Freitag, 24. Juli 2015

»Der Papst vergisst, dass der Weg zurück ins Paradies versperrt ist«

Lesenswertes Interview mit Robert Grötzinger aus Anlaß der jüngsten päpstlichen Enzyklika »Laudato Si«:
Herr Grözinger, Sie sind Autor des Buches „Jesus, der Kapitalist“. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus gelesen haben?

Während der Lektüre der Enzyklika bin ich immer wieder auf Formulierungen gestoßen, die sehr im vagen und ungefähren bleiben. Etwa wenn Franziskus beklagt, dass die Menschen die „Unversehrtheit der Erde zerstören“. Er benennt zwar hier und dort konkrete Schäden, geht aber nirgends darauf ein, wie er sich die „Unversehrtheit der Erde“ vorstellt und welche Rolle die Menschen dabei spielen sollen. Er beklagt immer nur, ohne ernsthafte Lösungswege aufzuzeigen. Oder wenn, laufen sie auf eine weitere Einschränkung der Freiheiten, auf eine Stärkung des Staates oder internationaler Organisationen und auf eine Art Heiligsprechung materieller Armut hinaus.
Manch frommen (und wohl auch bloß: kirchennahen) Menschen wird der kühle Ton, in dem über dieses päpstliche Lehrschreiben gehandelt wird, wenig gefallen. Auch manche Schlußfolgerungen erscheinen etwas »gegen den Strich« gebürstet, keine Frage — aber alles in allem muß auch der irritierte Leser zubilligen, daß dieses Interview keineswegs in gehässiger Form einfach die Enzykklika »zerreißt«, sondern vielmehr mit wohlüberlegten Argumenten deren Schwachstellen und zu Fehlinterpretationen einladenden Verkürzungen der ökonomischen Wirklichkeit offenlegt.

Auch der Befürworter dieses Enzyklika (LePenseur gehört allerdings nicht zu ihnen!) wird nach dem Interview zumindest den »Fragestand« hinsichtlich einer Reihe von Problemen klarer erkennen können (sofern er das will). Und das ist sicherlich mehr, als mit einem polemischen Häme-Artikel zu erreichen gewesen wäre.

Kommentare:

Phil hat gesagt…

Genau das war auch mein Problem: Im Ansatz entwirft der Heilige Vater in der Enzyklika ein Bild, daß sich quasi Mutter Erde um uns kümmert - und alle schrecklichen Seiten von Mutter Natur durch Industrie und Wirtschaft kommen würden. Nun mag man theologisch argumentieren, daß die Schattenseiten der Natur ihre Wurzel in der Erbsünde haben, aber die in der Enzyklika dargestellte 1:1-Beziehung zwischen Katastrophen und den Sünden der Zivilreligion stimmt so eben nicht. Sicherlich muß an manchen Stellen mehr zur Bewahrung der Schöpfung getan werden, noch viel wichtiger ist jedoch, daß der Mensch das weiterhin tut, was er seit der Bändigung des Feuers machte: Er muß die Natur - trotz aller Widrigkeiten - nutzbar machen. Denn alle von oben verordnete Klimapolitik wird uns nichts nützen, wenn die Sonne mal ordentlich unruhig wird oder der Pinatubo richtig ordentlich ausbricht.

Anonym hat gesagt…

"daß sich quasi Mutter Erde um uns kümmert"

"Mutter Erde" kümmert sich einen Scheidreck (pardon!) um die Menschen; nirgends, auch nicht in den klimatisch günstigen Regionen. Myriaden von Krankheiten bzw. Parasiten hält sie bereit, dem Menschen jedes Paradies zu versauen.

Jedes Bißchen "Pardies auf Erden" mußte der Mensch mit List und Verstand "Mutter Erde" abringen.

Der Pabst und alle anderen "Zivilisationskritiker" sind herzlich eingeladen, auf die modernen Errungenschaften zu verzichten! Tun sie aber nicht, selbst die größten Prediger des "Zurück zur Natur" nutzen die Vorteile der "bösen Chemie" z.B.

Also alles HEUCHLER!

Kreuzweis

Ester hat gesagt…

Ja das ist einfach das Problem, dass der Mensch nicht leben kann, ohne die Natur zu verändern.
Aber bekanntlich ändert sich die Oberflächenform der Erde, die Zusammensetzung der Atmosphäre sowie Fauna und Flora auch von ganz alleine, wie jeder Schüler schon in der Grundschule lernt.
Von daher scheinen all die Umweltschützer davon auszugehen, dass die Evolution den Zweck hat, die gewordene Oberflächenform von 2015 mitsamt dem da gerade herrschenden, weltweiten Klima, sowie die da gerade vorherrschende Fauna und Flora sozusagen zu konservieren, mitsamt dem Korrekturfaktor "Wie hätten wir es gerne?".
Im Grunde steckt hinter dem ganzen Klimaschutz Gedanken eine doppelte Unlogik zum einen geht man davon aus, dass alles so zu bleiben hat, wie es ist, und behauptet, dass nur der Mensch die Dinge ändert, negiert also alle Evolution und Geologie.
Zum anderen geht man davon aus, dass der moderne Mensch mit all seiner Technik udn Wissenschaft nicht in der Lage ist, das was seine Vorfahren geschafft haben, nämlich mit Änderungen des Klimas umzugehen, auch hinkriegen wird.
Und das Klima hat sich schon immer und ewig geändert, gerade deshalb kann man z.b anhand der Abfolge der Baumringe, hölzerne Artefakte datieren. Stichwort Dentrochronologie.
Auch war Grönland mal grün und vor 1400 Jahren wuchs im Norden der USA Wein, weswegen Erik der Rote die heutigen Neuenglandstaaten "Weinland" nannte und noch um 1300 wurde in der norddeutschen Tiefebene wein angebaut und die Römer bauten in der Eifel Obst an..... aber natürlich ist der moderne Mensch Schuld, und es ist ganz schrecklich, wenn Grönland z.B wieder grün würde, was es ja nachweislich schon mal war.
Man nennt sows Ideologie!

Anonym hat gesagt…

"Er muß die Natur - trotz aller Widrigkeiten - nutzbar machen."

Das ist der passende Ausdruck. Die romantische Naturbetrachtung - bei aller Berechtigung in ästhetischer und vielleicht auch anderer Hinsicht - als Idee gibt es noch nicht allzu lange. Unsere Vorfahren, die zu allen Zeiten zu gut 80% (insgesamt die längste Zeit wohl mehr) sehr "naturnah" lebten, hätten so ein verzärtelndes Geschwätz gar nicht verstanden und selbst wenn, wäre es ihnen sicherlich abstrus erschienen. Selbst für die alten Heiden mit ihren Matronen und "Großen Müttern" (z. B. Magna Mater Kybele und verwandte Formen) wäre das Irrsinn gewesen. Man wußte ja um die Ambivalenz der Natur bzw. unseres Verhältnisses zur Natur, was sich auch in den Mythen und Sagen niederschlug.

Unser Vermögen, die Natur nutzbar zu machen, ist seinerseits Natur und Ausdruck unserer Natur im strengen Sinne. Hier irgendeine Differenz anzusetzen, als dürfte gerade dieses Eingreifen in die Natur, gemäß unserem Vermögen, nicht sein, wo jedes Tier auf seine Weise in seine Umwelt eingreift, vielfach auch ohne Rücksicht auf Verluste, ist nachgerade absurd, wo wir doch aufgrund unseres eigenen kogntiven Apparates, der uns die Konsequenzen unseres Tuns für uns selbst wie auch für unsere Umwelt wohl weit besser vor Augen stellt, dafür um Längen besser ausgestattet sind als Tiere.
Aus diesem Herausnehmen des Menschen aus Natur einerseits bei gleichzeitiger Romantisierung und Verzärtelung der Natur andererseits erwachsen bei einigen solche Blüten. Es gibt zwar noch andere, mit anderen Gründen, aber beim Papst scheint, abgesehen davon, daß er an die Ergebnisse der Klimaforschung glaubt, so etwas vorzuliegen, der Tendenz nach zumindest.

Echte Zivilisationskritik - vielfach nicht unberechtigt - ist dabei ein mühsameres Geschäft, jedenfalls wenn sich aus einer solchen auch durchdachte Resultate ergeben sollen.