Donnerstag, 5. November 2020

Heute vor 125 Jahren

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.. wurde zu Lyon einer der »Jahrhundertpianisten« des 20. Jahrhunderts geboren: Walter Gieseking. Der (deutsche) Wikipedia-Artikel widmet ihm, seinem Interpretationsstil und seiner »Technik« — besonders für jeden pianistisch Interessierten und Versierten mit Gewinn zu lesen:
Grundlage von Giesekings Technik war die von Karl Leimer entwickelte und von Gieseking weiter ausgebaute Methode („Leimer-Gieseking“). Merkmale dieser Methode sind: Relaxation (Entspannung der Muskeln), Gedächtnistraining durch Lernen des Notentextes ohne Instrument, Erziehung des Gehörs durch höchste Konzentration beim Üben, Verbannung von geistlosem Drill und unbedingtes Festhalten an der Notation, Einbeziehen des gesamten Armes beim Spiel (Gewichtsspiel), aber auch konventionelle Ausbildung der Finger, allerdings ohne die in der älteren Klaviermethodik oft zu beobachtende Starrheit und Verkrampfung. Technik wird nur in Verbindung mit dem Studium von Originalwerken entwickelt, also keine eigenen Fingerübungen bzw. Etüden. Einzelheiten im Technischen: Unterarmrollung statt Daumenuntersatz bei Tonleitern und gebrochenen Akkorden, Verzicht auf Fingerwechsel bei repetierten Noten, außerdem eine so genannte Halbpedaltechnik.
Gieseking war insbesondere als Mozart-Interpret weltberühmt — und wer in die fast neun (!) Stunden, die uns Youtube beschert, hineingehört hat, weiß warum!


Wer den ebenso gefeierten Debussy-Interpreten bevorzugt: hier werden Sie geholfen! Doch nicht nur als Pianist großartiger Klavierabende glänzte er, auch auf den Konzertpodien der Welt war er zuhause. Wikipedia erwähnt, daß er sich als einer der ersten (neben dem Komponisten selbst) an das 2. und 3. Klavierkonzert von Rachmaninow wagte. Und trotz tontechnischer Limitierungen zählt seine aus 1940 datierende Interpretation des "2. Rachmaninow" mit dem Concertgebouw unter Mengelberg unter den mir bekannten wohl zu den schönsten und »intensivsten«:


Auch als Beethoveninterpret (wir sollten das im heutigen Beethovenjahr erwähnen) war Gieseking eine Legende. Ein Juwel aus dem Jahre 1945 mit seinem Klavierkonzert in Es-dur, in dem er vom Berliner Rundfunkorchester unter Arthur Rother begleitet wird, will ich Ihnen nicht vorenthalten:


Wie üblich darf in einem deutschen Wikipedia-Artikel wessen auch immer, der das Pech hatte, in eine Kontaktkontamination mit irgend etwas »Tausendjährigem« geraten zu sein, eine breit ausgewalzte Darstellung des Wie? und Warum? nicht fehlen. Und wenn es nur so Banalitäten enthält, wie daß sein Konkurrent Rubinstein
... erinnert sich in seiner Autobiographie My Many Years an ein Gespräch mit Gieseking, in dem dieser gesagt haben soll: „I am a committed Nazi. Hitler is saving our country.“ 
sein wahrlich nicht nur an
Gieseking bewiesenes Lästermaul gewetzt hat (was Rubinsteins Memoiren zu einer zwar amüsanten, aber  irgendwie verstimmenden Lektüre macht ...). Wenig hilft da eine lahme Ehrenrettung:
Gieseking, nach Prägung, Stil und Repertoire viel eher Kosmopolit als Vertreter der deutschen Klavierschule, wurde nach dem Kriegsende 1945 für sein Verbleiben in Deutschland angefeindet, obwohl er nie Mitglied der NSDAP war und an seinem jüdischen Konzertagenten Arthur Bernstein, der auch sein Freund und Trauzeuge war, festgehalten hatte und ihn, obwohl dieser seit 1933 seine Konzession verloren hatte, bis zur Emigration 1937 weiterhin bezahlte und diese auch noch finanziell unterstützte.
Merke: wer ein Nazi ist, bestimmen wir. Und wenn er keiner ist und Verfolgten geholfen hat: piepegal! Am 26. Oktober 1956 verstarb dieser Pianist, viel zu früh, in London nach einer Notoperation erst 61-jährig. Ein Dreivierteljahr zuvor hatte er bei einem Autounfall seine Frau, mit der er über 30 Jahre verheiratet gewesen war, verloren. 

Noch eine kleine persönliche Anmerkung: meine Mutter hat ihn – wie auch die meisten anderen großen Pianisten jener Zeit – im Berlin des Zweiten Weltkriegs gehört. Und sie, die durch die Zeitumstände selbst statt einer manchmal erträumten Musik-Karriere (und wenn's auch nur eine bescheidene gewesen wäre!) in der Tretmühle von Sekretariatsarbeiten eingespannt war, bewunderte ihn grenzenlos – mit Edwin Fischer (nur dessen lautes Schnaufen beim Spielen störte sie allerdings) und Wilhelm Backhaus war er ihr pianistisches Idol ...

Und weil ich gerade auf einen Artikel mit Beethovens 4. Klavierkonzert verlinkt habe, stehe hier zum Abschluß des kleinen Gedenkartikels ebendieses Konzert, in dem Walter Gieseking vom Philharmonia Orchestra unter Herbert von Karajan begleitet wird. Interessanter Interpretationsvergleich garantiert:




Kommentare:

Karolinger hat gesagt…

Wenn es stimt, dass Gieseking "Kosmopolit" war, dann sollten bei uns die Alarmglocken läuten. Dann war er auf einer Linie mit Gates, Soros und der UNO.

Nichts für mich. Der mindestens so bedeutende französische Pianist Alfred Cortot war ein echter Patriot und ein treuer Bürger des Deutschland wohlgesonnenen Vichy-Frankreichs.

Le Penseur hat gesagt…

Cher Karolinger,

na, dann schmeißen wir halt Goethe und Kant am besten auch gleich weg. Oder Nietzsche. Denn die alle haben sich auch als Weltbürger/Kosmopoliten bezeichnet (und viele, viele andere auch).

Nur: Gates, Soros & Co. sind keine Kosmopoliten, sie sind Globalisten!

Kosmopoliten können (fast) überall zuhause sein. Globalisten wollen, daß keiner sich irgendwo "zuhause" fühlen darf.

Um diesen Unterschied möcht' ich — wie der Wiener sagt — Klavier spielen können ...

Und wenn's geht: wie einst Gieseking ;-)

Sir Som hat gesagt…

Werter Le Penseur,

danke für Ihre immer wieder höchst interessanten Hörtipps!

gerd hat gesagt…

Es geht mir als "Hörer" sowas am Allerwertesten vorbei, wie sich ein Pianist selber bezeichnet oder von anderen bezeichnet wird. Alarmglocken hätten bei mir geläutet, wenn Gieseking sich sämtliche Finger gebrochen hätte.