Sonntag, 15. Juni 2014

Am 15. Juni 1914

.... (wenn man den gregorianischen Kalender nimmt), also heute vor exakt hundert Jahren wurde im Nordkaukasus Juri Andropow als Sohn eines Bahnbediensteten geboren. Die näheren Daten seines Lebens kann man unschwer finden, der biographische Teil seines Artikels auf Wikipedia ist durchaus ordentlich gemacht (erst im Teil »Politische Positionen« gerät der Lexikontext etwas ins Plaudern und Spekulieren).

Interessant ist der Vergleich in der Darstellung Andropows durch zwei Zeitgenossen, nämlich einerseits durch Michael Voslensky in seinem Buch »Sterbliche Götter«, und andererseits durch Valentin Falin, den ehemaligen sowjetischen Botschafter in Bonn, in dessen Memoiren »Politische Erinnerungen« — ein mehr als interessanter Vergleich (m.E. noch aufschlußreicher ist die vergleichende Lektüre dieser beiden Bücher im Hinblick auf Leonid Breschnew, dem Andropow nachgefolgt war).

Alternative Geschichte nach dem Motto »was wäre wenn ...« hat immer etwas mißliches an sich. Und doch — gerade im Falle Andropows ist der Gedanke, wie die Weltgeschichte wohl mit einem gesunden Andropow an der Spitze der UdSSR verlaufen wäre, von großem Reiz. Denn daß dieser kultivierte und kühle Intellektuelle aus ganz anderem Holz geschnitzt war als sein langjähriger Vorgänger Breschnew und sein Kurzzeit-Nachfolger Tschernenko, steht außer Zweifel. Und wohl auch aus einem ganz anderen als Gorbatschow, wie man nicht vergessen sollte hinzuzufügen ...

Welche Reformen er bei längerer Herrschaft tatsächlich hätte durchsetzen können (denn als langjähriger KGB-Chef war er nicht nur faktisch unangreifbar für seine Gegner, sondern auch bestens informiert, wo überall ein dringender Reformbedarf bestand!), das wäre fürwahr eine spannende Frage. Die freilich durch seinen baldigen Krebstod vor 30 Jahren, am 9. Februar 1984, obsolet wurde. »Der Spiegel« (8/1984) hatte da, natürlich in Unkenntnis der künftigen Ereignisse, einen durchaus treffenden Artikel verfaßt, der ein recht gelungenes Bild Andropows, wie auch seines Nachfolgers bringt. Interessant zu lesen, wie sich manche hochgeheime Intrige im Machtwechsel Breschnew-Andropow offenbar doch schnell herumsprach — bis in die Spiegel-Redaktion.

All das, von dem hier berichtet wurde, ist wenig mehr als dreißig Jahre her. Und scheint doch schon so weit in die Geschichte zurückgesunken wie die Punischen Kriege ...

Doch täuschen wir uns nicht: die Geschichte ist aktueller als es unsere heutigen, geschichtsvergessenen Zeitgenossen wahrhaben wollen. Wer ein Auge für Ähnlichkeitsmuster hat, und ein Ohr für das heimliche Grollen im Untergrund, wird in manchem, was heute so stattfindet, durchaus Parallelen zur untergehenden Sowjet-Ära erkennen können.

Kommentare:

SF-Leser hat gesagt…

Werter Penseur,

ich glaube nicht, daß sich mit einem gesunden Andropov an der Spitze der Verlauf der Geschichte der Sowjetunion wirklich anders ausgegangen wäre. Wenn ich Sie so recht verstehe, sollte er mit analytischem Geist versehen mit sozusagen Stalinscher Härte Reformen in dem Land durchsetzten. Nur wirkte er in der Sowjetunion der 80er Jahre und nicht ein halbes Jahrhundert früher.

Warum sie allerdings meinen, daß Gorbatschov aus einem ganz anderem Holz geschnitzt war, erschließt sich mir nicht, denn immerhin hat Andropov Gorbatschovs Karriere unterstützt, was ja zumindest auf eine gewisse Wertschätzung hindeutet.

Grüße

PS: Ich finde Ihre Erinnerungsartikel über Personen der Zeitgeschichte immer sehr anregend. Obwohl dieser hier zum Schluß ja mal nicht in der zweiten Reihe stand.

Le Penseur hat gesagt…

@SF-Leser:

Wie gesagt: hypothetische Geschichte hat immer was mißliches ...

Ein gesunder Andropow hätte vielleicht die Chaos-Durststrecke bis Putin verkürzt. Denn dann wäre Gorbatschow bereits in eine etwas »stabilere« Situation hinein sein Nachfolger geworden — und ich halte ihn für einen typischen »Schönwetterkapitän«. D.h. ideal, um repräsentativ und (durchaus!) inspirierend bei glattem Meer auf der Brücke zu stehen. Aber bei schwerem Seegang halt etwas überfordert.

Wie wünschenswert diese »alternative Geschichte« für uns gewesen wäre, steht hier nicht zur Debatte. Geschichte pflegt sich ja überhaupt meist in Form »wunschlosen Unglücks« abzuspielen ...

Volker hat gesagt…

Das mit den "Reformern" sollte man ruhig verifizieren; und dabei daran denken, dass am Ende jeder eben doch am liebsten macht, was er am besten kann.
Das weiß man sowieso und das ist auch experimentell bestätigt.

Die Probanden haben die Praxen abgeklappert und allen Ärzten die gleichen Symptome offenbart. Aber seltsam, die Diagnosen waren sehr verschieden. Der Internist hat gesagt, klarer Fall, es liegt an den Innereien. Der Urologe wiederum tippte aufs Urin, der Pathologe auf das Pathos (oder so ähnlich).
Ärzte sind auch nur Menschen, wie Militärs zum Beispiel.
Put the American military in charge of nation-building, and it will do the only thing that soldiers know how to do, namely, train more soldiers.

Warum sollten Geheimdienstler anders sein?
Andropow Vision war Stalinismus reloaded. Und zwar ganz genauso, wie es im SPIEGEL steht.
Das ist gar kein böser Wille, der KGB-Fuzzi kann sich einfach was anderes gar nicht vorstellen. Bei Missständen müssen die Tschekisten die Täter ermitteln und bestrafen; das ist ihr Auftrag.
"Am nächsten Tag unterbreitete Andropows Nachfolger an der Spitze des KGB, …, dem Obersten Sowjet eine Art Ermächtigungsgesetz für die Geheimpolizei: Die Grenzwachen des KGB sollten auf dem gesamten Territorium der UdSSR tätig werden dürfen - fahnden, festnehmen, Gefängnisse einrichten, Bürger in Haft halten."
Das war der Plan des "Reformers" Andropow. Reform im engen Sinn des Worts, back to the roots, in die Anfänge der Tscheka, der sympathischen Organisation, die es schon im ersten Monat ihres Bestehens fertigbrachte mehr Menschen zu ermorden als die Ochrana in drei Jahrzehnten.

Wir wissen nicht, was Andropow wirklich durchgesetzt hätte. Aber es gibt wenig Grund zur Annahme, dass es was Gutes gewesen wäre.

Le Penseur hat gesagt…

@Volker:

Wir wissen nicht, was Andropow wirklich durchgesetzt hätte. Aber es gibt wenig Grund zur Annahme, dass es was Gutes gewesen wäre.

Sicherlich, wir wissen es nicht ...

Aber trotzdem: lesen Sie in Voslenskys »Sterblichen Göttern« das Kapitel über Andropow: da kommt ein durchaus differenziertes Bild rüber.

Und Voslensky war nun weiß Gott kein Freund des Stalinismus, oder auch nur des Kommunismus!