Andacht sich selbst in alle Dinge versenkt.

Wenn die uralte Kraft dieses Herzens erstirbt,

weil ein Herz ohne Liebe und Ehrfurcht am Leben verdirbt.

Wie der Baum, dessen stolze Krone zum Himmel strebt,

von den heimlichen Kräften der Erde wächst und lebt,

lebt das Herz von der Kraft, die einst schon die Mutter gelenkt,

die das Land ihm aus Acker und Bergen und Meer einst geschenkt.

Und wer dieses Land vergisst, das ihn einstmals gebar,

ist wurzellos und jeglicher Liebe bar.

So, als ob er der eigenen Mutter ins Antlitz schlägt,

als ob er sich schämt, dass er ihren heiligen Namen trägt,

als ob er sie schnöde verhöhnt und offen verlacht,

und ihre Güte und Größe zum Spotte des Pöbels macht.

Ganz gleich, welche Farbe ein Menschenangesicht trägt,

in jedem Herzen die Liebe zu Mutter und Heimat schlägt.

Ganz gleich, ob arm oder reich, ob Herr oder Knecht,

auf Mutter und Heimat hat jeder ein heiliges Recht.

Wir wissen es. Allen Brüdern der Erde sind wir verwandt

Und allen reichen wir brüderlich voll Vertrauen die Hand,

gemeinsam den Weg in die Weite der kommenden Zeiten zu gehn,

gemeinsam, als Kinder des gleichen Sterns, die Welt zu bestehn.

Doch unsere Herzen, die Quellen unserer Kraft,

ruhn in deutscher Erde. Was unser Streben erschafft,

was die Seele ersehnt, was der Wille begehrt,

es wird von den heiligen Kräften der alten Heimat genährt.

Nur dem sind unüberwindbare Grenzen gesetzt,

der die ewigen Wurzeln des Lebens achtlos verletzt,

der vergisst, woher er nach unerforschlichem Willen kam,

und wo seine Sehnsucht, sein Glaube, sein Weg einen Anfang nahm.

Wir stehn an der Schwelle einer unfassbaren Zeit,

nicht wissend, was sie uns bringt.

Doch sind wir bereit, in jede Ferne und jede Zukunft zu gehn.

Wir bitten nur: Herrgott, lass das Herz die Probe bestehn.

 

Mittwoch, 31. Juli 2024

Vor zehn Jahren

von LePenseur
 
 
... habe ich in meiner inzwischen etwas dahinschlummernden Artikelserie "Hundert notwendige Gedichte" ein kurzes Gedicht von Bert Brecht veröffentlicht.

 
Lesen. Nachdenken. Handeln.
 
Mehr ist dazu nicht zu sagen ...


Montag, 29. Juli 2024

Kennst Du das Land ...

 von LePenseur

Vor beinahe hundert Jahren, genauer: im Jahr 1928, hat Erich Kästner dieses mit Recht berühmt gewordene Gedicht veröffentlicht:

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
- und es ist sein Beruf etwas zu wollen -
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen?
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt's dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut - es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
 
Keine Frage: das Gedicht ist heute aktueller denn je - so veraltet es vor ein paar Jahrzehnten zu sein schien! Sicher: manches Wort, manches Bild ist durch technische und gesellschaftliche Änderungen überholt. Kein Kind will mit Bleisoldaten spielen, wer zu Bett geht, pflanzt sich (es gibt ja die Pille) nicht zwangsläufig fort und Kinder werden nicht mit gezogenem Scheitel geboren, nicht mal metaphorisch ...

Aber vieles stimmt leider schon wieder, besonders der Vers:
Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was "grün" ist, ist eben nicht Freiheit, sondern einfach - ungenießbar! ... Erich Kästner, des Todestag sich heute zum 50. Male jährt, war ein Prophet.

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Der Werwolf

von LePenseur
 
 
Da Kollege Sandokan über die Rauhnächte artikelt ... hier mein, vielmehr Christian Morgensterns, kleiner aber hochbedeutsamer Beitrag zu all diesen Werwolfereien:
 

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

»Der Werwolf«, – sprach der gute Mann,
»des Weswolfs« – Genitiv sodann,
»dem Wemwolf« – Dativ, wie man's nennt,
»den Wenwolf« – damit hat's ein End'.

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch „Wer“ gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

 

Sonntag, 21. Mai 2023

»In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs ...«

von LePenseur
 
 
... könnte ich den großen, alten Gottfried Benn zitieren — doch schon die zweite Zeile des Gedichts wäre falsch: »... wurde auch kein Chopin gespielt«.

Doch, er wurde gespielt — von meiner Mutter, die in jüngeren Jahren wirklich mehr als passabel Klavier spielte; einmal sogar aushilfsweise als zweite Pianistin, weil der ersten für einen Abend mit »Brahms zu vier Händen« die eigentliche Begleiterin krankheitshalber abhanden gekommen war. Die erste, eine rassige Schwarzhaarige und meine hübsche, sanfte Mutter (d.h.: dies noch lange nicht, das lag noch über ein Jahrzehnt in der Zukunft ...) als Blondine müssen einen attraktiven Kontrast auf dem Podium im Rathaussaal dieses kleinen Landstädtchens abgegeben haben ...

Doch nicht davon wollte ich eigentlich schreiben, sondern von einem Artikel über Gainsborough, den der geschätzte Professore »Silvæ« vor einer Woche veröffentlichte und den ich den kunstinteressierten Lesern nur wärmstens zur Lektüre empfehlen kann!

Und was Benn betrifft — sein Gedicht ist einfach großartig, und deshalb soll es hier in extenso zitiert werden:
Teils-teils

In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs
wurde auch kein Chopin gespielt
ganz amusisches Gedankenleben
mein Vater war einmal im Theater gewesen
Anfang des Jahrhunderts
Wildenbruchs »Haubenlerche«
davon zehrten wir
das war alles.

Nun längst zu Ende
graue Herzen, graue Haare
der Garten in polnischem Besitz
die Gräber teils-teils
aber alle slawisch,
Oder-Neiße-Linie
für Sarginhalte ohne Belang
die Kinder denken an sie
die Gatten auch noch eine Weile
teils-teils
bis sie weitermüssen
Sela, Psalmenende.

Heute noch in einer Großstadtnacht
Caféterasse
Sommersterne,
vom Nebentisch
Hotelqualitäten in Frankfurt
Vergleiche,
die Damen unbefriedigt
wenn ihre Sehnsucht Gewicht hätte
wöge jede drei Zentner.

Aber ein Fluidum! Heiße Nacht
à la Reiseprospekt und
die Ladies treten aus ihren Bildern:
unwahrscheinliche Beauties
langbeinig, hoher Wasserfall
über ihre Hingabe kann man sich gar nicht
erlauben
nachzudenken.

Ehepaare fallen demgegenüber ab,
kommen nicht an, Bälle gehn ins Netz,
er raucht, sie dreht ihre Ringe,
überhaupt nachdenkenswert
Verhältnis von Ehe und Mannesschaffen
Lähmung oder Hochtrieb.

Fragen, Fragen! Erinnerungen in einer
Sommernacht
hingeblinzelt, hingestrichen,
in meinem Elternhaus hingen keine
Gainsboroughs
nun alles abgesunken
teils-teils das Ganze
Sela, Psalmenende.

 
Sela — was kann man über das Leben mit einem four letter word auf zivilisierte Weise mehr sagen ... 
 

Sonntag, 2. April 2023

Macte, senex Imperator

von LePenseur
 
 
Der 9. März ist nun zwar schon über drei Wochen her — und auch er wäre nur ein »halbrunder« Gedächtnistag gewesen, nämlich die 135. Wiederkehr des Todestages von Kaiser Wilhelm I. — hier im berühmten Gemälde Anton von Werners, der »Kaiserproklamation in Versailles« (1885), zu sehen:
 

Zeit jedenfalls, ein in deutscher und lateinischer Sprache schwungvoll von Felix Dahn verfaßtes Gedicht in Erinnerung zu rufen:

Macte senex Imperator,
Barbablanca, triumphator,
Qui vicisti Galliam
Et coronae Germanorum
Post viduvium saeculorum
Reddidisti gloriam

Heil dir, greiser Imperator,
Barbablanca, Triumphator,
Der du Frankreich niederzwangst
Und der Krone der Germanen,
Witwe längst des Ruhms der Ahnen,
Glanz und Schimmer neu errangst!

Petulanter lacessitus
Justo clypeo munitus
Heribannum excitas:
Ecce surgunt quotquot gentes
Oras incolunt stridentes
Alpes usque niveas.

Frech vom Übermut beleidigt,
Mit dem Schild des Rechts verteidigt,
Rufst den Heerbann du ins Feld:
Sieh, da greift vom Fels zum Meere
Klirrend alles Volk zur Wehre,
Eine deutsche Waffenwelt.

Primus vocat Bajuvaros,
Venatores teli gnaros,
Pulcher rex et juvenis
Memor foederis recentis
Et honoris priscae gentis
Et Germani sanguinis.

Du zuerst riefst deine Scharen,
Flinke Jäger, schußerfahren,
Bayernfürst voll Jugendschwung:
Treu dem neuen Bund und alten
Folgt dein deutsches Herz dem Walten
Edelster Begeisterung.

Nec recusat Philalethes,
Semper fidei athletes,
Verae causae Saxones:
Jugo Dani liberati
Solvunt debita Holsati,
Angli et Frisiones.

Der in Treue grau gewachsen,
Schickt, »der Wahrheit Freund«, die Sachsen
Gern zum Streit mit Lügenquark:
Und mit ihrem Blute wollen
Dank die wackern Holsten zollen,
Daß sie los von Dänemark.

Mittit Rhenum custodientes
Equos suos hinnientes
Acris Alamannia,
Et laurifera vexilla
Vibrat propulsatrix illa
Aquilina Prussia!

Aus des Schwarzwalds dunklen Tannen
Braust das Roß des Alamannen
Rasch zur Wacht am Rhein dahin,
Und voran auf unsern Bahnen
Rauschen, lorbeerschwer, die Fahnen
Prussias, der Adlerin.

Quas diviserant spoliandas
Ante pugnam et praedandas
Ripas sancti fluminis, –
Nemo hostium conspexit
Nisi qui captivus flexit
Poplites in vinculis.

Wie sie doch zu plündern eilten,
Vor dem Kampf den Raub schon teilten,
Unsres heil'gen Stroms Gestad':
Doch es sah ihn kein Franzose,
Der nicht, fluchend seinem Lose,
Ein Gefangner, ihn betrat.

Perpugnaces, perfallaces,
Superbissimos, mendaces
Quantis pugnis fudimus,
Quo per castra Montalbana
Tot portenta Turcicana
Princeps stravit regius!

Volk der Kriegslust, Volk des Trügens,
Volk des Hochmuts und des Lügens,
Wie oft schlugen wir dich schon,
Seit die schwarzen Mordgesellen
Hingemäht dort auf den Wällen
Weißenburgs der Königssohn!

Campum taceo Woerthensem,
Montem altum Spicherensem,
Et, qua nihil clarius,
Imperruptam obsidionem
Qua Bazenum, ut falconem,
Longa fame fregimus.

Sei von all' den stolzen Siegen,
Wörth und Spichern selbst, geschwiegen
Und, was Frankreichs Arm gelähmt,
Wie Bazaine und Metz geendigt,
Die durch Hunger wir gebändigt,
Wie man wilde Falken zähmt.

At me praedico felicem,
Qui testatus sim ultricem
Prope Belgas aciem:
Arctum atque arctiorem
Circulum fulminatorem
Includentem Caesarem!

Doch mich darf ich glücklich preisen,
Der gefügt aus Blitz und Eisen
Dort bei Sedan sah den Ring,
Der in immer engrem Bogen,
Wie von Schicksalshand gezogen,
Marschall, Heer und Kaiser fing.

Aquilas ereptas multas,
Fractas vidi catapultas
Collem per Sedanicum,
Turmas equitum prostratas,
Portas castri concrematas
Et Tyrannum deditum!

Sah entschart die Bataillone,
Sah, wie Adler und Kanone
Schwert und Bajonett gewann:
Hingestreckt die Stahlgeschwader,
Schußgesprengt der Feste Quader,
Und gefangen der Tyrann!

Dolo filias surreptas
Salutamus vi receptas
Reduces in laribus:
Regum veterum palatia,
Lotharingia, Alsatia: –
Decor redit pristinus!

Töchter, einst uns schnöd' entrissen,
Grüß' euch Gott nach schwerem Missen
An der Väter Heimatherd:
Erwins Elsaß, Lotharingen,
Kann euch nicht zum Herzen dringen
Deutsches Wort und deutscher Wert?

Quantas urbes, quot castella
Mosa munit ac Mosella,
Sequana cum Ligeri:
Omnes cepit forte pectus,
Taciturni intellectus
Atque chalybs Kruppii.

Wieviel Burgen und Kastelle
Schirmt der Maas, der Mosel Welle,
Loire und Seine deckt zumal, –
Jede Schanze brach und Schranke,
Großer Schweiger, dein Gedanke,
Deutscher Mut und Kruppscher Stahl.

Petunt mare – Goeben turget:
Scandunt alpes – Werder urget:
Undique periculum:
Perque montes perque valles
Terror sequitur per calles
Et Ulani spiculum!

Fleucht zur Küste – Goeben drängt euch,
Kreucht in Klüfte – Werder zwängt euch;
Not und Tod dräut rings umher,
Und euch folgt durch Tal und Hügel,
Und euch jagt mit schwarzem Flügel
Schreck und des Ulanen Speer.

Et quae probra tot jactabat,
Tot triumphos enarrabat,
Delirans superbia, –
Panem petens a victore,
Pacem a debellatore
Cecidit Lutetia.

Und die Sieg auf Sieg gelogen,
Lasterprahlend, lustverzogen,
Äffin halb, halb Tigerin –
Gnade flehend von dem Sieger,
Brot vom schlicht'sten deutschen Krieger,
Sank Paris, die stolze, hin.

Qui coronae Germanorum
Post viduvium saeculorum
Reddidisti gloriam, –
Macte senex triumphator
Barbablanca, Imperator,
Qui salvasti patriam!

Der der Krone der Germanen,
Witwe lang des Ruhms der Ahnen,
Du erkämpft hast neuen Glanz:
Heil dir greiser Triumphator,
Barbablanca, Imperator,
Retter du des Vaterlands.
 
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Ein gewaltiges Doppel-Gedicht, groß in der kühnen Flut seiner Bilder und Umschreibungen. In Zeiten wie diesen ist natürlich das meiste strikt »Autobahn«, denn da dürften — selbstmurmelnd — Gedanken über Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität nicht fehlen, da müßte der Sieg kleingeredet und die Freude darüber verkrüppelt werden, und daß auf den Anteil, den Rassismus, Kolonialismus und natürlich die Diskriminierung der Frau (sowie aller anderen 278 Geschlechter Facebooks) an diesem schmählichen Siege hatten, nicht gebührend und mit Betroffenheit hingewiesen wurde, ist überhaupt ein Skandal, den man dem Dichter nicht vergessen mag! Felix Dahn, Verfasser erfolgreicher, leider bis heute aufgelegter Jugendbücher, insbes. »Ein Kampf um Rom« — zerstört sein Andenken, rottet ihn aus, verbrennt seine Werke! »Lieber Habeck als Dahn«, muß die Devise korrekter Jugendlektüre lauten ...

Dennoch — es stellt sich die Frage: warum gerade dieses Gedicht? So kunstvoll und »handwerklich perfekt gemacht« es auch sein mag: ein großartiges Kunstwerk im eigentlichen Sinne ist es wohl nicht. Und doch: »Es hat was!« Neben dem mir immer lieben, bildungsbürgerlich vertrauten, leider längst nicht mehr »selbstverständlichen« Umgang mit dem uralten Kulturgut »Latein« sind es durchaus auch die (oft recht freien!) Verdeutschungen, die Felix Dahn zwischen seine neo-lateinischen Originalverse setzte, und die oft ans Geniale streifende Wortprägungen enthalten, wie z.B.:
Aus des Schwarzwalds dunklen Tannen
Braust das Roß des Alamannen
Rasch zur Wacht am Rhein dahin,
Und voran auf unsern Bahnen
Rauschen, lorbeerschwer, die Fahnen
Prussias, der Adlerin.
Das hat einfach Schwung, Saft und Kraft! Und nur rückgratgebrochene, servile Knechte werden das nicht (oder vielmehr: als allzu deutlich ihre Impotenz verratend) empfinden! Und diese Bedenkentäger sollen sich doch, bitte, nicht ins Hemd nässen: wenn Frankreich in der Nationalhymne vom »unreinen Blut« seiner Feinde singt, das die Furchen seiner Äcker tränken möge, dann sind noch die »saftigsten« Verse Dahns dagegen von nobler Zurückhaltung!

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Doch kehren wir kurz zum »senex Imperator«, den Dahn so schwungvoll besang, zurück, zu jenem nüchtern-zurückhaltenden alten Herrn, der einst über seinen Ministerpräsidenten und Reichskanzler Bismarck den resignierten Satz »Es ist nicht leicht, unter so einem Minister Monarch zu sein« prägte.

Der Porträtist jener Jahre, Paul Bülow, schuf als Hofmaler eine Reihe bekannter Porträts des Kaisers, mal so, ganz hochoffiziell und »im Zauber der Montur« als preußischer Generalfeldmarschall:


oder eben auch so: in seinem Arbeitszimmer, die Uniform locker aufgeknöpft, quasi vom Schreibtisch sich erhebend und jovial dem Betrachter entgegensehend (ein vorzügliches Werk, meiner Meinung nach, wie es den besten Porträts von Menzel kaum, denen Lenbachs oder Werners gar nicht nachsteht):


Noch zwei Gemälde, in denen Wilhelm I, damals noch »nur« König von Preußen, dargestellt wird — einerseits die meisterhafte Darstellung seiner Krönung in Königsberg durch Adolf von Menzel:


Und schließlich noch die höchst lebendige Darstellung im Gemälde von Emil Hünten, in dem er seinem Sohn und Kronprinzen nach der Schlacht von Königgräz den Pour le Mérite überreicht:


Zwei volle Menschenalter sind seit dem Tod Kaiser Wilhelms hingegangen. Und bisweilen streue ich in »historische« Unterhaltungen den anekdotischen Hinweis, daß das Jahr 1888 als sogen. »Drei-Kaiser-Jahr« leicht zu merken sei, denn es verdiene eben seine »dreifache Beachtung«. 

Mittwoch, 2. November 2022

»Aller-«Seelen

von Grantscherben
 
 
Kriege hinterlassen  Elend und Not und kosten viele Menschenleben. Angesichts der derzeitigen politi-schen Zustände rund um die Ukraine (NATO) und Russland ein paar Gedankensplitter dazu.

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Eindrucksvoll beschrieb Georg Trakl (1887-1914) seine Eindrücke über das Kriegsgeschehen  in seinem Gedicht "Grodek".

Die Schlacht von Gródek fand zu Beginn des Ersten Weltkrieges an der Ostfront in Ost-Galizien (heute Ukraine) zwischen russischen und österreichisch-ungarischen Truppen statt und endete am 7. September 1914 mit der Einnahme der 24 km südwestlich von Lemberg gelegenen Stadt Gródek.

Trakl erlebte die Schlacht von Grodek im September 1914 als Sanitätsleutnant mit. Dabei hatte er fast einhundert Schwerverwundete unter schlechten Bedingungen allein und ohne zureichendes Material zu versorgen. Zwei Tage und zwei Nächte arbeitete er in einem Lazarett, das später in der Presse als eine der „Todesgruben von Galizien“ bezeichnet wurde. Trakl hatte keine Möglichkeit, den Sterbenden zu Hilfe zu kommen, was ihn in Verzweiflung stürzte. Trakl wurde vom Versuch, sich zu erschießen, durch Kameraden abgehalten und nach einem Fluchtversuch zur Beobachtung seines Geisteszustandes in ein Krakauer Mili-tärhospital eingewiesen. Am Abend des 3. November 1914 starb er dort nach Einnahme einer Überdosis Kokain an Herzstillstand.

Im Juli 1914 noch bat Ludwig Wittgenstein den Herausgeber des „Brenner“, Ludwig von Ficker, 100.000 Kronen an unbemittelte österreichische Künstler zu verteilen. Trakl sollte davon 20.000 Kronen erhalten, kam jedoch nicht mehr in den Genuss der Schenkung. 1925 wurden die sterblichen Überreste auf Wunsch von Ludwig von Ficker auf den Mühlauer Friedhof bei Innsbruck überführt.

Grodek       
(1914)

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

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Königreich Galizien und Lodomerien

Ein nostalgischer Blick in die österreichische Vergangenheit


Im Jahre 1772 fielen bei der ersten Teilung Polens Galizien bzw. die Woiwodschaft Ruthenien sowie der südliche Teil Kleinpolens an die Habsburgermonarchie. Infolge des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs 1867 wurde auch Galizien größere Autonomie eingeräumt. Es gehörte nun zur cisleithanischen Reichshälfte.

Die gesamte Bevölkerung besaß die einheitliche österreichische Staatsbürgerschaft mit gleichen Rechten und Pflichten, alle Ethnien und Religionen waren gleichberechtigt.Das Königreich Galizien und Lodomerien hatte im Jahr 1914 eine Fläche von 78.497 km². Hauptstadt war Lemberg (heute ukrainisch Lwiw).




Bukowina - Das Buchenland

Die Bukowina ist heute eine historische Landschaft nordöstlich der Karpaten im Grenzraum zwischen Mittel-, Südost- und Osteuropa. Die nördliche Hälfte gehört zur Ukraine und ist Teil der Oblast Tscherniwzi. Die südliche Hälfte gehört zu Rumänien.
 
Die Bukowina war, wie das östlich davon liegende Bessarabien, jahrhundertelang ein Teil des historischen Fürstentums Moldau, von 1775 bis 1918 gehörte das Gebiet mit seiner multiethnischen Bevölkerung zur Habsburgermonarchie. Im Nordwesten liegt Ostgalizien, im Südwesten Siebenbürgen.

Für Jahrzehnte blieb das Gebiet des späteren Kronlandes ein Teil des Kronlandes Galizien. Um 1848 war sein Eigengewicht aber so groß, dass man sich in Wien entschloss, einer Petition der Stände der Bukowina nachzukommen und es zu einem Herzogtum und Czernowitz zur Hauptstadt zu machen.

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Gerade mit Rückblick auf die österreichisch-habsburgerische Vergangenheit, hätte Österreich als heute neutraler Staat die Verpflichtung und Verantwortung gehabt die Kriegsparteien zurück an den Verhand-lungstisch zu bringen um gemeinsam an einer Lösung des Konfliktes zwischen Russland und der Ukraine (NATO) beizutragen. Ein sicheres und stabiles Abkommen, welches für alle Seiten annehmbar ist und den Frieden in dieser Region absichert. Warum sich  das neutrale Österreich vom Kriegsgetöse anderer Staaten (NATO) beeinflussen lässt, ist für mich weder politisch noch diplomatisch nachvollziehbar.