Mittwoch, 2. Juli 2014

Der große (fast) Unbekannte

… dessen Geburt sich heute zum dreihundertsten Male jährt — wer kennt mehr von ihm als zwei kurze Stücke seines Schaffens (und selbst diese Bekanntschaft ist meist der Erwähnung seines Namens im Gymnasialunterricht zu danken)? Wer kennt ihn also heute noch, diesen Christoph Willibald Gluck? Bessergesagt: »Ritter von Gluck«, wie er sich selbst- und rangbewußt seit der Ernennung zum Ritter des päpstlichen »Ordens vom Goldenen Sporn« zu nennen pflegte (und — wie selbstverständlich — auch von allen genannt wurde; Mozart erhielt denselben Orden, man kam aber nicht auf die Idee, ihn deshalb »Ritter von Mozart« zu nennen).

Und doch war dieser Ritter von Gluck zu Lebzeiten nicht bloß ein überaus erfolgreicher Komponist (nun, da gibt’s viele), sondern geradezu der künstlerische Heros einer ganzen Epoche, und der (zumindest Mit-) Begründender einer ganzen, neuen Musikgattung: des »Musikdramas« nämlich (noch Wagner sollte sich auf ihn berufen), welches durch Glucks Reformen die in Schematismus erstarrten Typen der opera seria und opera buffa abzulösen begann. Und doch: was blieb, war nichts als der »Reigen seliger Geister« und »Ach ich habe sie verloren« — sic transit gloria mundi …

Es sei eingestanden: Gluck macht es einem nicht ganz leicht, ihn zu lieben! Seine Melodik ist meist wenig »ins Ohr gehend«, eine kühl-klassizistische Nüchternheit und Durchdachtheit kennzeichnet die meisten seiner Werke; ein vornehm gezügeltes Pathos tut ein übriges, die Herzen der Hörer mehr in hochachtende Bewunderung als in flammende Begeisterung zu versetzen. Und doch: auch trotz und neben seinen beiden eingängigen »Ohrwürmern« ist Gluck ein überaus qualitätvoller und -bewußter Komponist, wie man bspw. bei dieser Furtwängler-Aufnahme der Ouvertüre zu »Iphigenie auf Aulis« hören kann:


Auch die folgende Aufnahme aus der französischen Version des »Orpheus« zeigt in ihrer gezügelten Dramatik viel von der für Glucks Musik charakteristischen Qualität:


Heute erinnert wenig an Gluck — nicht einmal in Wien, das doch so gern jeden Zuzügler (so er sich als prominent erweist) mit augenzwinkernder Selbstverständlichkeit als »Wiener« reklamiert.


Sein behäbig breites Wohn- und Sterbehaus auf der Wieden — zu seiner Zeit eine Vorstadt, heute ein zentrumsnaher gutsituierter Innenstadtbezirk — blieb wenigstens der Fassade nach erhalten, und dient nach mannigfachen inneren Umbauten als Zentrale des Roten Kreuzes; sein Denkmal liegt etwas versteckt inmitten einer kleinen Grünfläche zu Seiten der monumental-prächtigen Karlskirche. Und nochmals kommt einem ein nachdenkliches »sic transit …« in den Sinn.

1 Kommentar:

thysus hat gesagt…

Ein Grund des derzeitigen Vergessen Glucks ist seine praktisch vollständige Absenz in der "historischen" Aufführungsszene.
Der hier Massstäbe setzende Harnoncourt - und damit auch seine zahlreichen Jünger und Nacheiferer - wollen mit ihm merkwürdigerweise gar nichts zu tun haben (möglicherweise ein Familienstreit in Wien vor 250 Jahren..).