von LePenseur
... hatte das Neue Theater in der Scala (meist nur Scala Wien genannt) seine letzte Vorstellung. Am 31. Oktober 1908 als Johann Strauß-Theater auf dem Höhepunkt der Wiener Operette als Operettentheater eröffnet ...
... wurde es 1931 aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten in ein 1400 Personen fassendes Kino mit dem Namen Scala umgewandelt, welches aber auch für Varieté-Vorführungen genutzt werden konnte.
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs befand sich das Haus auf der Wieden, dem 4. Wiener Gemeindebezirk, in der sowjetischen Besatzungszone Wiens und wurde mit finanzieller Unterstützung der Besatzer als Sprechtheater, als Neues Theater in der Scala, wiedereröffnet. Wikiepdia beschreibt das Konzept recht anschaulich:
Nach dem Wiener Staatsvertrag von 1955, dem daraus folgenden Abzug der vier Besatzungsmächte und nachdem die Kommunistische Partei Österreichs ihre finanzielle Unterstützung eingestellt hatte, musste das Theater schließen. Die letzte Vorstellung fand am 30. Juni 1956 statt. Mit ursächlich dafür war sicherlich auch der Wiener Brecht-Boykott, den im Jahre 1954 die Publizisten Hans Weigel und Friedrich Torberg in der politisch-literarischen Zeitschrift FORVM (deren Geldgeber war pikanterweise die CIA-Vorfeldorganisaton „Congrès pour la Liberté de la Culture“) gestartet hatten. Zu dieser Kampagne gibt es einen lesenswerten Wikipedia-Artikel, den man (wenn man halbwegs sine ira et studio unterwegs ist) nicht ohne Ekelgefühle zu lesen vermag:Nach Verhandlungen mit den Sowjets, in deren Sektor sich das Theater befand, der Kommunistischen Partei Österreichs und dem Wiener Kulturamt konnte es als selbstverwaltetes Schauspielertheater seine Pforten öffnen. Wolfgang Heinz hatte 1948 in Wien – nach einer erfolgreichen Aufführung des Schauspiels Die russische Frage von Konstantin Simonow – vom sowjetischen Hochkommissar Generaloberst Wladimir Wassiljewitsch Kurassow die Freigabe des ehemaligen Großkinos Scala als Theater erhalten, und der Bürgermeister hatte ihm die Spiel-konzession erteilt. Das Theater wurde von einer Gruppe von Sozietären geleitet, man entschied gemeinsam über Spielplan und Engagements und verstand sich als linke, revolutionäre Bühne. Geplant war ein anspruchsvolles Theater, in dem das Volksstück ebenso gespielt wurde wie ‚Klassiker‘ und zeitgenössische Dramen.Die Scala war auch einem volksbildenden Anspruch verpflichtet, der das Ensemble zu Vorträgen, zu szenischen Kostproben aus den Stücken und zur Werbung von Mitgliedern für die Publikumsorganisation in die Gasthäuser der Vorstadt führte, um den Arbeitern die Schwellen-angst zu nehmen. Obwohl große Teile des bürgerlichen Theaterpublikums die „Kommunisten-bühne“ mieden, war das Theater populär. „Wir haben die Leute eingeladen, ins Theater zu kommen – und sie haben es getan: Am Anfang waren wir leer, am Ende ausverkauft.“ In vieler Hinsicht an das Theater von Bertolt Brecht und sein Theater am Schiffbauerdamm in Berlin angelehnt, waren niedrige Eintrittspreise ebenfalls programmatisch.
Der Schauspieler Karl Paryla übernahm gemeinsam mit Wolfgang Heinz, der die Theater-Konzession innehatte, die Leitung, gemeinsam mit den Schauspielern und Regisseuren Günther Haenel, Friedrich Neubauer und Emil Stöhr.
Brecht-Boykott wird eine antikommunistische Kampagne in Österreich gegen den Autor Bertolt Brecht genannt. In deren Lauf zwischen 1953 und 1963 führte kein etabliertes Wiener Theater dessen Werke auf. Initiatoren waren die beiden Publizisten Hans Weigel und Friedrich Torberg sowie der Burgtheaterdirektor Ernst Haeussermann, publizistisches Organ war die politisch-literarische Zeitschrift FORVM.
Nun ist es ja keineswegs so, daß LePenseur besonderer Vorliebe für Bertolt Brecht geziehen werden könnte, im Gegenteil: er findet dessen Theaterstücke (bei Lyrik sieht es anders aus!) ziemlich "danebengelungen", in der epischen Aufmachung und in der ständigen "Und die Moral von der Geschicht"-Tendenz einfach nervig, ganz davon abgesehen, daß ihm kommunistische Literaten generell nicht ans Herz gewachsen sind.
Aber (und dieses "aber" ist wichtig!) es geht hier um prinzipielle Fragen: ob man eine Cancel-Culture (und um nichts anderes handelte es sich bei diesem Boykott) in der Kultur als Lenkungs-Mittel goutiert oder nicht. Man kann nicht gegen die Verfemung Sarrazins, oder früher gegen die Marginalisierung und Desavouierung von Autoren der sogen. "Inneren Emigration" auftreten und eine Blockade Brechts in Ordnung finden und diejenigen, die sich nicht daran halten wollen, um ihren Beruf und ihre Ehre bringen (indem bspw. ein Friedrich Herr, damals Redakteur einer katholischen Zeitschrift, von Hans Weigel als "Kryptokommunist" diffamiert wurde, was angesichts des in unzähligen Schriften dokumentierten Weltbilds von Heer einfach lachhaft, dessen ungeachtet aber beruflich und sozial ruinös war)!
Vor vielen, vielen Jahren publizierte der Schauspieler und Filmstar Curd Jürgens seine Memoiren unter dem koketten Titel "Sechzig Jahre und kein bißchen weise" ... angesichts des heute vor siebzig Jahren mit der Schließung des Skala Wien dokumentierten Erfolgs von Rufmord- und Boykott-Kampagnen, die heute, also nach siebzig Jahren ebenso "fröhliche" Urständ', nur eben in die politische Gegenrichtung, feiern, ist man geneigt, den Buchtitel entsprechend auf "Siebzig Jahre ..." abzuändern. Die Borniertheit der sich im Besitz der Wahrheit Wähnenden ist einfach nicht kleinzukriegen.
Ach ja ... 1959/60 wurde das Gebäude des ehemaligen Johann Strauß-Theaters abgerissen. An dessen Stelle steht heute ein exemplarisch klobig-häßlicher, modern sein wollender Wohnblock der Gemeinde Wien, der wohl von einem labyrinth-begeisterten Architekten entworfen wurde: eine mitgeteilte Tür- oder auch bloß Stockwerks-nummer auf Anhieb zu finden, verdient Applaus. Und wer ihm ohne Ariadnefaden wieder lebend entkommt, umso mehr Bewunderung ...

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