Tagsüber ist genügend Leben auf den Straßen, auch auf den traditionellen Lebensmittelmärkten, aber wenn es einmal auf 21 Uhr zugeht, dann bekommt man das Gefühl, dass man eigentlich die Gehsteige hochklappen könnte. O.k., es war z.B. an einem Mittwoch, also unter der Woche, als ich diese Beobachtung machte. Es war die Gegend um die Landstraßer Hauptstraße, Rochusgasse, etc. In einem Lokal in der Nähe vom bereits geschlossenen Markt sah man durchs Fenster ein paar Leute sitzen, die sich in ruhiger Form unterhielten, aber irgendein Lokal mit Musik, oder einen Musikklub im Keller mit Livemusik, - tote Hose. Gerade in der Rochuskirche saßen auch zu später Stunde ein paar Leute drinnen, ansonsten bekam man den Eindruck einer aussterbenden Stadt.
Möglicherweise gibt‘s da noch Angebote im Zentrum des 1. Bezirkes, Herrengasse usw., aber ich habe ein Lokal, das von ca. 10 Lokalen im Internet in dieser Richtung angepriesen wurde, aufgesucht, um festzustellen, dass dort auch nur eine Handvoll Leute drinsitzen und man mir unter Bedauern mitgeteilt hat, dass diese angepriesene Musikunterhaltung nur an den Wochenenden stattfindet.
Das war in meiner Jugendzeit anders, - wie so vieles andere auch. Da gingen wir auch unter der Woche in die Disko oder sonst wohin, wo Musik war. Ob das mit der Jahreszeit zusammenhängt oder damit, dass die Bewohner der Stadt überaltert sind, und die jüngeren Leute im täglichen Hamsterrad drinstecken und für nichts mehr Zeit (oder auch Geld) haben, - ich weiß es nicht. Wenn ich mir den Ballkalender für Januar und Februar 2024 ansehe, dann fällt auf, dass die meisten Bälle nur mehr am Wochenende stattfinden, nur sehr selten mal ein Ball an einem Donnerstag oder an einem Dienstag.
In meiner Sturm- und Drangzeit fanden in der Ballsaison in Wien täglich (auch unter der Woche) mehrere Bälle statt, - es war für uns immer eine körperliche Meisterleistung, um 20 Uhr den ersten Ball zu besuchen (da bezahlte man den Eintritt), dann um 23 Uhr zum zweiten Ball zu wechseln (ab 23 Uhr wurde kein Eintritt mehr verlangt), und um 2 Uhr früh ging‘s zum dritten Ball. Die Schwierigkeit bestand für uns Jungvolk hauptsächlich darin, am darauffolgenden Morgen bei der Arbeit die verlangte Leistung abzuliefern und dabei die Augen offen zu halten. Aber wir haben‘s immer hingekriegt.
Am Abend war ich am Gürtel in einem Lokal, in dem man zentimeterweise seine Bestellung aufgeben konnte (der Wiener weiß, welches Lokal ich meine). Preise o.k., auch die Qualität der Speisen, und auch das Ambiente war ansprechend, Bedienung höflich und kompetent. Gemäß meinem Naturell gehe ich immer auf die jungen Leute zu, - da saß eine Gruppe am Tisch, - Burschen und Mädchen. Ich suchte das Gespräch, um herauszufinden, wie sie sich fühlen, wie sie die Stadt sehen und auch ihre Zukunft.
Was mich gefreut hat, das war vor allem die Offenheit, die Bereitschaft, mitzudenken und auch die Freundlichkeit im Gespräch. Irgendwie kam ich auf die Frage, ob sie denn keine Eltern oder Großeltern haben, die ihnen von früher erzählt haben, wie das Leben in den 60er und 70er Jahren hier war und welche Zukunftsvisionen sowie Einkommensverhältnisse damals existierten.
Und genau an diesem Punkt erkannte ich das prinzipielle Manko. Nicht nur, dass das Geschichtswissen bei den jungen Leuten eindeutig im Argen liegt, sondern auch die Neugier, wie es denn früher einmal war, bei der älteren Generation abzufragen, - das wird nicht praktiziert. Ich dagegen habe mit 16 Jahren bereits begonnen, die verschiedensten Personen (bekannte und auch mir weniger bekannte) danach auszufragen, wie das denn in der Zwischenkriegszeit und im 2. WK war.
Die Palette meiner Gesprächspartner ging vom KZ-Insassen bis zum SS-Mann, und ich profitierte von den Erzählungen der Erlebnisgeneration. Sehr beeindruckt hat mich damals das Gespräch mit dem damaligen Leiter der Arisierungsbehörde in Wien, und wie er mir von den moralischen Diskrepanzen erzählt hat, wenn er einen hochverdienten und kriegserfahrenen Offizier des 1. WK aus der deutschen Wehrmacht aussondern sollte, weil da irgendeine jüdische Oma im Stammbaum drin war. Oftmals ging er das Risiko ein, derlei Dinge zu umgehen, weil er personelle Nachteile für die Wehrmacht dadurch befürchtete.
Nun, die Generation der Kriegszeit lebt zum überwiegenden Teil nicht mehr, aber die goldenen 70er Jahre, das sollten doch eigentlich die jungen Leute wissen, wie es damals war. Vor allem sollten sie wissen, was ihnen die Politiker im Laufe der Jahrzehnte im Vergleich zu heute weggenommen haben. Hier und heute den Eltern und Großeltern die Frage zu stellen, warum man denn das zugelassen hat, warum man geschwiegen hat, so wie meine Generation damals den Älteren über die Hitlerzeit diese Frage gestellt hat, - das wäre doch angebracht.
Aber vielleicht schweigen die Älteren aus Scham, und es ist für die Jüngeren auch besser, den Vergleich nicht zu sehen. Denn ansonsten bestünde die Gefahr, dass da einige Radikaldenkende sich eine Kalaschnikow besorgen und die „biologische Ablösung“ bei den Regierungsmitgliedern bewirken.
Im Gespräch mit diesen jungen Leuten verfestigte sich bei mir der Eindruck und der Vergleich mit einem Kettenhund. Nehmen wir das Beispiel von einem jungen Hund, der mit ca. 8 Wochen vom Muttertier weggenommen und vor seiner Hütte an die Kette gelegt wurde. Er wird seinen Herrn immer anhimmeln und freudig wedeln, wenn er sein Fressen bekommt, sein Leben lang. Denn er kennt nichts anderes; er weiß nicht, was Freiheit ist. Er denkt, das ist alles „normal“.
Ich habe mich dann auch an einen Tisch gesetzt, an dem sich ältere Leute unterhalten haben, und habe in Erfahrung gebracht, dass der überwiegende Teil der jungen Leute versucht, das Beste draus zu machen und sich in einer Art Nihilismus mit dem abzufinden, was ihnen heute serviert wird. Die wenigen Idealisten, die es noch gibt, organisieren fast jede Woche irgendeine Demo, an der zahlenmäßig verschwindend geringe Teilnehmer mitmachen. Aber die Themen dieser Demos sind oftmals haarsträubend. Die Älteren dagegen haben schon lange das Handtuch geworfen und wollen eigentlich nur mehr ihre Pension verleben, solange es noch geht.
Ja, es tut weh, wenn man durch die Straßen geht, die einem von früher her vertraut sind und man stellt fest, dass sich hier sehr vieles verändert hat. Es tut weh, wenn man sich als Fremder in seiner Heimatstadt fühlt. Obwohl es vom „Ratio“ her nur logisch ist, dass sich ein Stadtbild ständig verändert. Aber es hat sich zu viel verändert. Nur Weniges zum Besseren, vieles ist dabei auf der Strecke geblieben.





