Donnerstag, 5. November 2026

Die Finanz-Zange: Wie die USA das globale Geldwesen als Waffe nutzen – und damit den Untergang des Dollars einleiten

von Franz Lechner
 
 
Teil 1: Über SWIFT
 

Die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) wurde 1973 in Belgien gegründet. SWIFT ist eine Genossenschaft nach belgischem Recht und hat seinen Hauptsitz in La Hulpe bei Brüssel. Es unterliegt der Aufsicht der G10-Zentralbanken (darunter auch der US-Notenbank Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB).  

 

Der Vorstand von SWIFT besteht aus 25 Direktoren, die von den größten Banken weltweit gewählt werden – darunter sitzen zwar US-Banker, aber eben auch Deutsche, Franzosen, Briten, Japaner und damals sogar Russen.   

  

Wir müssen uns hüten, SWIFT von vornherein als böse oder korrupte Behörde, gleichsam als von Vornherein konstruierten verlängerten Arm der USA zu sehen. Zwar hat sich, wie zu zeigen sein wird, die Gesellschaft zu einem der effektivsten Erpressungswerkzeuge der Geopolitik entwickelt, aber dazu bedurfte es der Verworfenheit und Verdorbenheit einer größeren „Institution“, nämlich der EU selbst.   

  

Als genossenschaftlich organisiertes, standardisiertes Kommunikationsnetzwerk, das es Banken weltweit ermög-licht, jenseits aller politischen Interessen einfach internationale Überweisungen schnell und sicher zu avisieren, wirkt SWIFT tatsächlich harmlos, ja rational und fortschrittlich. De facto, dh rein technisch gesprochen, handelte es sich um nichts anderes als um einen reinen Sprachcode für das globale Geldsystem oder um ein technisches Schmiermittel der Globalisierung.   

 

Um die sich dahinter verbergende Macht zu verstehen, muss man zunächst mit weltweit verbreiteten öffentlichen Irrtümern aufräumen und sich darüber im Klaren sein, was SWIFT eigentlich ist – und was es eben nicht ist.  

  

Zunächst das Allerwesentlichste: SWIFT transferiert kein Geld. Es hält keine Konten, bewegt keine Vermögenswerte und wickelt keine Zahlungen ab. Es ist im Grunde nichts anderes als ein hochgesichertes, geschlossenes E-Mail-System für Banken. Wenn eine Bank in Frankfurt vom Konto des Kunden X Geld an eine Bank in Tokio schickt, sendet sie über SWIFT lediglich die standardisierte Nachricht: „Wir haben den Betrag 10.000 Dollar für Kunde Y verbucht, bitte schreibt ihn diesem gut.“  

  

Diese Nachricht geht an ein US-amerikanische Zwischenbank, bei der die Frankfurter Bank ihr Dollarkonto hat. Das wichtigste Grundprinzip vorweg: Geld „fließt“ nicht. Es wandert keine digitale Datei mit dem Wert „10.000 Dollar“* über den Ozean. Elektronisches Geld ist reine Information, die sich auf Bankkonten durch Plus- und Minusbuchungen verändert.  

 

Die deutsche Bank bucht also den Betrag vom Konto des deutschen Kunden X ab. Das Geld liegt nun bei der deutschen Bank. Aber die deutsche Bank kann dieses Geld nicht direkt nach Japan schicken, da die japanische Bank kein Konto bei der deutschen Bank hat und umgekehrt. Sie sprechen technisch gesehen nicht dieselbe Sprache.  

  

Da die Überweisung in US-Dollar ausgestellt ist, müssen die USA als Buchhalter fungieren. Die US-Zwischenbank (meist JP Morgan)( hat wie gesagt eine verschlüsselte SWIFT-Nachricht erhalten. Demnach zieht sie den Betrag iHv 10.000 Dollar vom Konto der deutschen Bank ab und schreibt ihn ihrem Handelskonto, dem sogenannten Nostro-Konto bei der japanischen Bank gut. Dieser Vorgang wird als Clearing bezeichnet. Damit ist die eigentliche Überweisung getätigt. Das Geld hat New York nicht verlassen, sondern lediglich dort den Besitzer gewechselt.  

  

Auf dem New Yorker Sammelkonto der japanische Bank werden täglich Millionen von Dollar ein- und ausgehen. Das Geld aus Deutschland ist zwar nun dort verbucht – aber die Banker in Tokio wissen noch nichts davon. Und selbst wenn sie beim täglichen Kassensturz sehen würden, dass ihr Guthaben in New York um 10.000 Dollar gestiegen ist, haben sie keine Ahnung, für welchen ihrer Millionen Kunden in Japan dieses Geld bestimmt ist. Das Geld ist für sie anonym.  

 

Es braucht zwingend die zweite SWIFT-Nachricht, die Vollzugsmeldung von der US-Bank an die Zentrale in Tokio: „Wir haben soeben den Betrag von 10.000 Dollar auf euer Handelskonto eingebucht. Das Geld kommt von der Bank aus Deutschland und ist für euren Kunden Y bestimmt. Ihr könnt es ihm jetzt auszahlen.“  

 

Erst wenn diese zweite Nachricht in Tokio eintrifft, schließt sich der Kreis. Die japanische Bank nimmt das Geld von ihrem Handelskonto und schreibt es dem Endempfänger in Tokio gut.  

 

Hat die Überweisung nicht in Dollar, sondern zB in Euro zu erfolgen, so sitzt die Zwischenbank nicht in New York, sondern in Frankfurt am Main, und das System wird von der Europäischen Zentralbank (EZB) kontrolliert.  

 

Die Funktion von SWIFT erschöpft sich also lediglich in einem doppelten verschlüsselten Botendienst. SWIFT transferiert kein Geld. Es hält keine Konten, bewegt keine Vermögenswerte und wickelt keine Zahlungen ab. Es ist im Grunde nichts anderes als ein hochgesichertes, geschlossenes E-Mail-System für Banken.  

  

SWIFT ist keine revolutionäre Neuerfindung des Finanzwesens, sondern lediglich die digitale Modernisierung eines jahrhundertealten Prinzips. Das System der Verrechnung über Zwischenbanken wurde im nationalen wie internationalen Zahlungsverkehr schon immer praktiziert. Das eigentliche Bedrohungspotenzial von SWIFT entfaltet sich erst durch eine toxische Kombination zweier Faktoren: zum einen durch seine globale, digitale Monopolstellung, und zum anderen durch die vollständige Politisierung, Korrumpierung und Instrumentali-sierung dieser eigentlich zivilen Infrastruktur durch die US-Außenpolitik. Gepaart mit dem vorauseilenden Ge-horsam eines globalisierten, zutiefst verängstigten Bankensektors, der aus nackter Existenzangst vor Washingtons Sanktionsbehörden fluchtartig nationales US-Recht vollstreckt, wurde ein technisches Kommunikationsmittel zur ultimativen geopolitischen Waffe umfunktioniert. 

 

(Fortsetzung folgt)

 

 

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