Mittwoch, 4. November 2026

Das eitle Verderben: Wie das Bürgertum seine eigenen Henker applaudiert – Teil 2

von Franz Lechner 
  
Dieses erbärmliche Phänomen hat im politischen Diskurs einen messerscharfen, völlig treffenden Namen erhalten: der „Cuckservativ“ – der cuckold, also vom linken Zeitgeist kastrierte Scheinkonservative. Er ist die wohl verächtlichste Kreatur der modernen Parteien- und Medienlandschaft. Der Cuckservativ ist kein bekennender Linker, er ist schlimmer: Er ist der nützliche Idiot im klassischen Leninschen Sinne, der sich freiwillig als Steigbügelhalter für den eigenen Untergang andient. In Deutschland personifiziert diese intellektuelle Prostitution die Linie der „Jungen Freiheit“ unter Dieter Stein, wo man sich im permanenten Distanzierungsmodus befindet, um ja noch im bürgerlichen Feuilleton geduldet zu werden. 
Eines der Hauptmerkmale des cuckservatives ist der bedingungslose Transatlantizimus. In Österreich liefert Andreas Unterberger mit seinem Blog das Paradebeispiel. Unterberger geriert sich im Inland gerne als scharfer Kritiker, der giftig gegen die Wiener Regenbogen- und Schwulenparaden anschreibt. Sobald der Blick jedoch nach Osten schweift, verfällt der Mann in einen bizarren kognitiven Dissonanz-Modus: Er fiebert offenbar denselben Schwulenparaden in Kiew entgegen, solange sie nur unter der Flagge des Westens stattfinden. Er bejubelt das Obsiegen „prowestlicher“ Kräfte in Belgrad und verkennt in seiner alt-konservativen Naivität völlig die zutiefst destruktive, ultralinke kulturelle Kraft der modernen USA. Als treuer Vasall des Washingtoner Establishments wird ein solcher Scheinkonservativer immer als eifriger Torwächter fungieren, der jeden wahren, unkorrumpierbaren Konservatismus mit aller Macht bekämpft und diffamiert.
Der Cuckservativ ist jedoch nur die eine Seite der bürgerlichen Medaille. Es kommt noch schlimmer, wobei sich die bittere Frage stellt, ob es überhaupt noch schlimmer geht, welche der beiden Fratzen des bürgerlichen Verfalls eigentlich das größere Übel für die Reste unserer Zivilisation darstellt. Damit kommen wir auf den progressiveren Nachbarn des Cuckservativs zu sprechen, auf den, wie man früher sagte, heute ist es wohl schon etwas aus der Mode, wohlstandsverwöhnten Bobo-Linken. Bei Letzterem ist die geistige und moralische Fäulnis noch ein ganzes Stück weitergediehen. Dieser Typus bekennt sich heute stolz als „links“, glaubt an die 57,5 Geschlechter, liebt das ästhetische Erscheinungsbild von Windkrafträdern, bekennt sich zum Sakrament der Abtreibung und sieht die Massenmigration als unvermeidbar und letztlich sogar unverzichtbar an. Doch sein eigenes Leben ist die pure Verhöhnung seiner eigenen Ideale. 
Er residiert in sanierten Altbauwohnungen oder teuren Speckgürtel-Villen, verdient exzellent in steuerfinanzierten NGOs oder schicken Agenturen und genießt sein bürgerliches Luxusleben bei gutem Rotwein, Konzertabonnements und Opernbesuchen – wobei sogar er in die von kulturpolitischer Seite komplett ruinierte Burg *) ohnehin keinen Fuß mehr setzen würde (nun gut, bei Letzterem kann man sich nicht ganz sicher sein, aber sei 's drum ...). Die Härten seiner eigenen Politik bekommen schließlich nur die anderen zu spüren: die verachtete Unterschicht in den Gemeindebauten und die Pendler auf dem Land. Diese beiden Auswüchse – der rückgratlose Scheinkonservative und der verlogene Salon-Bolschewik – bilden im Zusammenspiel das eigentliche, existenzielle Problem unserer Zeit. Die klassische, alte Linke hingegen ist dafür viel zu schwach, in sich zerstritten und verkatert geworden; sie taucht partiell sogar wieder als vernünftiger Gesprächspartner auf, mit dem man verhandeln könnte und die bisweilen sogar wählbar erscheint – so etwa das BSW in Deutschland oder Mélenchon in Frankreich. 
Das wahre Verderben unserer Epoche reift nicht in den Fabrikhallen, sondern in den satten, eitlen Elitenvierteln. Man fühlt sich unweigerlich an die Jahre vor 1789 erinnert, als der französische Hochadel in den Parks von Versailles im Seidenkostüm die „Zurück zur Natur“-Philosophie Rousseaus bejubelte, Schäferspiele inszenierte und denselben radikalen Aufklärern die Prachtsalons öffnete, die kurz darauf die Guillotine für sie errichteten. Es ist jene geschichtliche Ironie, dass die herrschende Klasse in den Momenten ihrer höchsten Dekadenz stets die Mode derer übernimmt, die sie vernichten wollen. Sie gleichen bis aufs Haar jenen Studentinnen aus Irkutsk: Hochmütig, moralisierend und blind für die Realität, sägen sie mit dem Champagnerglas in der Hand an dem Ast, auf dem sie sitzen – unfähig zu begreifen, dass am Ende der Henker keinen Unterschied macht, ob sein Opfer aus Feigheit geschwiegen oder aus Eitelkeit applaudiert hat.
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*) für Piefkes: "die Burg" = "Wiener Burgtheater"
 

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