Montag, 18. November 2013

»Wäre die Welt doch ein bisschen amerikanisierter!«

... wünschte sich vor ein paar Tagen ein gewisser Hannes Stein in der »Welt«. Und er hinterfüttert diese Wünsche mit ganz grauenvollen Vorstellungen, was denn da wäre, gäbe es diese wahren Wohltäter der Menschheit, also: die U.S.A. nicht. Nicht, daß seine Horrorszenarien etwa nicht lustig zu lesen wären ...
Was wäre die Welt ohne Rock'n'Roll und Marilyn?

Von der Außenpolitik will ich dabei gar nicht beziehungsweise nur en passant reden. Also von einem syrischen Regime, dem keine Macht der Welt mehr den Giftzahn zöge; einem Iran, der wahrscheinlich längst Nuklearmacht wäre; von einem Putin-Russland, das in Europa schalten und walten könnte, wie es ihm in den Kram passt; von dem schwelenden Konflikt um die Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer, der wohl längst zum heißen Krieg zwischen der Volksrepublik China und Vietnam entflammt wäre, wenn Amerika nicht immer wieder schlichtend eingegriffen hätte. Geschenkt, alles geschenkt.

Aber wie sähe die Welt im Bereich der Kultur aus, wenn es dank Drohung mit einer Q-Bombe gelungen wäre, die Vereinigten Staaten in so etwas wie eine zu groß geratene Schweiz mit Cowboys und Indianern zu verwandeln? Ein Land, das außerhalb seiner Grenzen ohne Einfluss geblieben wäre? Zum Beispiel hätten Sie dann nie vom größten Komponisten des 20. Jahrhunderts gehört.

Alban Berg und Karlheinz Stockhausen würden Sie als gebildeter Mitteleuropäer natürlich kennen, aber Sie könnten nicht mitsummen, wenn ich Ihnen jetzt gut gelaunt die ersten Takte von Duke Ellingtons "Take the A Train" vorträllerte. Sie hätten, verdammt noch mal, kein bisschen Swing in den Knochen. Und was die Fünfzigerjahre betrifft, gäbe es für Sie nur deutsche Schlager, aber keinen Rock 'n' Roll. Traurig! Sie würden die Beatles und die Rolling Stones kennen, aber weder die Beach Boys noch Bob Dylan.
(Hier weiterlesen — wenn Sie diesen Schwachsinn weiterlesen wollen)
Tja, womit wir da wohl leben — nein: dahinvegetieren! — müßten ... ach geschenkt, alles geschenkt — aber spinnen wir kurz weiter (den Gedanken natürlich ...):

Wir hätten bspw. nicht zusehen müssen, daß eine durchgeknallte Supermacht ein Mini-Ländchen wie Grenada plattwalzt, nur weil seine demokratisch gewählte Regierung irgendwie nicht ins Konzept der Supermacht paßte. Wir müßten gramgebeugt darauf verzichten, daß Israël längst eine Nuklearmacht ist (aber sich um keinen Atomwaffensperrvertrag kümmern muß). Wir hätten auch kein Regime in Washington, das in Europa schalten und walten könnte, wie es ihm in den Kram paßt (wenn z.B. ein Schurkenstaat wie die Schweiz nicht so spurt, wie's den Steuerbehörden in Washington gefällt, wird er halt mit der Drohung, sein Bankwesen und seine internationalen Konzerne durch lancierte Prozesse vor US-Gerichten in den Ruin zu treiben, zur Räson gebracht).

Und wie beklagenswert wäre eine Welt, die bloß Alban Berg hätte, nicht aber Duke Ellington (dessen Charakterisierung als »größter Komponist des 20. Jahrhunderts« mich fast den grauen Novembertag vergessen ließ — selten so gelacht!). Wohl ebenso beklagenswert, wie eine Welt, in der ich darauf verzichten muß, daß mich irgendwer, den ich nicht näher kenne und auch gar nicht näher kennenlernen will, nach zwei Minuten per Vorname anredet. Oder ein Welt, in der Mutti oder auch ich nicht bespitzelt würden — das würde der ehemaligen FDJ-Sekretärin (und mir erst!) doch glatt fehlen, oder etwa nicht?

Steins Hymnus auf die Unentbehrlichkeit und Vorbildlichkeit der USA läßt mich ein wenig ratlos zurück, und die Frage schwebt mir auf den Lippen: »Was raucht der?« An den gentechnisch veränderten Zutaten der US-Hamburger alleine kann's wohl nicht liegen ... ... Ach so, ich vergaß! ... Er schreibt für »Die Welt« aus dem Reiche weiland Axel Cäsar Springers — in dem bekanntlich die Sonne der alliierten Verlagslizenz nie untergeht.

Na, dann ...

Kommentare:

FDominicus hat gesagt…

Ich frage mich immer wieviele Maßstäbe gelten? Müssen Menschenrechte in den USA andere sein als in der EU? Warum ist es in Ordnung wenn die USA sich ein Gunatanomo offen halten? Diese Frage wird auch gerade bei Ortner diskutiert und auch dort bekommt man sobald man die USA (wie ich finde zu Recht kritisiert) zu hören, man sei der Propaganda aufgesessen.

http://www.ortneronline.at/?p=25523

Ich kann dieser Verteidigung von Verbrechen wirklich nichts abgewinnen.

Anonym hat gesagt…

"Vorbildlichkeit der USA"

Mann, Sie legen die Latte aber hoch.
"Vorbildlichkeit", davon bin ich schon lange weg.

Ich freue mich schon über kleinere Dinge, zum Beispiel das kleinste Übel.

Wo lebt es sich besser, im Schutzbereich eines Imperiums oder im Zustand des permanenten Häuserkampfs, wo homo homini lupus ist?
Falls zufällig die Antwort pro-imperial ausfällt, welcher Leviathan ist am wenigsten unerträglich?
Rußland? China?

Anonym hat gesagt…

Der Maßstab sollte nicht das "kleinere Übel", sondern sollten glücklichere Zeiten sein, bevor die USA sie mittels Erpressung und Bombenhagel in die "Demokratie" "befreit" hatten.

Man sehe sich Deutschland unter Wilhelm II, Irak unter Saddam, Libyen unter Gaddafi an - und nach erfolgter "Befreiung"!

Und eine Kleinigkeit wird auch gerne vergessen: Was hatten die Ostblockstaaten den USA getan, um sie nach WK II deren Spießgesellen Stalin zur Cobefreiung auszuliefern???

Kreuzweis

eulenfurz hat gesagt…

Es ist weder alles schwarz, noch alles weiß in den USA. Die Welt würde sich auch ohne Donald Duck und Obama drehen. Und zeitgeist-angepaßte Typen wie Hannes Stein wären anders sozialisiert worden, ohne daß sie je etwas vermißt hätten. Statt Rock'n-Roll zu hüpfen und Burger zu mampfen hätten sie vielleicht Tolstoi gelesen oder die Berliner Boulette in aufgeschnittener Semmel kulinarisch weiterentwickelt.

Anonym hat gesagt…

Werter Penseur, da haben Sie fürwahr mal ein Thema aufgegriffen (nämlich die gringorianische Pop-Kultur), das in einem Land gehirngewaschener, voll-amerikanisierter Dummies, in der república bananera piefkeana, nicht nur tabu ist, sondern weit jenseits des Wahrnehmungshorizontes liegt.
Vermutlich erfreuen Sie sich des Umstands, aus Wien zu stammen, einer Welt mit sehr starker eigener Kulturtradition, mit einem „Genius Loci“, der eher dem Habitus und der warmherzig-kommoden Mentalität der K&K-Völker verpflichtet ist, als amerikanischer „Coolness“.

Denn, seit vor fast 70 Jahren die braunen Dämonen, das Ultimitavissimum an Pöhsem, aus Piefkestan exorziert wurden, hat hierzulande eine Erleuchtung nie gekannten Ausmasses stattgefunden.. – Der neue geschaffene BRD-ler_In avancierte nämlich zum grössten Durchblicker-In aller Länder und Zeiten. Durch die Entlarvung seiner diabolischen Väter und Grossväter und der daraus gewonnen Einblicke und Erkenntnisse von geradezu schwindelerregender Tiefgründigkeit , war er fürderhin für allezeit gegen jedwede Täuschung, Verführung, ja sogar gegen jeglichen Irrtum und Fehler immunisiert. – Der mit nie versiegender Verve betriebenen Verdammung all dessen was vor ihm schlecht, falsch und dumm war, fiel mithin auch die deutsche Volks-Kultur zum Opfer, der nunmehro das Etikett „Brauner-Sumpf“, Brtawurst-Kulltur“, etc. aufgeklatscht wurde.

Das „Kulturelle Vakuum“ musste also alsbald mit transatlantischen Importen gefüllt werden. Und da kam ein richtiges „Kontrastprogramm“ herübergeschwappt. –
Denn nicht mehr sentimentale Weisen, pathetisches, martialisches Trara, symphonischer Pomp, weihevoll zelebrierte Oratorien durften es sein, mit dem der neue Bundes-Hirnwasch-Kandidat zu befüttern war, sondern coole, angeberische, sich in pubertären Allmachtswahn gerierende, plärrende, krähende, scheppernde, banale, triviale Dissonanzen, die sich solche prätentiösen Titulierungen, wie „Jazz“, und „Swing“, oder RocknRoll , oder weiss der Kuckuck, was noch alles, zulegten.
Später kam noch die angeberisch-aggressive (weisse) „Rock-Musik“ dazu, und als Krönung, die fast nur noch aus primitivem Bass-Gerummse und „Motherfucker“ und „Sucker“ herauswürgendem Neger-Gebrüll bestehender „Black-Music“.

(Auf die Indoktrination durch die Mamuth-Lügenfabrik „Hollywoood“ und ihre verlogene Paradigmen setzende Seelenvergiftung möchte ich gar nicht erst eingehen)

Und so ist das Produkt des Gehirn-Vollwaschprogramms heute grundformatiert. -Ein „Dschiens“ tragender angloamerikanische Krachmusik in Wohnung und Auto plärren lassender, sich mit Hollywood-Schmonzetten aus der Flachmann-Glozte chloroformierender Hanswurscht_In.
Aber weltklug und mondän und abgeklärt isser, und wie gesagt den grossen Durchblick hat er, vor allem heutzutage hinsichtlich Kliiiimaaa-Katastrophöööö, und dem erschröcklichen Atoooom-Tooood, den er ja immer cleverer austrickst mit seiner „genialen Energie-Wende“.


Anonymus piefkensis