Samstag, 4. Februar 2017

Volksbesoffenheit


von Fragolin

Versteh‘ mir einer die Leute, die schon länger in Deutschland leben. Man setze ihnen einen schulisch und beruflich eher bescheiden erfolgreichen Apparatschik aus dem Politikbetrieb des neuen weströmischen Kaiserhofes vor die Kamera, und Hunderttausende verfallen in Verzückung. Ein  messianischer Superstar mit dem stillen Charme eines arbeitslosen Buchhalters und dem knalligen Äußeren des Vorsitzenden des örtlichen Kleingärtnervereins. Vergessen seine Affären um eingestreifte sechsstellige Aufwandsentschädigungen für, nun ja, eigentlich keinen Aufwand, und seine mangelnde Erinnerungsfähigkeit darüber; vergessen die Diskussionen um den ruppigen Umgang eines narzisstischen Emporkömmmlings mit seinen Kollegen und Angestellten, seine geradezu trumpeske Selbstdarstellung und Rüpelhaftigkeit, die schlagartig zu „Authentizität“ und „Bodenständigkeit“ mutiert, sobald den Tintenstrolchen klar wird, es plötzlich nicht mehr mit einem der Brüsseler Hofnarren sondern dem Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten einer zumindest wirtschaftlich und medial noch immer sehr mächtigen Partei zu tun zu haben. So schnell geht die Zähmung der Papiertiger.

Aber was ist passiert, dass ausgerechnet dieser Martin Schulz es schafft, dass ihm die Wählerscharen zulaufen und die SPD innerhalb weniger Tage um ein Drittel in der Wählergunst steigt, während alle anderen verlieren. Der AfD läuft glatt ein Fünftel der Wähler zu den Roten über. Meine Güte, wie verzweifelt müssen Menschen sein, um jetzt ausgerechnet von einem stramm links in das System geklebten Berufspolitiker die letzte große Rettung zu erhoffen? Wie fertig gefahren ist dieses Land, dessen Bürger in einem solchen Typen die Rettung vor der ewigen Herrschaft ihrer alternativlosen Hosenanzüglichkeit suchen? Und das, wo inhaltlich zwischen Schulz und Merkel kein Blatt Papier passt. Oder, um es mal mit Worten zu sagen, wie sie von Otto Waalkes stammen könnten: Schulz ist Merkel mit Schniedelwutz.

Ansonsten: Migrationspolitik? Grenzschutz? Innenpolitik? Außenpolitik? Wirtschaftspolitik? Alles original Merkel mit einer Prise Marx dazu. Was also macht das Volk so besoffen, dass das Denken aussetzt und sich alles nur noch an den Strohhalm klammert, der Gerüchten zufolge mit seinem Abgang aus Brüssel sogar dem Rausschmiss aus der Altpolitikerrecyclinganlage zuvorgekommen ist?

Keine Ahnung, aber wenn das so weitergeht, gibt es ab Herbst einen Kanzler Schulz mit Außenminister Özdemir und Wirtschaftsministerin Kipping oder so. Ob sich die Deutschen darüber im Klaren sind, dass der bisher unvorstellbare Fall eintreten könnte, dass sie sich nach Merkel zurücksehnen?

Hier noch ein kleiner Tipp, mit welchen Inhalten der gute Mann seine letzte Wahl gegen Merkel bzw. deren Hampelmann Juncker verloren hat:

Wenn man nicht wüsste, dass die Sozialisten der SPD nicht national eingestellt sind, klingt ja die Zugehörigkeit zu einem Volk als einziger Programmpunkt schon sehr, äh, völkisch. Upps.
Es lässt zumindest erahnen, mit welcher inhaltlichen Tiefgründigkeit es weitergehen wird. Inhaltsleere Selbstdarstellung bei einem Kanzler, Ankündigungsshowpolitik mit Umsetzungsverzögerung, sowas kennt man in Österreich nicht.
Äh.
Hat Kern nicht auch gerade ein Umfragehoch?
Jaja, die Deutschen und die Österreicher; das einzige, was sie trennt, ist die gemeinsame Sprache…

1 Kommentar:

Gerd Franken hat gesagt…

"alternativlosen Hosenanzüglichkeit"

Köstlich, treffend, witzig, kurz gesagt: You make my day!!!