Samstag, 23. April 2016

Es schadet der Gedenkkultur

... auf diesem Blog, wenn an ein und demselben Tage gleich einer ganzen Reihe von Ereignissen zu gedenken ist, wie z.B. heute:

Da starb heute vor exakt vierhundert Jahren, mithin am 23. April 1616, der spanische Nationaldichter Miguel de Cervantes Saavedra.
Der "Don Quijote" erwies sich nach seiner Veröffentlichung 1605 rasch als Bestseller. Er wurde bald ins Englische und Französische übersetzt und war so populär, dass sogar von einem anderen Autor die Version einer Fortsetzung auftauchte. Cervantes sah sich dadurch ermutigt, kurz vor seinem Tod noch einen zweiten Teil zu schreiben. Die zwei Bände gelten als Meisterwerke der spanischen Literatur. Sie brachten dem Autor den Ruf ein, der Schöpfer des modernen Romans zu sein.
... schreibt DiePresse (ab). Wie üblich ...

Nur kalendarisch, nicht real (nach dem gregorianischen Kalender nämlich erst am 3. Mai 1616) der englische Nationaldichter William Shakespeare. Dieser ist dem obiziterten Qualitätsblatt immerhin einen Artikel eines Redakteurs wert:
Als William Shakespeare im Alter von gerade 52 Jahren starb, wahrscheinlich am 23. 4. 1616, in seiner Geburtsstadt Strat-ford-upon-Avon, löste sein Tod anschließend keine überlieferte Reaktion in London aus. Das jedenfalls stellte Mark Twain 1909 in seinem kleinen Buch „Is Shakespeare Dead?“ fest...
(Hier weiterlesen)

Vor 125 Jahren, am 23. April 1891, wurde der russische Komponist Sergej Prokofjew geboren, dessen 1. Symphonie vorgestern vor hundert Jahren, also am 21. April 1916, ihre Uraufführung erlebte, und bis heute eines der beliebtesten Werke derklassischen Moderne geblieben ist:


(wer das alles allerdings etwas langsamer hören will, kann dies in der Interpretation von Celibidache tun: 1. Satz, 2. Satz, 3. Satz, 4. Satz).

Kommen wir nun zu den etwas exotischeren Gedenkanlässen des heutigen Tages:

Am selben Tag wie Cervantes starb, zu Cordoba, der peruanische Schriftsteller und Historiograph Garcilaso de la Vega (»El Inca«; geboren am 12. April 1539 in Cuzco als Gómez Suárez de Figueroa, Sohn eines spanischen Conquistadors und einer Inka-Prinzessin), der anerkannte Chronist der spanischen Eroberung des Inkareiches.

Heute vor siebzig Jahren, also am 23. April 1946, starb der guatemaltekische Komponist Jesús Castillo Monterroso, dessen Klavier-Originalfassung des beliebten Marimba-Spektakelstückes Fiesta de Pajaros an ihn erinnern soll.

An demselben 23. April 1946 wurde weiters der Gründer der Palmarianisch-Katholischen Kirche, Clemente Domínguez y Gómez in Sevilla geboren, qui sibi nomen imposuit Gregorius XXVII ...

Dieser hat bereits, nach dem Tode Petrus' II (2005-2011), seinen zweiten Nachfolger unter dem Namen Gregor XVIII erhalten.

Vor dreißig Jahren, am 23. April 1986, starb der einflußreiche Hollywood-Regisseur und Produzent Otto Preminger.


Vor zwanzig Jahren starb Pamela Lynwood Travers (auch Pamela Lyndon Travers), die v.a. mit ihren Kinderbüchern um das magische Kindermädchen Mary Poppins weltweite Bekanntheit erlangte.

Ach ja, und die Türken dürfen auch heute nicht fehlen:
Der Feiertag der Nationalen Souveränität und des Kindes, auch 23 Nisan Ulusal Egemenlik ve Çocuk Bayramı) ist seit 1921 ein offizieller Feiertag und Kindertag in der Türkei und der Türkischen Republik Nordzypern. Er ist zudem der nationalen türkischen Souveränität gewidmet und wurde eingeführt, um der Eröffnung der National-versammlung sowie der Konstitution des ersten freien Parlaments des Landes am 23. April 1920 unter dem Staatsgründer M. K. Atatürk zu gedenken. Er widmete jenen Tag unter dem Motto Unsere Kinder sind unsere Zukunft (Çocuklarımız geleceğimizdir) den Kindern.
... informiert uns Wikipedia. Na, dann ...

Kommentare:

unbesorgt hat gesagt…

Am selben Tag wie Prokofjew starb übrigens Stalin, nämlich am 5. März. Das ist der Grund, warum sich für Prokofjews Grab keine Blumen fanden, weil Stalins Grab den Russen wichtiger war. Wenn man bedenkt, wer der Menschheit wunderbare Musik und wer ihr nur Tod und Verderben hinterlassen hat, kann man das nur als Schande bezeichnen!

Le Penseur hat gesagt…

Cher (chère?) »unbesorgt«,

es müßte, denke ich, der Gerechtigkeit halber wohl eher heißen:

weil Stalins Grab den Russen wichtiger sein mußte ...

Was die Schande nicht kleiner, aber verzeihlicher macht.