Sonntag, 27. Juli 2014

Bericht eines reisenden Musikenthusiasten ...

... an Wohlg. Herrn Hofrath Rochlitz in Leipzig aus dem Jahr 1830


Die stille Auvergne, dieses fromme Land der Hirten inmitten Frankreichs, war wohl von den Ereignissen, die das Königreich heuer im Juli aufgewühlt haben, kaum berührt, und Herr von Onslow, den ich im Auftrage Ihres, Herrn Hofrathes, geschätzten Blattes, dem ab und zu eine Memorabilie beizuliefern ich die Ehre habe, auf seinem Gute nach der Stadt Clermont-Ferrand besuchte, sagte, es sei ihm im Grunde gleichgültig, wer in Paris regiere, korrupt seien sie alle, und es sei letzten Endes in der Politik nur die Frage, welche Seite wen schmiere.
Mit diesen Sätzen leitet der vor zweieinhalb Jahren verstorbene deutsche Schriftsteller Herbert Rosendorfer eine der Erzählungen des Bandes  »Monolog in Schwarz« (München, LangenMüller 2007, S 54) ein. Eine lesenswerte Erzählung eines lesenswerten Sammelbandes — wie überhaupt die meisten Werke Rosendorfers lesenswert sind. Amüsant sind sie jedenfalls (fast) alle ...

Doch nicht um diesen soll hier gehen, sondern um den in dem fiktiven Bericht genannten »Herrn von Onslow« in der Auvergne. Wer war dieser Besuchte? Kein anderer als George Onslow, der französische Komponist mit englischen Wurzeln, heute vor 230 Jahren, also am 27. Juli 1784, in Clermont-Ferrand geboren, und ebendort am 3. Oktober 1853 verstorben, in der turbulenten Zeit der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege großgeworden, teilweise mit seinem Vater im Exil in Hamburg, teils in London zu musikalischen Studien, schließlich als junger Mann zeitweise, nach einem Jagdunfall endgültig wieder in seine Geburtsheimat, die Auvergne, zurückgekehrt. 

Als Erstgeborener der selbstverständliche Erbe der Familiengüter, daneben Komponist — hobbymäßig, sozusagen ... ... aber was für ein »Hobbykomponist« er war! In einer Zeit, in welcher in Frankreich fast nur eine einzige Musiksparte zu florieren schien, die Oper, schrieb er Kammermusik vom Feinsten — höchst subtile Werke in einem zwischen später Wiener Klassik und Frühromantik changierenden Personalstil von deutlich erkennbarer Eigenart.

Wie so vielen seiner Zeitgenossen war der auf platte Einebnung der Konzertprogramme hinführende Musikbetrieb der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Onslow ein Verhängnis: wo vorher eine Unzahl von Meistern ihren — wenngleich bescheideneren — Ruhm teilten, da wurde durch quasi fabriksmäßige Serienwiedergabe der absolut und normativ gesetzten »Meisterwerke« ein Standardprogramm geschaffen, das wohl die abertausendste Aufführung eines Beethovenquartetts eher zuließ als die eines »unbekannten« Exoten aus der Auvergne ...

LePenseur stolperte in seiner Jugend gewissermaßen nur per Zufall über Onslows Namen: in seinem Roman »Die Propellerinsel« läßt Jules Verne ein französisches Streichquartett durch verrückte Milliardäre auf besagte Propellerinsel entführt werden, auf daß dieses zum Pläsier der Gäste aufspiele. Mit viel Geld umgestimmt, willigen die vier Musiker nolens volens ein — und in einem ihrer von Verne minutiös angeführten Programme steht auf einmal der Name: George Onslow. Seit damals war LePenseur auf der Suche nach diesem Komponisten — zunächst praktisch erfolglos. Außer etwas geringschätzingen Notizen in einem alten Brockhaus vom Ende des 19. Jahrhunderts, und einem trockenen, nicht gerade einladenden Artikel in Riemanns Musiklexikon schien der Komponist verschollen. Erst die zweihundertste Wiederkehr seines Geburtstages im Jahr 1984 und der ständige »Content-Hunger« der sich etablierenden CD-Industrie bewirkte eine Änderung.

Welche Schätze der Musikwelt da durch über hundert Jahre vorenthalten worden waren, sei nur an zwei seiner Werke demonstriert. Zunächst an einem frühen Klaviertrio op. 14:


... und dann an einem späten Werk, dem großartigen Streichquintett op. 74, an dem man die stilistische Entwicklung — bei unverkennbarer Konstanz seines Personalstiles — des Komponisten im Vergleich mit dem früheren Werk deutlich ablesen kann:



Mag bei dem zweiten Stück die Liveaufnahme nicht ganz »schlackenlos« gelungen sein, so bietet sie doch einen guten Eindruck, wie sehr die kompositorische Kunst Onslows sich über die Jahre verfeinert und vertieft hatte. Um auf den Rosendorfer-Text zurückzukommen, zum Schluß noch ein Satz aus dem Steichquintett op. 38 (aus 1829, also der mittleren Schaffensperiode des Komponisten), welches den Namen »The Bullet« (»Die Kugel«) trägt — warum, ist der geneigte Besucher dieses Blogs eingeladen bei Herbert Rosendorfer höchst amüsant selbst nachzulesen ...

1 Kommentar:

thysus hat gesagt…

Da! - neben der Würdigung des verdienten, doch leider recht an den Rand gedrängten Komponisten Georg Onslow eine Erwähnung des unbegreiflicherweise bereits gänzlich vergessenen Herbert Rosendorfer! Gerade Musikfreunde sollten sein Werk kennen - vom "Ruinenbaumeister" bis zum "Messingherz" und den "Briefen in die chinesische Vergangenheit". Wieviel geistvolle Anspielungen, wieviel Liebe (bes. zu Mozart)! Das war ein virtuoser und humorvoller Geschichtenerzähler ohne künstliche Aufblähungen und öde Sprachübungen.
(Wagner - und besonders Tristan - kommt da leider nicht gerade gut weg..)