Samstag, 14. März 2026

Jürgen Habermas in memoriam

von LePenseur
 
 
Die Nachricht vom Ableben des 96-jährigen Philosophen ging durch alle Nachrichtenkanäle. Das übliche Floskelbingo der Politiker und sonstigen "Eliten" setzte ein. Ein Zeremoniell, ebenso todsicher ablaufend wie fast völlig inhalts- und bedeutungslos. Nachrufe, eben ...
 
Ebenso setzte sogleich die – wenngleich deutlich kleinere – Welle von Nachtritten ein, Hadmut Danisch bspw.:
Jürgen Habermas, Nachzügler der Frankfurter Schule, ist gestorben. Schade. Ich hätte ihm gerne gesagt, für wie blöd ich das alles halte. Ein Geschwätzakrobat, Linkenpriester, eine Schlüsselfigur der alles vernichtenden 68er. [...]

So ein Dummenfütterer, von dem sich die Dummen gern füttern lassen.

Solche, die sich für Sinn, Konsistenz, Nachprüfbarkeit, Richtigkeit nicht interessieren, sondern die das gedrechselte Geschwurbel beeindruckt und die die Rede allein danach beurteilen, ob sie das gewünschte, das ideologisch passende Ergebnis liefert.

Ein Idiotensurfer, der es ausnutzte, dass es an der Universität genug Idioten gibt, um ihr Professor zu sein.
Am Ende seiner Suada dürfte ihm aber gedämmert haben, daß solches quasi am Totenbett irgendwie nicht ganz die feine Art ist, und so rettet er sich in die Behauptung:

Falls mir jetzt jemand unterstellt, ich würde einen Toten beschimpfen: Nein. Ich beschimpfe nicht Habermas. Ich beschimpfe die Habermas-Anhänger.

Also ist Danisch nicht bloß pietätlos, sondern auch noch feige? Denn als z.B. "Geschwätzakrobat" und als "Idiotensurfer" (whatever this may be ...) wird ja Habermas vorgeführt und nicht seine Anhängerschaft.

Nun ist es ja keineswegs so, daß ich Habermas als meinen Leib- & Magenphilosophen bezeichnen würde. Ein konservativer Libertärer wird die Gedankenwelt der Frankfurter Schule und der selbstgerechten Links- "Liberalismus" nicht wirklich mögen können, das ist ja klar. Und ich gebe gerne zu, daß mir in meinem Leben schlichtweg die Zeit und Geduld gefehlt hat, mich mit den überaus ermüdend geschriebenen Büchern des Verstorbenen allzu sehr auseinanderzusetzen. Ich habe in ein paar davon "hineingelesen" und sie bald wieder zur Seite gelegt. Und habe mich damit begnügt, ein bisserl was über ihn und seine Gedanken zu lesen, statt mir die "Gefangenenhausarbeit" der Original-Lektüre anzutun.

Aber (und das ist eben das große "aber"!): auch wenn ich Habermas' Schreibstil ziemlich unlesbar fand und seine Ansichten nicht teilte – daß er gedacht hat und nicht bloß sinnlos dahinschwätzte, halte ich für kaum bezweifelbar! Wer freilich à la Hadmut Danisch jedes "Denken" mit "verifiziert, empirisch an der Realität gemessen" gleichsetzt und alles nicht empirisch meßbare als Geschwätz abtut, wird das anders sehen. Für den ist eben die gesamte Geisteswissenschaft (die letztlich nur im Unwesentlichen "empirisch verifizierbar" ist) nur dazu da, in die Tonne getreten zu werden.

Ich erlaube mir jedoch bspw. die geschichtsphilosophischen Befunde des niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga – bspw. in seinem opus magnum Herbst des Mittelalters – trotz der nur peripher möglichen "empirischen Verifizierbarkeit" der darin entwickelten Gedanken für die Menschheit für weitaus wichtiger zu halten, als den durch Spektralanalyse verifizierten Nachweis, daß der ca. 800 Lichtjahre entfernte Stern TOI-3862 von einem Exoplaneten TOI-3862 b umkreist wird. Who cares ...

Doch zurück zum Verstorbenen: so sehr ich bspw. Habermas' Position im sogen. Historikerstreit ablehne und viele seiner (zahlreichen) Stellungnahmen zu jeweils tagesaktuellen Themen (von der "Pandemie" bis zum Vorgehen der Israelis in Gaza) als wenig glücklich ansehe,  wogegen er im Ukraine-Konflikt durchaus nachvollziehbare Argumente vorlegte, sei dennoch den geneigten Lesern die Lektüre des Jürgen Habermas gewidmeten Wikipedia-Artikels empfohlen, besonders die Abschnitte "Faktizität und Geltung" ff. ... ... das alles wäre nur "Geschwätz" und "Dummenfüttern"? Ich bezweifle es. Denn der spätere Papst Benedikt XVI hat mit Habermas am 19. Jänner 2004 eine vielbeachtete Diskussion zu Fragen der Religion in der heutigen säkularen Gesellschaft geführt – und der hochgebildete Theologe Josef Ratzinger wird sich wohl nicht mit einem bloßen "Idiotensurfer" auseinandersetzt haben.

Jürgen Habermas ist ca. ein Dreivierteljahr nach seiner im Juni 2025 verstorbenen Gattin, mit der er siebzig Jahre verheiratet war und drei Kinder hatte, dahingegangen. Auch das ist ein Merkmal der Persönlichkeit, das nicht unerwähnt bleiben sollte. Und bei allem Dissens zu seinen Ansichten und Überzeugungen kann ich, können wir doch sagen:

Requiescat in Pace.

 

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