Sonntag, 7. Juni 2026

Aufklärung? Ach ja?

 
Vor mehr als einem Vierteljahrhundert erschien im Gelben Forum ein bemerkenswerter Artikel zu obiger Frage. Hier wieder zitiert als
 
 
Gastkommentar
von dottore
 
 
Talleyrand schrieb, wir seien"weit hinter die Aufklärung" zurück gesunken. Dazu ein paar kurze Gedanken.

Nach der Aufklärung brach nicht etwa eine Zeit des Friedens, des menschlichen Verstehens, der Güte und der Moral an, sondern eine der übelsten Phasen der Geschichte. Nur ein Stichwort:

Französische Revolution.


a) Sie wurde ausgelöst von den Finanzproblemen des ausgehenden Absolutismus. Die Zinszahlungen auf die Staatsschulden lagen unter Ludwig XVI. bei einem Drittel des Etats. Heute ist es nicht viel anders. Wo blieb die Aufklärung über die verheerenden Wirkungen der Staatsverschuldung? Warum sie allein Inflation, Deflation und Krise verursacht?

b) Die Abwicklung des unausweichlichen Staatsbankrotts geschah in Frankreich durch die Hyperinflation der Assignaten. So ist es bis heute geblieben. Wer klärt uns darüber auf, was Staatsverschuldung für Folgen hat? Japan: die deflationäre Depression, hervorgerufen durch die Maximierung des"Renteneffekts" der Staatsverschuldung (= Beziehen arbeitsloser Einkommen), die jetzt in eine Inflation"gedreht" werden soll, genau wie die Depression des ancien régimes 1789 ff. in eine Hyperinflation gedreht wurde? Die Türkei mit ihrer Hyperinflation, deren Probleme ausschließlich durch den Staat und seine Überschuldung verursacht sind. Wer kärt uns nicht darüber auf?

c) Die menschenverachtende Kriegsführung, die der Revolutionsgeneral Lazard Hoche in der Vendée und in Deutschland als erster einführte und die Napoleon zur Vollendung brachte (Beresina). Wie Falkenhayn vor Verdun und Hitler in toto. Was ist mit dem Balkan aktuell? Warum klärt uns keiner auf über das Phänomen des Genozids though the ages? Wer kennt schon Heinsohns"Lexikon der Völkermorde" (Rowohlt 1998)? In welcher Schulbibliothek steht es denn?

d) Die Menschenschlächterei. Glaube niemand, dass das Abschlachten der Armenier durch die Türken, Auschwitz, die Ustascha-Morde in der "Todesfabrik" von Jasenovac oder die Killing Fields in Kambodscha usw. usw. eine Erfindung des 20. Jahnhunderts seien.

Der berühmte Historiker Norman Davies ("Europe. A History", Oxford Univ. Presss 1996) führt das Phänomen des neuzeitlichen Massenschlachtens auf die Französische Revolution zurück. Nicht auf die Septembermorde und die Guillotine allein, sondern auf die Erfindung der "Noyades": Da die Revolutionäre mit dem Abschlachten ihrer Gegner durch Erschießungskommandos nicht mehr mitkamen, haben sie in Nantes Kähne genommen, die Menschen hineingefercht und versenkt. Dann wieder gehoben, die Leichen verscharrt und das ganze noch und noch wiederholt.

Davies nennt die Noyades "reusable death chambers". Warum klärt unsere Kinder in den Schulen keiner darüber auf, dass es solche Todeskammern schon lange vor den Gaskammern gegeben hat?

Aufklärung? Ach ja?

Was ist mit dem"Aufklärer" Wilhelm von Humboldt (1767-1835; Humboldt-Universität, Berlin)? Der schrieb 1791 ein Buch"Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen". Erschienen ist es erst nach seinem Tode (1851, Breslau). Warum hat er es nicht zu seinen Lebzeiten publiziert? Weil darin ein Satz vorkommt: 
"Nichts lehrt den Gebrauch der Freiheit mehr als die Freiheit selbst".
Humboldt wollte Karriere machen und so ein Buch wäre in der Restauration nach 1815 für ihn nicht förderlich gewesen.

Ich höre immer nur Aufklärer. Wer kennt das Buch von Martin van Creveld, "Aufstieg und Untergang des Staates"? Erschienen im Gerling Akademie Verlag München 1999. Warum wird es nicht verbreitet, vor allem Teil IV:"Der Staat als Ideal" (1789-1945), mit dem Kapitel"Die Vergöttlichung des Staates" 289 ff.?

Immerhin kommt der Autor, angesehener Historiker an der Hebrew University in Jerusalem, zu dem Schluss, dass es jetzt mit dem"Staat" zu Ende geht. Dass sich die Welt von heute"in ihre Bestandteile auflöst" ist ihm keineswegs"bedauerlich".

Er sieht auch die Möglichkeiten"schwerer Krawalle" und dass die Menschen"sich plötzlich in den Händen von Organisationen wieder (finden), die... autoritärer als die Staaten sind". Wer klärt uns über das Phänomen der russischen Mafia auf? Und warum sie kommen musste?

Und wer kommentiert diesen Ausblick von Crevelds:"Gewalt bricht aus, das Blut von Kombattanten und Nichtkombattanten wird vergosssen, und zumindet vorübergehend wird eine Rückkehr zu primitiveren Lebensformen die Folge sein"?

Wer klärt uns darüber auf, was passieren kann, wenn wirklich eine Große Krise kommt? Der von unserer spätstaatlichen Priesterkaste der"Ã-konomen" immer wieder gebetsmühlenartig vorgetragene Hinweis, Politik und Notenbanken würden dies schon verhindern, hat einen genau so lächerlichen Zug wie alle Dogmen, die bisher in der Geschichte aufgetischt wurden.

Van Creveld endet mit einem Mao-Zitat:
Die Sonne wir immer scheinen,
die Bäume werden immer wachsen,
und Frauen werden immer Kinder haben.
Immerhin ein Ausblick.

Aber "Aufklärung"? Die des 18. Jahrhunderts endete in Strömen von Blut. Und heute, da wir in der Tat weiter davon entfernt sind denn je, "aufgekklärt" zu sein, und ich meine konkret: aufgeklärt zu sein über den Staat selbst, werden wir möglicherweise noch ganz anderen Katastrophen entgegen schlendern.

Und wer hat die Aufklärung über den Staat und sein verheerendes Treiben querbeet durch die Geschichte bis heute, verhindert? Die fest in Staatshand befindlichen Institutionen, von der Grundschule bis zum Oberseminar einer x-beliebigen staatlichen Universität.

Woher soll denn da "Aufklärung" kommen?

Dieses Forum kann ein wenig dazu beitragen, aufzuklären. Aber wenn es immer mehr verlassen, weil sie entweder nicht rational diskussionsfähig sind oder nicht die Nerven haben, auch Mal eine schlechte Phase zu durchzustehen, dann können wir auch den Rest von Hoffnung fahren lassen.
 
-----
 
"Dieses Forum" meinte damals natürlich das GelbeForum. Man darf sich angesichts mancher Kommentare durchaus Gedanken machen, ob es nicht ebenso diesen LePenseur-Blog betrifft ... 
 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Forums-Trolle, die die Kommentarfunktion zugemüllt hatten, machten die Moderation von Kommentaren nötig. Da der Blogbetreiber weder Zeit noch Lust hat, ständig den Blog zu beobachten, können bisweilen auch mehrere Tage vergehen, bevor ein Kommentarposting freigeschaltet wird. Bitte um Verständnis.

Mit dem Posten eines Kommentars erteilen Sie die gem. DSGVO notwendige Zustimmung, daß dieser im Falle seiner Freischaltung auf Dauer gespeichert und lesbar bleibt. Von der »Blogger«-Software vorgegeben ist weiters, daß Ihre E-Mail-Adresse, sofern Sie sie bekanntgeben, gespeichert wird. Dasselbe gilt für für Meldung als »Follower« u. dergl. Sollten Sie nachträglich die Löschung eines Kommentars begehren, können Sie dies unter Angabe des bezughabenden Artikels, sowie von Datum und Uhrzeit ihres Kommentars tun. Ihr Kommentar wird dann innerhalb einer dem Blogbetreiber zumutbaren Zeit gelöscht wird (auch dies kann mehrere Tage dauern).

Ob etwaige Daten eines Kommentators (IP-Adresse etc.) von der »Blogger«-Software automatisch gespeichert und/oder weiterverarbeitet werden, entzieht sich der Kenntnis des Blogbetreibers, ist von diesem aber weder beeinflußbar noch kontrollierbar. Zu diesem Fragen wenden Sie sich bitte an:

https://www.google.de/contact/impressum.html

Hier finden Sie auch einen Hinweis zur »Datenschutzerklärung«:

https://policies.google.com/privacy?hl=de

Auf diesem Blog herrscht auch hinsichtlich der Kommentare weitestgehende Redefreiheit. Gelöscht werden jedoch Kommentare
1. durch deren Stehenlassen sich der Blogbetreiber strafrechtlichen Sanktionen aussetzen würde;
2. die dazu dienen, diesen Blog öffentlich zu diskreditieren;
3. Werbeeinschaltungen (auch in Form von Schleichwerbung);
4. persönliche Beleidigungen und ähnliches (bitte argumentieren Sie möglichst sachlich).
5. weiters können Kommentare, die ohne oder nur geringen inhaltlichen Zusammenhang mit dem Artikel oder dem daran schließenden Kommentarverlauf gepostet werden (»off topic«) — evtl. nach Abwägung der Informationsinteressen im freien Ermessen des Blogbetreibers — durch den Administrator gelöscht werden.

Wem das nicht frei genug ist, dem sei dringend geraten, seinen eigenen Blog zu eröffnen.