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Dienstag, 9. August 2022

Ernst von Salomon

von LePenseur
 
 
... starb heute vor fünfzig Jahren. Ein Unangepaßter, vielschichtig und widersprüchlich, fraglos. Einer, den die junge Bundesrepublik am liebsten vergraben und ver-gessen hätte, wäre da nicht der fulminante Erfolg seines »Fragebogens« gewesen, in dem er teils mit feiner Ironie, teils mit ätzendem Sarkasmus die Lügen und Fälschungen der Wirtschaftswundergesellschaft, die fast nahtlos aus dem Mitläufertum der Nazizeit hervorwuchs, entlarvte. Damals wurde blitzschnell vom Glauben an den »Führer« auf servilen Gehorsam gegenüber den USA, dem bene-volent hegemon, umgesteckt, die NATO und natürlich ein »vereintes Europa« herbeigesehnt — und was dergleichen biegsame Anpassungen mehr waren, als man mit kraft-meierischem Nationalismus Schiffbruch erlitten hatte.

Nein, Salomon war wirklich kein solcher kraftmeierischer Nationalist; er hielt (schon aus privaten Gründen) in den Zeiten des Hitlerismus merkliche Distanz zum Regime und ließ sich nicht (was ihm leicht möglich gewesen wäre) als »früher Held der NS-Bewegung« vereinnahmen; eine Haltung, die Carl Zuckmayer (dem man Nähe zum Nazismus schwerlich nachsagen kann) anerkennend vermerkte.

Wer die verschwurbelten Wortkaskaden, die de.wikipedia.org ihm widmet, liest, der weiß sofort: hier versucht man mit allen Mitteln, aus Belanglosigkeiten antifantisches Kapital zu schlagen; unbequeme Geisteshaltung und -freiheit zu kriminalisieren oder doch wenigstens moralisch zu ächten. Was, bitte, wollen Sätze wie
Salomon ließ „wenig Distanz zu seiner eigenen Geschichte“ erkennen und machte sich mit dem Buch „zum Sprecher derjenigen“, die trotz der Zerstörung Deutschlands und der zahllosen Opfer der nationalsozialistischen Unrechtspolitik „weiterhin deutschnational dachten“, urteilen Hans Sarkowicz und Alf Mentzer.
eigentlich besagen? Daß man nicht mehr »deutschnational« sein darf, weil eine nationalsozialistische Unrechtspolitik zuvor existierte? Ach wirklich? Dann darf man auch nicht mehr Sozialdemokrat sein, weil einst stalinistische Unrechtspolitik existierte. LePenseur ist bekanntlich weder deutschnational, noch nationalsozialistisch, weder stalinistisch noch sozialdemokratisch, sondern vielmehr ein libertärer »Anarch« mit der gerade noch notwendigen Akzeptanz konservativer Werthaltungen, die verhindern, daß aus Libertarismus ein realitätsfremdes Wolkenkuckucksheim gebastelt wird; so gesehen könnten ihm diese Abqualifikationen am Allerwertesten vorbeigehen. Aber er ist eben auch Jurist und Anhänger einer fairen Behandlung auch von Andersdenkenden und sogar Gegnern (das Gebot der »Feindesliebe« à la Christentum lehnt er freilich als rhetorischen Unfug ab, doch das nur nebenfüglich ...)

Salomon wurde in seinen späteren Jahren zum Friedensaktivisten, was ihm teilweise Rehabilitierung im Osten eintrug (die ihm vermutlich eher suspekt war). Egal wie man dazu steht: er war darin ebenso konsequent in seinem Individualismus, seiner Unangepaßtheit, wie in seinem »Fragebogen«. »Die Kette der tausend Kraniche«, in welchem Buch er seine Reise nach Tokyo zur Weltkonferenz gegen die atomare Rüstung thematisierte, kann nur nachdrücklich zur so gedankenvollen wie vergnüglichen Lektüre empfohlen werden (leider nur aus antiquarischen Beständen möglich — ei, warum wohl ...?)

Nach Fertigstellung dieses Buches ist Ernst von Salomon am 9. August 1972, kurz vor seinem 70. Geburtstag, den er am 25. September gefeiert hätte, verstorben. Sein letztes, ebenso lesenswerter Buch »Der tote Preuße. Roman einer Staatsidee«, kam im Jahr darauf posthum in den Handel. Danach wurde er nach Kräften der damnatio memoriæ unterzogen: die damals noch jungen Alt68er wußten mit allen Mitteln auf ihrem erfolgreichen Marsch durch die Institutionen ihnen lästige Querdenker auszugrenzen und totzuschweigen. Ein Pech nur für sie: »Der Fragebogen« ist bis heute einfach nicht umzubringen — so sorry ...

Freitag, 19. Juni 2020

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs


... (wenigstens was Europa betrifft), wird allerorten gedacht und bedacht. Doch das Gedenken an das grausame



wird vermutlich dabei keine Rolle spielen. Waren es doch »nur« Volksdeutsche aus dem Zipserland, die von siegestrunkenen Tschechen per Genickschuß ermordet wurden. 
Die meisten der 265 Karpatendeutschen, Slowaken und Ungarn, die sich am 18. Juni 1945 im Zug auf dem Přerover Rangierbahnhof bei Lověšice befanden, stammten aus der Ober- und Unterzips. Sie waren kurz vor Kriegsende nach Nordböhmen evakuiert worden und wollten in ihre Heimat zurückkehren. Während der Zug hielt, lief ein Militärtransport mit tschechoslowakischen Soldaten in den Bahnhof von Přerov ein. Die Soldaten befanden sich auf dem Heimweg von einer Siegesfeier in Prag. 

Am Nachmittag zwang der Nachrichtenoffizier Karol Pazúr, ein ehemaliges Mitglied der Hlinka-Garde, mit seinen Soldaten die 265 Zivilisten dazu, den Zug zu verlassen. 30 der Soldaten wurden abgestellt, um durch die Einwohner von Lověšice an der Schweden-schanze ein Massengrab im Ausmaß von 17 mal 2 Metern und einer Tiefe von zwei Metern ausheben zu lassen. Am 19. Juni, kurz nach Mitternacht, wurden die Flüchtlinge in Viererreihen vom Bahnhof weggebracht. Sie mussten sich bis zur Unterwäsche ausziehen, die persönlichen Wertgegenstände abgeben und wurden dann mit Genick-schüssen ermordet. Neben den 71 Männern und 120 Frauen fielen 74 Kinder diesem Verbrechen zum Opfer. „Kinder mussten zusehen, wie ihre Mütter liquidiert wurden, andere Kinder wiederum wurden vor den Augen ihrer Mütter ermordet.“ Das jüngste Opfer war ein acht Monate alter Säugling, das älteste Opfer ein 80 Jahre alter Mann. Anschließend stahlen die Soldaten die noch im Zug befindlichen Wertgegenstände der Heimkehrer vollständig. 



2018 wurde am Ort des Massakers ein Kreuz aufgestellt. Ob heute ein Kranz der Bundesregierung dort niedergelegt wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Wer allerdings die Gestalten, aus denen sie sich zusammensetzt, so ansieht, darf daran zweifeln. Und beim servilen Gehorsam, den auch deutsche Außenamtsbeamte gegenüber ihren politischen Vorgesetzten an den Tag legen, ist auch eine Initiative eines Prager Diplomaten kaum anzunehmen. Könnte doch glatt einen Karriereknick verursachen.

Sollte es doch anders sein: bitte um Mitteilung. Wir warten ...


Donnerstag, 9. Mai 2019

»Es ist kein Fehler, die Wahrheit zu sagen«


Lesenswertes Interview der NZZ mit Hans-Georg Maaßen:
Hans-Georg Maassen widersprach der Kanzlerin, dann verlor er sein Amt. Wer sehe, dass ein Vorgesetzter sich über Gesetze hinwegsetze, müsse dies aussprechen, sagt der ehemalige Chef des deutschen Verfassungsschutzes. Angela Merkels Flüchtlingspolitik gefährde die Sicherheit und den Zusammenhalt des Staates.


Sonntag, 3. März 2019

Hermann Pongs


... ist heute vor vierzig Jahren verstorben. Jüngere Leser werden mit dem Namen nichts anzufangen wissen — aber die Älteren kennen vermutlich sein dreibändiges Hauptwerk »Das kleine Lexikon der Weltliteratur« (1954), das ich als wirklich ausgezeichnet nur jedem zur Lektüre empfehlen kann, der sich über die deutsche Literatur (mit Ausnahme später erschienener Werke, natürlich) kurz und bündig, aber qualitätsvoll informieren möchte. 

Wer seinen Wikipedia-Artikel liest, wird bald sein »Verbrechen« entdecken, das ihn nach 1945, und besonders ab 1968 zur Unperson machte: ein »Nazi« ... naja, das waren so viele, da wäre er schon damit durchgekommen — aber nach 1945 gegen eine »Aufarbeitung« der Literatur jener zwölf »tausendjährigen« Jahre — nämlich: im Sinne der »re-education« — zu sein, das war natürlich unverzeihlich! Da konnte er noch so gut als Germanist und Literaturexperte ausgewiesen sein, auch seine Rilke-Freundschaft war da für die Katz' ...

In der SBZ/DDR standen Schriften Pongs' auf der »Liste der auszusondernden Literatur«. Heute geht das eleganter — da muß dem auf »Ewigkeitsschuld« konditionierten deutschen Untertan nichts zur Aussonderung vorgeschrieben werden, da reicht einfach: totschweigen.

Dennoch: Pongs' Literaturlexikon — wer es antiquarisch sieht, sollte zugreifen: so viel brauchbare Information und vergleichsweise wenig Raum (und vermutlich zu einem Schnäppchenpreis!) findet man nicht alle Tage ...