Montag, 18. März 2013

Der wunde Punkt

… war der Titel eines am Wochenende gesendeten »Wallander«-Krimis. Nun ja — es zählt nicht eben zu den Hauptaufgaben dieses eher politisch-wirtschaftlich-weltanschaulich fokussierten Blogs, das Unterhaltungsprogramm unserer Öffentlich-Rechtlichen zu rezensieren, aber gelegentlich mag auch dies vorkommen … v.a. dann, wenn ein Film mit seinen unterschwellig transportierten Aussagen LePenseur zur Kritik herausfordert — wie eben »Der wunde Punkt«.

Lassen wir »cineastische« Quisquilien beiseite, an sowas verschwende ich keine Tastaturanschläge. Ob diese oder jene Szene anders besser gedreht worden wäre — ach, geschenkt! Insgesamt wirkte der Film etwas planlos, suchend (was bei der Suche nach einem Mörder ansich kein Fehler ist), bisweilen konfus, aber so ist auch das Leben. Die Schauspieler waren, wie bei »Wallander«-Krimis gewohnt, nicht schlecht, der Plot hinreichend verworren, um auf falsche Fährten zu locken. Also doch ein guter Krimi? Mag sein, unter dem Aspekt des Krimi. Aber darum geht’s mir nicht. Mein wunder Punkt, wenn man so will, bei Krimis ist: das Genre hat mich bislang überhaupt höchst selten zu interessieren vermocht …

Vorab kurz die Handlung für die Leser, die den »wunden Punkt« nicht gesehen haben: zwei kleine Mädchen finden im Stall eines benachbarten Pferdezüchters, dessen Pferde sie gefälligkeitshalber reiten durften, ebendiesen mausetot liegend. Was zunächst wie ein Unfall eines scheuenden Pferdes aussieht, erregt Mordverdacht, der durch Berichte von Geldnöten und Wettsucht, sowie im Haus des Toten gefundenes Sado-Maso-Spielzeug samt Photos zu unterschiedlichsten Verdächtigungen führt. Es stellt sich letztlich heraus, daß der Pferdezüchter Prostituierte und Ex-Prostituierte der Domina-Szene um »Kredite« erpreßte, die er nie zurückzahlte. Sobald das im Film klar ist, ist auch das Mordmotiv klar: eine der Erpreßten hat wohl einfach genug gehabt …

Doch wie findet man den Mörder? Ganz einfach: eines der beiden Mädchen — und zwar das, dem die Eltern nach einem Streit der Mutter mit dem Pferdezüchter den weiteren Kontakt verboten haben, weil die Mama wegen ihrer früheren Tätigkeit von ihm erpreßt wurde — hatte, als sie den Toten entdeckte, am Boden die Brille ihres Vaters gefunden, und liefert ihren Papa jetzt, indem schluchzend diese Brille übergibt, dem Polizeiinspektor ans Messer. Papa wird verhaftet, tröstet das weinende Töchterchen, Mama eilt ihm nach und umarmt ihn und flüstert ihm ins Ohr, sie werde sich um die Kleine kümmern … … und hier war es gut, daß ich keinen geeigneten Gegenstand zur Hand hatte, um ihn gegen den Bildschirm zu schleudern. Sorry, aber was will uns diese Lösung, diese überraschende Wendung sagen? Zeige mir, welche Krimis du spielst, und ich sage dir, was für eine Gesellschaft du bist …

Nun, ich kenne die schwedische Rechtsordnung nicht. Mag sein, daß sie nach Jahrzehnten sozialistischer Deformation natürlichen Rechtsempfindens mittlerweile so degeneriert ist, daß sie das Zeugnisentschlagungsrecht für nahe Angehörige, das eigentlich in jeden zivilisierten Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte, nicht anerkennt. Ich weiß natürlich — ein Entschlagungsrecht ist keine Pflicht. Das Mädchen kann trotzdem aussagen und den Vater ins Kittchen bringen, keine Frage. Aber wenn sie’s tut, dann ist sie in meinen Augen kein braves, der Rechtsordnung verbundenes, sich im Gewissen schweren Herzens durchringendes Vorbild, sondern, pardon l’expression, ein letztklassiges Arschloch, dem ich in der Realität lebenslanges Siechtum und schmerzhaften Tod wünschen würde! Denn es gibt halt gewisse Dinge, die macht man einfach nicht. Egal ob der Vater jemanden umgebracht hat — die Tochter hat, verdammt noch mal, ganz instinktiv auf seiner Seite, und nicht auf der eines ermittelnden Polizeiinspektors zu stehen!

Ein unter solchen Umständen unaufgeklärt bleibender Mord ist im gesamtgesellschaftlichen Kontext weit weniger schädlich (ach, wie viele Morde werden bei uns Jahr für Jahr gar nie als solche erkannt, und daher auch nicht verfolgt!), als die Pervertierung des natürlichen Familienzusammenhaltes durch das im Film unterschwellig vermittelte Lob der Denunziation, das mich fatal an die Zeiten der totalitären Systeme roter und brauner Färbung erinnert. Denn auch damals wurde den Komsomolzen und Pimpfen eingetrichtert, daß sie gefälligst ihre »klassen-« oder »volksfeindlichen« Eltern zu verpfeifen hätten, denn »Klassen-« bzw. »Volksinteressen« stünden ethisch höher als Familienbande. Und es ist genau diese totalitäre Denkschablone, die hinter der »Lösung« des Krimis steht: ach Gottchen, mag schon sein, daß der Vater die durch Erpressung bedrohte Ehre seiner Frau und seiner Familie schützen wollte, indem er den Erpresser umbrachte, aber das Töchterchen hat doch gefälligst den befugten Staatsorganen zur Hand zu gehen (ein paar Tränchen aus »Gewissenskonflikt« werden ja gnädig konzediert), Hauptsache, die Göre stellt »die Rechtsordnung« über ihre Familie. Denn gerecht ist ja nur der Staat und seine Organe, nix in Eigenbau! Das paßt perfekt zum angestrebten totalen Verbot von Waffen in Privatbesitz, zur Unterstellung aller und jeder, noch der privatesten Beziehungen zwischen Menschen und irgendwelche »Antidiskriminierungs«-Einrichtungen etc. etc.

Es ist eben derselbe etatistisch-kollektivistische Ungeist, der unsere heutige, ach so »demokratische« Gesellschaft geistig in die Nähe früherer Totalitarismen bringt. Die Methoden haben sich, zugegeben, gewandelt. Gulag und Auschwitz sind out, »Zersetzung« (Mielke’scher Prägung), gezielte Desinformation, und frühe Erziehung zu Opportunismus sind in. Und natürlich jede Menge »informeller« Helferleins — in Presse, NGOs & Co. … wer wird sich dem widersetzen wollen? Oder, besser: können.
Der Machthaber sagt hier nicht mehr: »Du denkst wie ich, oder du stirbst«; er sagt: »Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie ich; Leben, Vermögen und alles bleiben dir erhalten; aber von dem Tage an bis du ein Fremder unter uns. […] Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er dich fliehen wie einen Aussätzigen; und selbst wer an deine Unschuld glaubt, wird dich verlassen, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.«
Diese bitteren Zeilen schrieb Alexis de Tocqueville in seiner »Demokratie in Amerika«. Wir sind längst dabei, selbst den aus ihnen sprechenden, bestürzenden Tiefstand der Freiheit noch deutlich zu unterschreiten.

Fernseh-Krimis enttarnen. Klarerweise immer den »Täter«, sonst würde ja keiner zusehen. Bisweilen enttarnen sie auch, eher unbeabsichtigt, was hinter dem permanenten Entertainment unserer Zeit steht: die Diktatur des Konformismus, dem alles in lobenswerter Weise zu opfern ist. Und wäre es die Freiheit des Vaters oder der Ruf der Mutter.

Kommentare:

FDominicus hat gesagt…

Passt schon lieber Denker. Die Perversion von Recht kann man täglich "bewundern". Es gibt heute wohl mehr Gesetze den je und das Recht verschwindet hinter diesen Gesetzen.

Wir leben in einer Zeit in der Haß und Mißgunst erbärmliche Höchsständer erreicht. Da kann natürlich die "Presse" nicht hinten anstehen.

Bitte sagen schreiben Sie mir wann Sie das letzte Mal in der Presse etwas von Freiheit gelesen haben. Ging/geht es nicht immer nur um mehr Gesetze gegen was-auch-immer-für-einen-Betrug?

Schauen Sie bitte in die Blogs von Heute und lesen Sie dann bei den Zeitungen vorbei. Mehr Misinformatio und mehr Propaganda als es derzeit auf den Zeitungsseiten gibt, geht zwar nocht, da muß man sich aber richtig anstrengen.

Denunziantentum, Diebstahl, Betrug können Sie täglich "bewundern"...

MeistersingerVonNürnberg hat gesagt…

Den "Wunden Punkt" habe ich jetzt nicht gesehen. Doch nahezu identische Gedanken beschlichen mich vor einigen Wochen nachdem Verlassen des örtlichen Kinos. Zuvor hatte ich meiner Freundin zuliebe mit ihr den Film "Flight" angesehen.

Zu dessen Inhalt und seiner aviatorischer "Realitätsnähe" - die dem film nämlich vollkommen abgeht - ist bereits in diesem lesenswerten Artikel schon alles gesagt: http://www.thedailybeast.com/articles/2012/11/18/real-pilots-laugh-at-flight.html

Das wirkliche Thema und die wirkliche Aussage des Films kommen viel subtiler daher. Denn am Ende liefert sich der Antiheld Captain William „Whip“ Whitaker selbst den in Richterrobe daherkommenden Schergen Leviathans ans Messer. Obgleich sich in der Bruchlandung seines Fliegers nicht das Risiko realisierte, welches vom Führen des Flugzeugs unter Alkohol- und Kokain-Einfluss ausging. Sondern stattdessen jenes von Wartungsmängeln am Höhenleitwerk, welche das Flugzeug in jenen Sturzflug zwang, an dessen Ende anstelle eines allemal fataleren Impacts im Terrain dank pilotenseitigem Eingreifen immerhin eine für die meisten Passagiere und Besatzungsmitglieder überlebbare Bruchlandung stand.
Einem Alkoholiker - so will der Film lehren - steht die Berufung auf eine derartige Verteidigungslinie nicht zu. Natürlich wird er für seine Sündhaftigkeit mit Entzug der Fluglizenz (de facto also für einen Piloten mit dem wirtschaftlichen Ruin) und einigen Jahren Freiheitsentzug bestraft.

Nicht der Staat ist das Problem, auch nicht die an der Sicherheit für Personal und Kundschaft sparende Fluglinie. Wie könnte man so etwas auch nur denken. Es war der arrogante, es mit Stuardessen treibende, koksende und saufende, und überhaupt im Ganzen sowieso total unsympathische Flugkapitän, der das ganze Schlamassel verursacht haben muss.
Erstmals sympathisch dargestellt wird der erst mit und nach der Aufgabe jedweder Bemühungen, sich gegen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zur Wehr zu setzten.

Die Botschaft des Fils könnte also eindeutiger nicht sein: das Kollektiv ist alles - Du bist nichts.


Nescio hat gesagt…

Gut analysiert, cher Penseur.

In diesem Film wurde uns beigebracht, wie wichtig und ehrenvoll das Denunziantentum ist.

Wenn man "bewußt" fernsieht, merkt man, daß einem eigentlich fast jeder Film ins Hirn schei***.

Schon vor 25 Jahren fiel mir auf, daß alle Bösewichter in Hollywoodfilmen plötzlich blond und blauäugig waren. Die meisten lächerlich übertrieben blond gefärbt, denn naturblonde Schauspieler gabs nur noch wenige. Und böse Nah-Ziehs gabs plötzlich jede Menge. Im Film.

Der Trend schwappte Anfang der 90-er Jahre übern großen Teich in unsere von unseren Steuergeldern alimentierte Filmbranche herüber: Ständig böse Glatzköpfe mit Springerstiefeln. Im Film. Nur in natura (und ich kam damals viel herum) sah ich solche nie.

Daraus haben wir alle was gelernt. Die einen so, die anderen haben daraus andere Schlüsse gezogen.

Mein Schluß: Bei mir bleibt der Hirnsch****** ausgeschaltet.