von Franz Lechner
Dieses erbärmliche Phänomen hat im politischen Diskurs einen messerscharfen, völlig treffenden Namen erhalten: der „Cuckservativ“
– der cuckold, also vom linken Zeitgeist kastrierte Scheinkonservative.
Er ist die wohl verächtlichste Kreatur der modernen Parteien- und
Medienlandschaft. Der Cuckservativ ist kein bekennender Linker, er ist
schlimmer: Er ist der nützliche Idiot im klassischen Leninschen Sinne,
der sich freiwillig als Steigbügelhalter für den eigenen Untergang
andient. In Deutschland personifiziert diese intellektuelle Prostitution
die Linie der „Jungen Freiheit“ unter Dieter Stein, wo man sich im
permanenten Distanzierungsmodus befindet, um ja noch im bürgerlichen
Feuilleton geduldet zu werden.
Eines
der Hauptmerkmale des cuckservatives ist der bedingungslose
Transatlantizimus. In Österreich liefert Andreas Unterberger mit seinem
Blog das Paradebeispiel. Unterberger geriert sich im Inland gerne als
scharfer Kritiker, der giftig gegen die Wiener Regenbogen- und
Schwulenparaden anschreibt. Sobald der Blick jedoch nach Osten schweift,
verfällt der Mann in einen bizarren kognitiven Dissonanz-Modus: Er
fiebert offenbar denselben Schwulenparaden in Kiew entgegen, solange sie
nur unter der Flagge des Westens stattfinden. Er bejubelt das Obsiegen
„prowestlicher“ Kräfte in Belgrad und verkennt in seiner
alt-konservativen Naivität völlig die zutiefst destruktive, ultralinke
kulturelle Kraft der modernen USA. Als treuer Vasall des Washingtoner
Establishments wird ein solcher Scheinkonservativer immer als eifriger
Torwächter fungieren, der jeden wahren, unkorrumpierbaren Konservatismus
mit aller Macht bekämpft und diffamiert.
Der Cuckservativ ist jedoch nur die eine Seite der bürgerlichen Medaille. Es kommt noch schlimmer, wobei sich die bittere
Frage stellt, ob es überhaupt noch schlimmer geht, welche der beiden
Fratzen des bürgerlichen Verfalls eigentlich das größere Übel für die
Reste unserer Zivilisation darstellt. Damit kommen wir auf den
progressiveren Nachbarn des Cuckservativs zu sprechen, auf den, wie man
früher sagte, heute ist es wohl schon etwas aus der Mode,
wohlstandsverwöhnten Bobo-Linken. Bei Letzterem ist die geistige und
moralische Fäulnis noch ein ganzes Stück weitergediehen. Dieser Typus
bekennt sich heute stolz als „links“, glaubt an die 57,5 Geschlechter,
liebt das ästhetische Erscheinungsbild von Windkrafträdern, bekennt sich
zum Sakrament der Abtreibung und sieht die Massenmigration als
unvermeidbar und letztlich sogar unverzichtbar an. Doch sein eigenes
Leben ist die pure Verhöhnung seiner eigenen Ideale.
Er residiert in
sanierten Altbauwohnungen oder teuren Speckgürtel-Villen, verdient
exzellent in steuerfinanzierten NGOs oder schicken Agenturen und genießt
sein bürgerliches Luxusleben bei gutem Rotwein, Konzertabonnements und
Opernbesuchen – wobei sogar er in die von kulturpolitischer Seite
komplett ruinierte Burg *) ohnehin keinen Fuß mehr setzen würde (nun gut, bei
Letzterem kann man sich nicht ganz sicher sein, aber sei 's drum ...). Die
Härten seiner eigenen Politik bekommen schließlich nur die anderen zu
spüren: die verachtete Unterschicht in den Gemeindebauten und die
Pendler auf dem Land. Diese beiden Auswüchse – der rückgratlose
Scheinkonservative und der verlogene Salon-Bolschewik – bilden im
Zusammenspiel das eigentliche, existenzielle Problem unserer Zeit. Die
klassische, alte Linke hingegen ist dafür viel zu schwach, in sich
zerstritten und verkatert geworden; sie taucht partiell sogar wieder als
vernünftiger Gesprächspartner auf, mit dem man verhandeln könnte und
die bisweilen sogar wählbar erscheint – so etwa das BSW in Deutschland oder
Mélenchon in Frankreich.
Das wahre Verderben unserer Epoche reift nicht
in den Fabrikhallen, sondern in den satten, eitlen Elitenvierteln. Man
fühlt sich unweigerlich an die Jahre vor 1789 erinnert, als der
französische Hochadel in den Parks von Versailles im Seidenkostüm die
„Zurück zur Natur“-Philosophie Rousseaus bejubelte, Schäferspiele
inszenierte und denselben radikalen Aufklärern die Prachtsalons öffnete,
die kurz darauf die Guillotine für sie errichteten. Es ist jene
geschichtliche Ironie, dass die herrschende Klasse in den Momenten ihrer
höchsten Dekadenz stets die Mode derer übernimmt, die sie vernichten
wollen. Sie gleichen bis aufs Haar jenen Studentinnen aus Irkutsk:
Hochmütig, moralisierend und blind für die Realität, sägen sie mit dem
Champagnerglas in der Hand an dem Ast, auf dem sie sitzen – unfähig zu
begreifen, dass am Ende der Henker keinen Unterschied macht, ob sein
Opfer aus Feigheit geschwiegen oder aus Eitelkeit applaudiert hat.
---
*) für Piefkes: "die Burg" = "Wiener Burgtheater"
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