Donnerstag, 12. Februar 2015

Sir John Retcliffe

Sir John Retcliffe
»... .eigentlich Hermann Ottomar Friedrich Goedsche (* 12. Februar 1815 in Trachenberg, Schlesien; † 8. November 1878 in Bad Warm- brunn)«, wie uns Wikipedia informiert, wurde also heute vor zweihundert Jahren geboren.

Wenn sein Name überhaupt noch jemandem bekannt ist, dann vielleicht jenen, die als Jugendliche seinen Roman »Nena Sahib« in der verkürzten (und entschärften) Neuausgabe des Karl-May-Verlags verschlungen haben — denn abenteuerlich genug ist er ja auch in dieser Bearbeitung! Freilich opferte die Kürzung (von drei auf zwei Bände) ganz »zufällig« weite Teile der oft geharnischten Kritik Sir John Retcliffs an der britischen Kolonialherrschaft in Indien. Aber die sind für abenteuerinteressierte junge Leseratten (der Rest spielt inzwischen ohnehin lieber mit der Fantasy-Spielkonsole der Saison) vermutlich nicht so interessant.

Mittlerweile sind aber auch diese, ad usum delphini kastrierten Neuausgaben weitgehend vergriffen. Was schade ist, denn dieser pseudonym hochstapelnde »Sir John« konnte etwas, das in der deutscher Romanzunft seltener ist, als man glauben mag: fesselnd schreiben! Sicherlich: was er uns in seinen vielbändigen Romanen (der originale »Nena Sahib« ist da mit seinen drei Bänden fast schon kurz geraten!) zumutet, stößt an die Grenzen heutiger Lesebereitschaft — »Sebastopol«, »Zehn Jahre!« (und wie sie alle heißen), sind meist vierbändig, sein größter Romanzyklus, »Biarritz« zählt sogar acht Bände, nicht mitgerechnet die weiteren fünf seiner Fortsetzung »Um die Weltherrschaft«, nach denen der Autor, erst 63-jährig und im Brotberuf wohlbestallter Direktor eines Militär-Kurbades, verstorben ist.

»Biarritz. Historisch-politischer Roman« (1868-76): der ominöse Name ist gefallen. Denn dieser Romanzyklus dürfte den wahren Grund für die fast völlige Vergessenheit des Autors, die man ohne große Übertreibung als damnatio memoriæ bezeichnen kann, enthalten: das Kapitel »Auf dem Judenkirchhof in Prag« — wie uns Wikipedia informiert
… die wesentliche Quelle des späteren antisemitischen Pamphlets Die Protokolle der Weisen von Zion. Geschildert werden die Vertreter der Zwölf Stämme Israels bei einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte auf dem jüdischen Friedhof in Prag. Sie berichten über die Fortschritte ihres langfristigen Plans, die Weltherrschaft zu errichten. Zu den Methoden, dieses Ziel zu erreichen, zählen der Erwerb von Grundbesitz, die Umwandlung von Handwerkern in Industriearbeiter, die Infiltration in hohe Staatsämter, die Beherrschung der Presse usw. Der Vorsitzende Levit drückt am Ende der Sitzung den Wunsch aus, in 100 Jahren die Könige der Welt zu sein. Diese Rede („Rede des Rabbiners“) wurde später häufig rezipiert und zu einem elementaren Bestandteil der Protokolle. In der Epoche des Dritten Reichs erschien das Juden-friedhof-Kapitel als eigenständiger Text in einer Vielzahl von verschiedenen Ausgaben.
Huch, wie schrecklich! Aber das muß man sich ja irgendwie auf der Zunge zergehen lassen: da schreibt einer einen Roman, in dem eine Szene vorkommt, die dann, ohne die Quellenangabe zu zitieren und lange nach dem Tod dieses Autors, als angebliches Protokoll eines wirklichen Ereignisses veröffentlicht wird — und verfemt wird der Autor, und nicht etwa der Plagiator. Das ist ja geradezu so, wie wenn man Orwell verfemte dafür, daß mittlerweile unsere Welt der Geheimdienste fatal an seinen Roman »1984« erinnert …

Und, Hand aufs Herz: wer auch nur einen der Romane Sir John Retcliffs in nicht-purifizierter Fassung gelesen hat, der wird zustimmen: literarisch sind sie wohl nicht schlechter als »1984«. Sicherlich: man spürt in ihnen den gewiegten Zeitungsschreiber aus der geschickt inszenierten Handlungsführung mit ihrem Spannungsaufbau und ihren verwirrenden Szenenwechseln — die Handlung im ersten Band von »Um die Weltherrschaft« springt um das Jahr 1860/61 etwa vom Berlin König Wilhelms I in die Wüstensteppen des Sudan, von dort ins päpstliche Rom unter der Bedrohung durch Garibaldi, sodann ins bäuerliche Westfalen, um schließlich im Berlin der Zeitungsredaktionen und politischen Agitatoren zu landen. Da diese Romane üblicherweise in bogenweiser Lieferung als Fortsetzungsroman (in »Kolportage«), und nicht als gebundene Bände erschienen, waren das die handelsüblichen Kniffe, um das Interesse der Leserschaft — ganz nach dem Motto heutigen Privat-TVs: »Bleiben Sie dran!« — bei der Stange zu halten.

Nein, Sir John Retcliffe hat uns keine hohe Literatur hinterlassen. War auch bei der »Kreuzzeitung« ein (später — viel später!) so berühmter Romancier wie Theodor Fontane sein Kollege: es hat auf unseren Autor keine literarisch veredelnden Vorwirkungen gezeitigt! Dennoch: wer einen »deutschen Dumas père« entdecken will, der wird an dem so englandkritischen vorgeblichen Sir John interessantes, und für die Denkungsweise seiner Zeit und seines Landes überaus aufschlußreiches »Lesefutter« finden. Aber, wie wir wissen: nicht nur die »haute cuisine« hat ihre Reize — wirklich gekonnt zubereitete Hausmannskost vermag oft den — auch anspruchsvollen — Gaumen nicht weniger zu erfreuen! Kulinarisch nicht anders, als literarisch …

----------------------------------------------------------

P.S.: Der Roman »Sebastopol« ist hier online lesbar. Weitere Roman(teil)e finden sich beim Gutenberg-Projekt. Manches (mit viel Geduld und Glück) antiquarisch.

Kommentare:

Peter Friedrich hat gesagt…

Na, mit dem Verweis auf antisemitisches Gedankengut, das von (wichtig!) ANDERER Seite bereits schon einmal gesagt wurde, hat man ja nun mal wieder etwas gesagt, das man in Deutschland nicht mehr sagen darf...

Anonym hat gesagt…

Wer GENAU hinsieht, wird erkennen, wie lächerlich die angeblichen Wünsche und Pläne der "Auserwählten" doch sind.

Mittels der Prüffrage "Wen darf man nicht kritisieren?" (bzw. "Wessen Gefühle sind sakrosankt?") kann es jeder selbst herausfinden.

Daher ein Dankeschön auf den gut geschriebenen Hinweis auf diesen Autor, der bisher eine Bildungslücke bildete und auf dessen Werke ich nun sehr neugierig bin!

Kreuzweis

Anonym hat gesagt…

Multikulti ist Völkermord, Antisemitismus ist geistige Gesundheit.

Le Penseur hat gesagt…

Cher Anonym,

Ersteres wird zutreffen, zweiteres ist Unsinn!

Wer glaubt, »geistige Gesundheit« dadurch zu erlangen, daß er bspw. die Philosophie eines Spinoza verteufelt, die wunderbare Musik eines Mendelssohn-Bartholdy verachtet, Einsteins Relativitätstheorie als »unvölkisch« ablehnt, oder die nationalökonomischen Erkenntnisse eines Ludwig von Mises geringschätzt, der ist schlicht und einfach ein Ignorant.

Viele Juden haben entscheidende Beiträge zu unserer abendländischen Kultur geleistet. Die meisten von ihnen nicht spezifisch als »Juden« — aber »Antisemitismus« ist ja auch etwas deutlich anderes als »Antijudaismus« (oder gar »Antizionismus«).

Der (Rassen-)Antisemitismus der Nazis (und ihrer Vor- und Nachläufer) ist in seiner primitiven, undifferenzierten Ablehnung »des« Juden einfach dämlich. Und verrät über seine Vertreter höchstens, daß sie (vermutlich berechtigte) Minderwertigkeitsgefühle gegenüber erfolgreichen Juden haben.

Nun: selbst besser machen, wäre da die Lösung! Nicht: »die« Juden schlechtmachen. Und »endlösen« (nicht, daß ich Ihnen das unterstellen möchte) schon gar nicht.