Beim Stöbern im Blog-Archiv fand ich einen fast zehn Jahre alten Artikel auf dem von mir früher neben diesem LePenseur-Blog betriebenen Blog "Oriens ex Alto", den ich als durchaus geeignet ansehe, am letzten Sonntag des Kirchenjahres zur Lektüre und Diskussion "wiederbelebt" zu werden. Hier also
PELAGIUS
In einem Blog "Lumen de Lumine" findet sich ein Artikel vom 4. Juni 2007 mit dem Titel "Pelagius in Rostock".
Hier wird der arme Pelagius — als ob er nicht schon genug unter den
gehässigen Angriffen von Augustinus zu leiden gehabt hätte — flugs zur
"Wurzel jeder Ideologie" gemacht. Die Autorin führt als Begründung an:
Da
der Marxismus — und damit jede linke Ideologie — grundlegend
pelagianisch ist (schließlich will er ja die Welt erlösen), kann man es
den guten Organisatoren auch nicht verübeln, dass sie die menschliche
Natur so missverstanden haben...
Denn
der Pelagianer glaubt immer an das sog. "Gute im Menschen" und denkt,
wenn man zu Leuten nur lieb ist und "keinen Grund" für Aggression gibt,
dann werden diese Leute auch ihrerseits liebe, friedliche Lämmchen
sein... Denn es kann ja nicht sein, dass Menschen einfach nur so aus
Spaß - oder gar aus Hang zum Bösen! - böse Dinge tun, etwa Schlägereien
anfangen, nicht?
Was,
bitteschön, hat Pelagianismus mit einem naiven Glauben an das "Gute im
Menschen" zu tun? Nichts. Er verwehrt sich nur gegen die im Grunde
manichäische Umdeutung des christlichen Menschenbildes durch Augustinus,
der aus der Menschheit eine einzige satansverfallene massa damnata
macht, die mit einigen wenigen, noch dazu völlig unverdienten, Ausnahmen
der ewigen Verdammnis unter unaussprechlichen Folterqualen anheimfällt.
Pelagius ist dem gegenüber der weise abwägende Philosoph, der den
Menschen weder per se zum "friedlichen Lämmchen" erklärt (wie die
Autorin unterstellt), noch auch einer niederdrückenden Verzweiflung über
eine auf ihm lastende, höchst wahrscheinliche Verdammung preisgibt,
sondern das sagt, was alle Philosophen und die meisten Religionsstifter
aller zeiten sagten: der Mensch kann gut sein, wenn er sich aufrichtig
und mit Anstrengung seiner sittlichen und geistigen Kräfte bemüht.
Und
diese Botschaft (so wenig originell sie im Grunde ist) ist m.E. viel
wichtiger und heilsamer, als alles Gerede über eine natura corrupta,
eine "erbsündliche conditio humana", eine "ungeschuldete Gnade" und wie
all die Versatzstücke christlicher Theologie so lauten, die die einfache
und vernunft- gemäß für alle Menschen aller Zeiten nachvollziehbare,
unprätentiöse Botschaft Christi des "doppelten Liebesgebotes" in einen
Gallimathias tiefsinniger distinctiones und mysteria fidei
verwandelt, der wohl Theologen erfreut, aber für das ethische Leben der
Menschen Null Relevanz besitzt.
Wenn
man Pelagius schon einen Vorwurf machen will, dann sicherlich nicht den
der naiven Überschätzung menschlicher Fähigkeiten, sondern eher den des
moralischen Rigorismus — denn nach allem, was wir über ihn wissen war
er nicht nur ein höchst sittenstrenger Mann sondern legte auch in der
Darlegung seiner Lehren auf die Ausübung sittlicher Tugenden größten
Nachdruck. P. Dr. Karl W
ALLNER O.Cist. schreibt in
Gnade und Natur über ihn folgendes:
Das
Anliegen des Pelagius war eigentlich edel: denn er forderte
kompromisslos die sittlich-religiöser Vollkommenheit im Zeitalter der
ersten Dekadenz des Christentums. Aber er irrte, wo es um das Verhältnis
von Natur und Gnade ging. 1.) es gibt keine Erbsünde: Nach
Pelagius hat die Adamssünde den Menschen nicht durch und durch
verdorben, sondern Adam hat nur äußerlich ein schlechtes Beispiel
gegeben und jetzt tun es ihm eben alle Menschen nach. Die Natur des
Menschen ist im Prinzip heil geblieben. Eine praktische Folge davon ist
auch, dass Pelagius keinen Sinn in der Kindertaufe sieht.
2.) Die
Gnade Christi, seine Erlösung, wirkt sich folglich auch nur äußerlich
aus. So wie uns Adam ein schlechtes Beispiel gegeben hat, so gibt uns
Christus ein gutes Beispiel. Wir müssen ihn also nur nachahmen. – Hier
hat Pelagius viel von den griechischen Vätern gelernt, die – wie oben
gesagt – Christus ja auch vor allem als göttlichen „Pädagogen“ gesehen
haben. Aber: diese hatten vom Johannes-Evangelium her gedacht: wir
können Christus nachahmen, weil er sein göttliches Leben in uns lebt,
wir schon eingetreten sind in die Dreifaltigkeit.
3.) Folglich ist
für Pelagius nicht die Gnade, sondern der freie Wille des Menschen das
entscheidende: nicht die Gnade bringt den Menschen dazu, rein und heilig
zu leben, sondern der Wille. Die Gnade hilft nur ein bisschen dazu
(Pelagius leugnet die Gnade nicht, aber sie ist bei ihm eigentlich nur
eine Unterstützung für die NATÜRLICHE Kraft des Willens)!
Bitte
beachten wir: Pelagius ist Mönch, ein ganz willensstarker und
tugendhafter noch dazu. So ein richtiger Tugendbold, der sich wohl jeden
morgen lustvoll gefragt hat: „Wie werde ich mich heute wieder abtöten?“
Was zu kurz kommt, ist die Gnade. Pelagius macht daher die Erbsünde
klein, damit er die eigene Fähigkeit des Menschen zu einem sittlichen
Leben betonen kann. Die Natur ist stark, die Gnade ist nur etwas
äußerliches, das der Natur hilft, sich selbst zu helfen.
So
sehr diese Charakterisierung natürlich aus dem Blickwinkel eines
römisch-katholischen Dogmatikers (der seinen Augustinus gelesen hat)
geschrieben ist, und daher Dinge verurteilt, die ein anderer eher als
Vorzug, denn als Mangel empfindet, so ist doch klar, daß ein naiver
Glaube an "das Gute im Menschen" Pelagius und seiner Lehre nun wirklich
nicht vorgeworfen werden kann. Pelagius hält den Menschen nur für
prinzipiell fähig, Gutes zu tun — wenn er es auch will und dann eben
auch tut! Und dieser Grundsatz ist ebenso vernünftig (und durch die
Evidenz tagtäglichen Geschehens jedermann einsichtig) wie notwendig,
will ich nicht quasi statt an Scilla an Charybdis scheitern und mich
jeder Verantwortung für menschliches Tun im ethischen Sinne entledigen.
Andernfalls
wäre Gott, der den Menschen schuf (und zwar wie sie nach Augustinus'
Meinung eben sind: sündhaft und unvollkommen), ihm ebenso letztlich alle
Daseinsfaktoren schafft (z.B. durch die Weltlenkung durch seine
göttliche Vorsehung, welche einen bloßen "Zufall" auf moralischem Gebiet
ausschließt), auch die moralische Ursache seiner Sünde. Selbst
Theologen, wenn sie unvoreinge-nommen zu denken wagten, erschien diese
Aussage folgerichtig, was man u.a. an der Position von Molina — dem
seine Feinde aus dem Dominikanerorden auch prompt Pelagianismus
vorwarfen! — im unsäglichen, endlosen "Gnadenstreit" entnehmen kann.
Molina hat sich eben mit der (zu seinem Glück ebenso bestechenden wie
unnachvollziehbaren) "scientia media" so weit hinausgelehnt, wie er das,
ohne den Scheiterhaufen zu riskieren, nur tun konnte. Aber gerade sein
verquälter, Augustinus' Lehren verbal nicht verletzender, Lösungspfad
zeigt schlagend, daß ihm die Argumentation von Augustinus bis zum 16.
Jh. einfach unbefriedigend erschien — nein: erscheinen mußte!
Manchmal
dauern Rehabilitierungen länger. Die des Pelagius läßt — offiziell —
noch auf sich warten. Aber unter der Oberfläche tut sich bereits was,
wie z.B. die Entscheidung des Vatikans über den "limbus puerorum"
erkennen läßt. Das hat zwar aufs erste Hinsehen nichts mit Pelagius zu
tun, aber bei genauerer Betrachtung doch sehr viel. Pelagius (und noch
mehr seinem großen Schüler Julianus von Eclanum) wurde nämlich die Frage
der Kindertaufe zum Verhängnis. Wenn die fremderlösende Gnade Christi
eben nicht das Entscheidende für mein Heil ist, dann ist auch das
fanatische Beharren auf der Kindertaufe nicht zu rechtfertigen. Dann
können wir in Gelassenheit auf Gottes Güte vertrauen, statt noch einer
im Kindbett sterbenden Mutter das Kind "zum Taufen, damit es nicht
verdammt wird" aus dem Leib reißen. Dann ist aber eben auch jeder Mensch
durch sein Handeln und Unterlassen (und nicht ein sakramentaler Vorgang
als "opus operatum") für sein Heil selbst verantwortlich — m.a.W. die
von der Kirche und ihrem Klerus gar nicht geschätzte "Selbsterlösung des
Menschen" wirft ihre Schatten auf den Horizont des Glaubens.
Und
natürlich wird gegen diese gefährliche Ansicht sofort Front gemacht:
Selbsterlösung kann's nicht geben. Basta. Nur zeigen uns Geschichte und
Gegenwart schlagend: die Fremderlösung durch Christus gibt es offenbar
ebensowenig, oder wollte jemand ernsthaft behaupten, daß die Welt
ungefähr seit dem Jahre 33 n.Chr. entscheidend besser geworden ist, und
zwar in christlichen Gebieten stärker als anderswo? Wenn überhaupt eine
Verbesserung feststellbar ist, dann nur dort, wo die Menschen sich nicht
auf jenseitige Tröstungen verließen, sondern lieber auf diesseitige
Wohltätigkeit setzten.
Humanismus
und Aufklärung (so zuwider mir letztere in ihrem platten
Fortschrittsoptimismus auch ist) haben mehr für die Menschen getan, als
mystische Gottsuche oder scholastische Gelehrsamkeit, die, ich bestreite
es nicht, auch ihr Schönes haben — aber nicht dann, wenn ich oder meine
Mitmenschen dabei verhungern ...
Das
Problem Augustinus, das die Kirche seit nunmehr eineinhalb
Jahrtausenden mit sich herum-schleppt, ist m.E. nur aus psychologischer
Sicht zu lösen. Die Unhaltbarkeit seiner Positionen, von der Erbsünde
(die Benedikt XVI. eigentlich von seiner Limbus-Entscheidung hätte
entsetzt zurück-schrecken lassen müssen), über die "massa damnata", die
nur wenigen "Auserwählten" das Heil zubilligen will, bis hin zum "extra
ecclesiam nulla salus" (in der Tradition Cyprians auch von ihm
vertreten), das doch schon seit Jahrhunderten, spätestens seit der
Kolonisierung Amerikas ad acta gelegt ist, ist die eine Seite. Die
andere ist, daß man einen durch Jahrhunderte einflußreichen Denker eben
nicht desavouieren kann, ohne sich selbst den Boden unter den Füßen
wegzuziehen. Nur wurde und wird ein gesichtswahrendes Aufgeben
augustinischer Positionen mit zunehmender Dauer seiner Wirksamkeit immer
unwahrscheinlicher.
Dieser
Ex-Playboy, der seinen Lebensekel den an seinen Lottereien nun doch
wirklich unschuldigen Mit- und Nachlebenden in Dogmenform "umhängte",
hat unglaubliches Unheil angerichtet — seine Lehren sind faktisch
seine Seelentherapie auf Kosten anderer. Er steht damit sicherlich nicht
allein da. Schon der Volksmund kennt den deftigen Satz: "Aus jungen
Schlampen werden alte Betschwestern". Was mutatis mutandis auf Augustinus wohl ebenso zutrifft.