Dienstag, 26. Mai 2015

Ein trüber Pfingstmontag

... veranlaßte LePenseur, sich im Geschwindschritt durch alle 27 Eurovisions-Song-Contest-Beiträge zu quälen — denn eine Qual war's in der Tat fast immer ...


... ist man versucht in Abwandlung einer Berliner Volksweisheit zutiefst deprimiert auszurufen. Es war zumeist einfach (oder bisweilen: mehrfach) schrecklich, was einem da geboten wurde. Wer sich diese an Chinesische Wasserfolter erinnernde Tortur selbst antun will: hier werden Sie geholfen. Für weniger masochistische Gemüter kurz eine Charakteristik der Songs und Sänger:


  • Platz 1: Schweden: Måns Zelmerlöw mit "Heroes" - 365 Punkte: Mann o Mann! — und sowas gewinnt?! Die Musik völliger Schrott, der — Gott sei Dank! — augenblicks aus dem Gedächtnis schwindet, sobald das Lied abgespielt ist. Text ist wie üblich zu vergessen, aber wegen lyrischer Tiefe wurde wohl noch kein Song berühmt. Wer auf mainstreamige Schnullibubis steht, wird wenigstens optisch bedient.


  • Platz 2: Russland: Polina Gagarina mit "A Million Voices“ - 303 Punkte: Fesche Sängerin, brauchbare Stimme, ganz nette Melodie. Text wie üblich Schrott. Aber immer noch um Hausecken besser als Nr. 1 (wozu nicht viel gehört)


  • Platz 3: Italien: Il Volo mit "Grande amore" - 292 Punkte: nette Untermalungsmusik zum vorbereitenden Tête-à-tête mit einer neuen Freundin beim Edel-Italiener, bevor's dann zuhause zur Sache geht. »Schmalzhengste« nennt sie »DiePresse« — man kann ihr da schwer widersprechen. Aber wenigstens singen können sie.


  • Platz 4: Belgien: Loïc Nottet mit "Rhythm Inside" - 217 Punkte: Schrott wird nicht besser, wenn er gefistelt und in minimalistischer Klangkulisse dargeboten wird.


  • Platz 5: Australien: Guy Sebastian mit "Tonight Again" - 196 Punkte: Schon wieder ein Sänger in der modernen Kastraten-Tradition. Der Guy aus Australien ist eigentlich aus Malaysia, und seine »Musik« so belanglos international, daß sie in jedes Fitneßstudio von Scheibbs bis Nebraska paßt. Unter solchen Auspizien paßt natürlich auch Australien nach Europa. Das Experiment wird aber nicht wiederholt, was kein Schaden ist ...


  • Platz 6: Lettland: Aminata mit "Love Injected" - 186 Punkte: Laut »Presse« stammt der Vater der Sängerin aus Burkina Faso, das früher unter dem Namen »Obervolta« Helmut Schmidt zu einem gewagten Vergleich hinriß. Ob die UdSSR nun wirklich bloß ein »Obervolta mit Atombomben« war, bleibe dahingestellt — daß die lettische Obervoltanerin mit ihrer künstlichen Elektronummer nicht wie eine Bombe in der Musikszene einschlagen wird, traut sich LePenseur schon jetzt vorherzusagen.


  • Platz 7: Estland: Elina Born & Stig Rästa mit "Goodbye To Yesterday" - 106 Punkte: Belangloses Liedchen. Geeignet als Pausenmusik vor Beginn der Nachrichten, weil man jederzeit ohne Bedauern ausblenden kann, bevor der Gong ertönt.


  • Platz 8: Norwegen: Mørland & Debrah Scarlett mit "A Monster Like Me" - 102 Punkte: Na ja ... die Ballade ist ja ganz nett (er singt halt wieder, wie wenn man ihn enteiert hätte ...), aber auch nicht ein Viertel so nachhaltig ins Ohr gehend wie »La det swinge« von 1985


  • Platz 9: Israel: Nadav Guedj mit "Golden Boy" - 97 Punkte: a Golden Boy (freilich nicht von den legendären »Golden Boys aus Hernals« — leider!), der als Goi vermutlich ka Leiberl hätt', mit so aner Chuzpe von Song jemals aufzutreten.


  • Platz 10: Serbien: Bojana Stamenov mit "Beauty Never Lies" - 53 Punkte: Der Titel »Beauty Never Lies« zeugt von beachtlicher Selbstironie, und das ist immerhin schon was! Der Rest ist zu vergessen.


  • Platz 11: Georgien: Nina Sublatti mit "Warrior" - 51 Punkte: die Fantasy-Queen mit gestutzten Flügelfedern stürzt ab. Martialische Geste reicht halt nicht.


  • Platz 12: Aserbaidschan: Elnur Huseynov mit "Hour of the Wolf" - 49 Punkte: ESC-Standard-Ballade. Nett. Aber auch nicht mehr.


  • Platz 13: Montenegro: Knez mit "Adio" - 44 Punkte: »Adio«, oder wie der Wiener sagt: »Baba, und fall' net ...«


  • Platz 14: Slowenien: Maraaya mit "Here for You" - 39 Punkte: In LePenseurs Jugendtagen hätte man die Sängerin mit dem Begriff »eine Stimme zum Rindfleischessen« hinreichend charakterisiert. »DiePresse« umschreibt vornehm: »Was sofort auffällt, ist die gewöhnungsbedürftige Stimme von Marjetka«. Nun, an manche Dinge will man sich nicht gewöhnen. Diese Stimme zählt für den Blogautor dazu — abgesehen davon, daß der Song ziemlich banal ist.


  • Platz 15: Rumänien: Voltaj mit "De la capat" - 35 Punkte: »Die Band, die bereits seit den 1980er-Jahren besteht und in ihrer Heimat mehr als erfolgreich ist, verließ sich bei ihrer reduzierten Darbietung ganz auf die Stärke des Songs. Goia sieht jedenfalls durchaus Parallelen zu Vorjahressiegerin Conchita Wurst. "Da hat man gesehen, dass Beiträge mit einer sozialen Botschaft gut ankommen", wird er auf der offiziellen ESC-Seite zitiert.« schreibt »DiePresse«. LePenseur sieht eher Parallelen zu irgendwelchen Italoschnulzen, die in der Trattoria dezent das Hintergrundrauschen aus Küche & Klimaanlage übertönen.


  • Platz 16: Armenien: Genealogy mit "Face The Shadow" - 34 Punkte : I don't deny: durchaus erfrischend originell war der Armenische Beitrag ...


  • Platz 17: Albanien: Elhaida Dani mit "I'm Alive" - 34 Punkte: Diese Art von 08/15-Songs stirbt nicht. Leider.


  • Platz 18: Litauen: Monika Linkyté & Vaidas Baumila mit "This Time" - 30 Punkte: »"This Time" hat aber das Potenzial, etliche ESC-Herzen zu erweichen«, hatte »DiePresse« orakelt. Etliche, aber nicht genug — zu recht ...


  • Platz 19: Griechenland: Maria Elena Kyriakou mit "One Last Breath" - 23 Punkte: Maria-Elena Kyriakou trat mit der Ballade "One Last Breath" an. Man wartete beim Singen immer auf den letzten Atemzug. Er kam nach diversen Wiederholungen und Tonartenwechseln — und v.a. zu spät.


  • Platz 20: Ungarn: Boggie mit "Wars For Nothing" - 19 Punkte: Ja, das waren Zeiten, als die Mädels bunte Wickelröcke trugen, Pot rauchten, STDs kein Thema waren, und alle, alle friedensbewegt waren. Bessere Zeiten, vielleicht — mit ebenso schlechten Liedern wie diesem.


  • Platz 21. Spanien: Edurne mit "Amanecer" - 15 Punkte: Die Sängerin Edurne ist optisch ja wirklich eine leckere Schnitte, die Stimme und der Song — na ja ...


  • Platz 22. Zypern: John Karayiannis mit "One Thing I Should Have Done" - 11 Punkte: Perfekte Hotelterrassenmusik, wenn sich ein junges, rankes Mädel mit einem Sprudel-Cocktail neben einem in die Kissen kuschelt, und gemeinsam Mond und Sterne betrachtet. Nett.


  • Platz 23: Polen: Monika Kuszyńska mit "In The Name Of Love" - 10 Punkte: »Ich versuche mit meiner Kunst die Welten von Menschen mit und ohne Behinderungen zu verbinden«, zitiert »DiePresse« die Sängerin im Rollstuhl. Ist sicher edel gedacht, wirkt aber in der Schlagerbranche doch etwas sehr ambitiös und aufgesetzt. Der Song ist Durchschnitt. Ganz ohne Polemik gesagt: Rollstuhl ersetzt nicht Originalität.


  • Platz 24: Großbritannien: Electro Velvet mit "Still In Love With You" - 5 Punkte: »... vielleicht strafen Electro Velvet mit ihrem Retrocharme die Kritiker ja Lügen«, hoffte »DiePresse«, freilich vergebens. Irgendwie schade.


  • Platz 25: Frankreich: Lisa Angell mit "N’oubliez pas" - 4 Punkte: Schon vergessen! Nur eine Frage: warum gibt es nicht einmal im klassischen Chanson-Land Frankreich mehr so bezaubernde Lieder wie jenes, mit dem Frankreich 1958 den 1. Platz belegte.


  • Platz 26: Deutschland: Ann Sophie mit "Black Smoke" - 0 Punkte: Verraucht und ausgedämpft.


  • Platz 27: Österreich: The Makemakes mit "I Am Yours" - 0 Punkte: Tja, nach der vorjährigen Meisterleistung eines schwulen jungen Manns, der in Damenkleidern und Bart einen banalen Song kräht, und damit von einer Woge der Gutmenschlichkeit an die Spitze getragen wird, damit wir endlich statt Ampelmännchen schwule Ampelpärchen bekommen, war es ja wirklich schwierig, die europaweiten Erwartungen zu toppen. Es gelang nicht. So sorry ...

  • Kommentare:

    Bellfrell hat gesagt…

    So trüb hätte der Pfingstmontag gar nicht werden können, als daß ich mir diese Qual angetan hätte....Aber trotzdem Danke, für diese gelungenen Rezensionen.
    Falls ich einmal dement und völlig neben der Spur irgendwo aufgegriffen werde, dann möge man mir bitte die Songs dieses Events vorspielen, damit ich wieder zur Besinnung komme.
    P.S.: Noch ist es nicht so weit: Ich konnte beim reCAPTCHA alle Bilder mit "Eis" herausfiltern. ;-)

    Erich hat gesagt…

    Danke für die köstlichen Einschätzungen! Würden die von Grissemann&Stermann kommen wären sie schon längst im ORF ausgestrahlt und überall lächelnd erwähnt worden. Aber bei uns in Bagdad....

    Heute im Kurier erinnert sich in seiner Glosse Georg Leyrer an den ESC und verteilt gleich seine Watschen an alle, die nicht so denken, wie es die Medien wollen (müssen?).

    >Erinnern Sie sich noch, als etwas Ungewohntes in der Luft lag - und das ungetrübt war durch den Mief des Hasses, der Menschenverachtung und der Feindseligkeit, der längst wieder aus den Onlineforen schwappt?<

    Ich höre aus diesem Satz große Enttäuschung, weil Lehrer&Co offensichtlich versagt haben und erfreulicherweise das Gehirn ihrer Mitmenschen nicht leergewaschen haben.

    Übrigens sind solche Kommentare neben denen der Frau Knecht Grund genug, diese Zeitung sicher nie zu abonnieren.

    Erich hat gesagt…

    Mein Korrekturprogramm mag Herrn Leyrer nicht (grins!) und hat im vorletzten Absatz einen "Lehrer" aus ihm gemacht. Bitte korrigieren.

    Le Penseur hat gesagt…

    Cher Erich,

    An sich bin ich ja nicht so heikel — aber der Vergleich dieses Blogs mit Grissemann&Stermann grenzt an Ehrenbeleidigung. Noch einmal so eine Entgleisung, und ich garantiere nicht für die Folgen Ihres Handelns!