von LePenseur
... starb heute vor 120 Jahren zu Wien — nach langem, schwerem Leiden, von dem er sich zuletzt durch eigene Hand befreite. Er war gegen Ende seines Lebens hochgeehrt, ausgezeichnet mit dem Franz-Josephs-Orden, 1902 zum Mitglied des Herrenhauses (also des "Oberhauses" des cisleithanischen Reichsteiles) ernannt etc. ...
Dennoch: ein tragisches Leben, trotz der hohen Begabung als Lyriker und Novellist immer nahe am Scheitern. Verlust der Ehefrau durch ihren Suizid, davor in jüngeren und mittleren Jahren drückende Not durch hohe Schulden, die Kindheit schon kurz nach der Geburt durch den Tod des Vaters umschattet. Erst in mittleren Jahren des 1833 geborenen Dichters, brachten seine Novellen aus Österreich (1877) allgemeine Anerkennung. Für seinen größten literarischen Erfolg, die Wiener Elegien, mußte er 60 Jahre alt werden.
Die Lyrik verdankt ihm einige gedankenschwere, doch leuchtende Perlen. Unter den österreichischen Erzählern und Novellisten des späten 19. Jahrhunderts hat er mit Marie von Ebner-Eschenbach seinen herausragenden Rang.
Seinen Leutnant Burda, erinnere ich mich, haben wir im Gymnasium gelesen und die Lektüre brachte mich in einen Zustand entrückten Mitleids mit dem titelgebenden Protagonisten, eben jenem Leutnant Burda und sein Leben nach seiner idée fixe, seiner erträumt altadeligen Abstammung, die ihn zum geeigneten und in Wahrheit schon geheim ersehnten Partner einer von ihm angebeteten jungen Prinzessin macht. Eine gute, anfangs etwas schnoddrige (aber das gibt sich, zum Glück!) Rezension des Werkes findet sich hier, die zum Schluß kommt:
Ferdinand von Saar hat, in den Worten der Schriftstellerin und Kritikerin Betty Paoli (1814–1894), mit dieser Novelle ein „psychologisches Gemälde“ geschaffen. Dieses ist aber nicht nur das einfühlsame Porträt des verhaltensauffälligen Leutnant Burda, sondern mit der Steigerung seines Wahns zeigt es auch den langsamen Zerfall einer Gesellschaft, die auf Hierarchien und Schranken setzt, die sich dem Eingeweihten in kleinen Zeichen und Andeutungen erschließen, die zu missachten oder zu missdeuten eine Ambivalenz erzeugt, für die es kein angemessenes Instrumentarium gibt.
Die Frage von Sein und Schein, von Einbildung und Eingebildetsein läuft subkutan mit und lässt sich letzten Endes in der soldatischen Ordnung nur mit ritualisierter Gewalt lösen. Ferdinand von Saar hört alle sozialen Zwischentöne und macht in seiner Novelle meisterlich Gebrauch von dieser Vielstimmigkeit und Mehrdeutigkeit, mit Sinn für Spannung, aber auch für Humor, und mit Respekt vor seinem Helden. Er schafft so nicht nur ein Zeitbild, sondern gewährt auch einen Blick in die Seele eines ambivalenten, von inneren Konflikten gebeutelten Menschen, eines Zerrissenen – ein Thema, das an Aktualität seit der Zeit Sigmund Freuds nichts eingebüßt hat.
Das Deutsche Textarchiv enthält digitalisiert die Novellen aus Österreich, jene Sammlung kürzerer Werke, die ihn 1877 erstmals weiteren Kreisen bekannt machte. Darin die tragisch ergreifende und doch tröstlich endende Novelle Die Steinklopfer. Tröstliches Ende — keine allzu typische Eigenschaft in den Werken von Ferdinand von Saar ...
Aus seinen meisterhaften Wiener Elegien sei deren Siebente, der Jahreszeit gemäß, ans Ende dieses kleinen Gedenkartikels gesetzt:
VII
Andere mögen dich jetzt im steigenden Sommer verlassen,
Ich doch bleibe dir treu, strahlendurchfunkelte Stadt.
Nicht verlangt es mich mehr nach himmelan ragenden Gletschern,
Nicht nach des nordischen Meers wogenumbraustem Gestad.
Gern verträum’ ich die Tage im Dunstkreis der stilleren Straßen,
Quälen auch Hitze und Staub, giebt’s doch Oasen genug.
Wohlig schlürft sich am Morgen der Kaffee im Runde des Stadtparks,
Liebliches Blumenarom mengt der Cigarre sich bei.
Brennt die Sonne dann heißer, so find’ ich schattige Gärten,
Wo ein erquickliches Buch still und gesammelt man liest.
Ja, dann nimmst du mich auf, Erschloss’ner vom “Schätzer der Menschheit”,
In deiner breiten Alleen wipfelumdunkelte Ruh;
Oder auch du, Belvedere, mit zierlich gehegten Terrassen,
Still ins Weite hinaus schweift dort der sinnende Blick.
Traulich empfängt mich Schönbrunn, es winkt mir der gastliche Prater,
Wo dem dürstenden Mann froh sich der Abend beschließt.
Sehn’ ich mich dennoch nach kühleren Schatten, nach frischeren Lüften,
Führen auch Schienen und Dampf rasch mich in’s Volle hinein;
Rasch in ein grünes Bereich der herrlichsten Eichen und Buchen —
Tief in des Wienerwalds quellendurchrieselte Pracht.
Mögen doch Andere jetzt dich pilgernd verlassen — ich bleibe:
Liegt das Gute so nah’, wünsch’ ich mir Besseres nicht!

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