Dienstag, 5. Mai 2026

Zwei Meinungen — ein Gesamtbild (?)

von LePenseur
 
 
Es entspricht der menschlichen Natur, einander widersprechende Einschätzungen derselben Lage dadurch zu "objektivieren", daß man eine gedankliche "Durchschnittsformel" rechnet. Was nicht immer zutreffend ist, wie das sattsam bekannte Beispiel des Mannes zeigt, der, mit einer Hand im Tiefkühlschrank, mit der anderen auf der Herdplatte, meint: "Also im Durchschnitt ist es angenehm warm..." — Autsch!!!
 
Dennoch: ich möchte hier aus dem Gelben Forum zwei Gastkommentare bringen, die die für Europäer nicht uninteressante Frage behandeln: wie geht es in der Ukraine und überhaupt auf dem europäischen Kontinent weiter? Die Einschätzungen überschneiden sich in einigen Bereichen (was sicherstellt, daß man nicht komplett aneinander vorbeiredet), divergieren jedoch in den Schlußfolgerungen beträchtlich. Hier also das Match unserer beiden geschätzten Gastautoren Plancius vs. Mabraton.
 
I. Gastkommentar
von Plancius
 
Im Sommer sind Deutschland und auch weitere europäische Länder in der Lage, weit ins russische Hinterland reichende Drohnen in Massenproduktion an die Ukraine zu liefern. Die Front in der Ukraine steht schon lange still. Die von vielen russlandfreundlichen Kommentatoren viel beschworene Kapitulation der Ukraine, die nun schon seit Sommer 2024 im vierteljährlichen Rhythmus angekündigt wird, ist nach wie vor in weiter Ferne.

Vielmehr kann man aktuell eher vom Gegenteil sprechen. Die russischen Truppen sind erschöpft. Es tritt die in der Militärgeschichte vielfach empirisch bewiesene Situation ein, nach der ein Angreifer umso schwächer wird, je länger ein Krieg dauert. Gelingt es einem Angreifer nicht, in kurzer Zeit die Verteidigungsstellungen des Gegners zu durchbrechen, lässt die Effizienz der gegnerischen Operationen immer mehr nach, währenddessen es sich der Angegriffene in seinen Verteidigungsstellungen mit wenig Mann, geringen Verlusten und ver-gleichsweise wenig militärischem Material bequem machen kann.

Putin steht schon seit vielen Monaten unter starker Kritik im Kreml selbst und auch in der Bevölkerung. Dass der Krieg jetzt schon ein paar Monate länger dauert als der Große Vaterländische Krieg und die Russen noch immer weiter ausbluten, ist für die Russen eine Schmach ohnegleichen. Das Gerede vom ukrainischen Bruder-volk und von sanften militärischen Operationen und einem stetigen Vormarsch in Richtung Kiew hat sich tot-gelaufen. Sowohl der Kreml als auch die Russen fordern in immer stärkerem Maße, jetzt endlich den großen Knüppel rauszuholen.

Spätestens dann, wenn die Ukraine mit Langstreckendrohnen in großer Anzahl Ziele auch weit jenseits des Urals treffen kann, ist Putin mit seinem Latein der bisherigen militärischen Kriegsführung am Ende. War früher die Größe des Landes ein Vorteil, der Raum war eine militärische Variable, so wird das faktisch verteidigungs-unfähige riesige Land bei einem Drohnen- und Raketenkrieg zum Verhängnis. Keine Luftabwehr der Welt kann dieses riesige Land schützen.

Dann ist auch der Zeitpunkt gekommen, dann wenn Russand in seiner Existenz bedroht ist, die russischen strategischen Waffen in Stellung zu bringen, die auch Atomwaffen einschließen. Wer weiß, ob Putin überhaupt Kinshal und Oreshnik in ausreichender Anzahl verfügbar hat, um lediglich konventionelle Gegenschläge ausführen zu können.

Jedenfalls kann man schon seit mehr als 2 Jahren konstatieren, dass Putins Strategie, den Krieg in die Länge zu ziehen, um den Westen auszubluten, zum Scheitern verurteilt ist. Er hat das gesamte Produktionspotential des Westens gegen sich, einschließlich der gigantischen amerikanischen Militärmacht mit ihren ausreichenden Rohstoffreserven. Da kann Russland nicht gegenhalten, noch dazu wo sich China sehr bedeckt hält.

ich war im Februar in Moskau und habe dort viele Gespräche geführt. Was ich immer wieder festgestellt habe: Welch großen Einfluss der Erste Vaterländische Krieg gegen Napoleon und der Große Vaterländische Krieg gegen die deutschen Faschisten im kollektiven Bewusstsein der Russen ausübt.

Anfang Februar hat der Krieg in der Ukraine länger gedauert als der Große Vaterländische Krieg. Die immensen Verluste Russlands in diesem quasi Bruderkonflikt mit einer mehr oder weniger eingefrorenen Front bedeuten eine große Schmach für die russische Seele. Sie sind der Überzeugung, eine militärische Großmacht zu sein und bringen es in 4 Jahren nicht fertig, einen militärisch unterlegenen Gegner, der seine Soldaten von der Straße wegfangen muss, in die Schranken zu verweisen.

Die Russen erkennen mit breiter Mehrheit die Erfolge Putins im Hinblick auf den ökonomischen Aufstieg der Nation an. Sie sehen aber auch, dass er gerade dabei ist, all seine bisherigen Erfolge in ökonomischer Hinsicht nun auf dem Schlachtfeld zu konterkarieren.

Der Ukrainefeldzug war von Anfang an ein Fiasko. Angefangen von der miserablen Vorbereitung seitens des Geheimdienstes, die militärische Planung, die personelle Besetzung der Truppen. Redet euch das Fiasko, in dem sich Russland befindet nicht immer wieder schön. Klebt nicht an den Lippen von Thomas Röper, der euch ein schöngefärbtes Bild von Russland vorgaukelt.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass insbesondere die jüngere Generation total angepisst ist von den gegenwärtigen Leistungen Putins. Er hätte mal lieber bei seiner ökonomischen Kompetenz bleiben sollen. Auf dem Schlachtfeld wird er sich wohl keine Meriten verdienen.

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II. Gastkommentar
von Mabraton
 
Putins Strategie: wenn man Russlands Vorgehen an den sichtbaren militärischen Erfolgen misst gebe ich Dir Recht, der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. Putins Überlegungen sind meiner Meinung nach langfristig. Er will vermeiden, dass durch Ausbruch eines Krieges mit Europa Gräben entstehen durch die eine weitere Generation gegeneinander aufgehetzt wird. 

Dieselbe Überlegung gilt für die Ukraine. Dort hat der Westen den Krieg um die Köpfe meiner Meinung nach schon verloren. Selenskyi wird nur noch vom Ausland im Amt gehalten. Vor Kurzem gab es in der Ukraine die Überlegung das rechte Dnepr-Ufer bei Cherson zu evakuieren, da sich in der Bevölkerung eine pro-Russiche Haltung breit macht. Die ukrainische Armee blutet immer mehr aus. Durch den Einsatz von Drohnen können sie die Front noch einigermaßen halten. 

Und ja, in der russischen Armee lief es in den letzten Monaten nicht rund. An einigen Frontabschnitten konnten die Ukrainer Gelände zurückerobern. Das ist allerdings vorbei. Der Kampf um Slawjansk und Kramatorsk, die letzten beiden ukrainischen Bastionen im Donbas, steht unmittelbar bevor. Auf Saparoschje sind die Russen bis auf 20Km vorgerückt. Vom Osten her rücken sie zwar langsam aber stetig vor. Der Kessel an der südlichen Front schließt sich. Das Momentum an der Front ist auf russischer Seite. Im Military Summary Channel wurde erwähnt, dass sich die Russen auf eine Frühjahrsoffensive vorbereitet haben. Möglicherweise hatte man die Entwicklung im Iran mit einbezogen. Wenn sich der Westen von günstig verfügbaren Rohstoffen abschneidet wird es schwierig mit der Kriegswirtschaft.

Die westliche Propaganda ist mit ihrem Latein am Ende. Letzte Woche gab es eine Lanz-Sendung in der eine Weiberrunde, inklusive der abgewählten finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin, die die russische Gefahr heraufbeschworen hat. Ein Ausschnitt aus einem Gespräch mit Putin sollte das Szenario unterstreichen. Putin sagt allerdings, dass sie ein hervorragendes Verhältnis zu Finnland hatten und es an der Grenze kaum militäri-sche Anlagen gab. Seit Finnland dort einen Grenzzaun hochgezogen hat und Militär stationiert, habe man re-agiert. Das auf Legenden aus Uropas Zeiten aufgebaute Gegeifer ist lächerlich:

Ukraine-Krieg: Wie Finnland sich gegen Russland zur Wehr setzt | Markus Lanz vom 30. April 2026

Ich bin der Meinung, dass in dem Moment, wo die Ukrainer nicht mehr sterben können (oder wollen), das Kriegsgezeter mit einem großen Knall beendet ist. Der Westen ist schlicht und ergreifend nicht in der Lage die Opfer zu bringen welche die Ukrainer gebracht haben. 2 Millionen Ukrainer wurden im Fleischwolf geopfert. Das muss man sich mal vorstellen!

Anhand der Meldungen der letzten Tage hier in Russland macht man bei der Drohnenabwehr Fortschritte. Richtig ist allerdings, sollte der Westen in der Lage sein den Krieg zu eskalieren wird Putin dem internen Druck nachgeben müssen. Dann wird es in Europa Haselnüsse regnen. Eine atomare Reaktion halte ich nicht für wahrscheinlich. Selbst wenn es ein gezielter Schlag wäre, der psychologische Effekt würde höchstwahr-scheinlich in einen atomaren Schlagabtausch münden.
 
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Und nun, geneigte LePenseur-Blog-Leser und -Leserinnen, kann ich nichts mehr sagen, als: "Faites vos jeux ..." 
 
Denn, wie ich befürchte: das darauf folgende "Rien ne va plus" werden wir alle nicht gerne hören wollen. Sofern wir es überhaupt noch werden hören können ...
 

2 Kommentare:

  1. Franz Lechner05 Mai, 2026 10:47

    Muss man sich da für einen Kommentar entscheiden? Beide sind mE zu pessimistisch, der zweite vielleicht nur in der defensiven Grundhaltung und einigen Details. Den offensichtlichen Unsinnigkeiten des Pflanzius-Kommentars wäre massiver entgegenzutreten.
    "Die immensen Verluste Russlands in diesem quasi Bruderkonflikt mit einer mehr oder weniger eingefrorenen Front bedeuten eine große Schmach für die russische Seele. Sie sind der Überzeugung, eine militärische Großmacht zu sein und bringen es in 4 Jahren nicht fertig, einen militärisch unterlegenen Gegner, der seine Soldaten von der Straße wegfangen muss, in die Schranken zu verweisen."
    Das ist Schwachsinn. Zunächst - was heißt "immense Verluste"? Diese werden mit 200.000 angegeben, sofern man seriösen Schätzungen folgt (Tote - mit bzw ohne Verletzte ist fraglich). Das ist ohne Frage viel, aber jetzt nicht immens für einen derart langen Krieg. Und die Herabwürdigung des Gegners ist völlig daneben. Pflanzius scheint nicht zu erkennen, dass Russland nicht gegen ein kleines Brudervolk, sondern gegen die NATO kämpft, mit der maximalen Ausrüstung, maximales Arsenal, max. Elektronik, Satelliten, dazu gegen Söldner... Eigentlich ist es erstaunlich, dass Russland so erfolgreich ist, überhaupt angesichts des erkennbaren und wohl auch erfolgreichen Bestrebens, die eigenen Verluste so gering wie möglich zu halten. Dazu kommen die ukrainischen, sprich russischen Soldaten, dh die in moralischer Hinsicht besten Soldaten der Welt als Gegner. Wer das zu einem Scharmützel gegen einen kleinen Bruder (nebstbei, so klein ist der nicht, verglichen an der Bevölkerungszahl) herabwürdigt, hat keine Ahnung. Es handelt sich um eine tödliche Bedrohung für Russland und damit für die Welt. Dass Putin so besonnen reagiert, sollte mit mehr Dankbarkeit bedacht werden.
    Und dann muss der Autor noch das einräumen:
    "jedenfalls kann man schon seit mehr als 2 Jahren konstatieren, dass Putins Strategie, den Krieg in die Länge zu ziehen, um den Westen auszubluten, zum Scheitern verurteilt ist. Er hat das gesamte Produktionspotential des Westens gegen sich, einschließlich der gigantischen amerikanischen Militärmacht mit ihren ausreichenden Rohstoffreserven."

    Also hat man doch auf einmal den gesamten Westen gegen sich, und nicht nur die Ukraine? Und was das Scheitern betrifft... worin besteht das? Hat der Westen überhaupt noch Waffen für die Ukraine, außer die Drohnen, die jeder Trottel produzieren kann? Wie schaut es mit den US-Beständen aus, warum müssen die plötzlich so sparen?
    In welcher medialen Welt lebt da der Autor?

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  2. Franz Lechner05 Mai, 2026 10:48

    2. Teil
    Überhaupt sind seine (Pflanzius) Vorstellung ein bisschen schräg.
    Dass man ein dichtes Netz von Städten, die nur aus Stalinbeton bestehen, nicht so schnell erobern kann wie weiland deutsche und mitteleuropäische Metropolen mit Kernen aus dem Mittelalter, von deren Brennbarkeit schon Lichtgestalten wie Churchill oder Harris hellauf begeistert waren, sollte doch jedem Laien klar werden. Natürlich geht die Eroberung von Pokrowsk, Konstantinowka oder auch nur Seversk da deutlich langsamer, wenn man nicht die eigenen Leute massenhaft opfern will. Angesichts dieser Umstände ist Russland erstaunlich schnell fortgeschritten. De facto bleibt den NATO-Kräften nur noch die Drohnenwaffe, und wenn die technisch überwunden sein wird, dann gnade den Ukrainern Gott. Ich glaub nicht, dass, wie der 2. Kommentar meint, die personalen Reserven der Ukraine bei der momentanen Kriegsführung realistisch zu erschöpfen sind. Das kann in der Tat zu lange dauern. Die Frontlinien sind offenbar sehr dünn besetzt, die Hauptaufgabe erledigen Drohnen, die auch Frauen/Kinder/Untaugliche/Versehrte steuern können (was auf einen potentiell uferlosen Partisanenkrieg hinauslaufen würde) und die nach wie vor massierte Vorstöße mit raschen, großen Gebietsgewinnen verhindern (bzw aufgrund zu großer Verluste untragbar erscheinen lassen). In dem Moment, da die Drohnenabwehr technisch gelöst sein wird, und das ist eine Frage der Zeit, ist es aus für die Ukraine.

    Was Putins angebliche Fehlspekulationen betrifft, so ist das auch so eine Sache. Als vernünftiger Mensch konnte er davon ausgehen, dass die ukrainische und auch europäische Leidensfähigkeit Grenzen kennt (was hinsichtlich der US-Leidensfähigkeit sogar zutreffen dürfte). Dass er es auf der Gegenseite mit ausschließlich Verrückten zu tun hat, ist wohl eine ganz spezielle Erfahrung, die man erst einmal machen muss. Pflanzius scheint völlig den Preis für Europa und die Ukraine zu verkennen (stattdessen faselt er etwas von "immensen russischen Verlusten" - noch einmal, diese sind hoch, viel zu hoch, schrecklich, aber eben lange nicht immens).
    Zum zögerlichen Einsatz der Oreschniks hab ich eine eigene Theorie. 1) Wozu? Alle Ziele innerhalb der Ukraine sind auch mit herkömmlichen Mitteln bedienbar 2) Man könnte sie brauchen für einen Dekapitationsschlag gegen EU und europ. NATO. Die sind derart dumm, dass sie sich einen derartigen Schlag nicht vorstellen können, warum also sie vorwarnen, noch dazu, wenn man Zelensky den aus russ. Sicht besten, dh unfähigsten ukrainischen Führer, den man sich denken kann, am Leben lassen will?
    Der 2. Kommentar scheint zu verkennen, dass es bis vor kurzem die sog. Schlammphase gab, und dass vorübergehende Rückeroberungen seitens der Ukraine, so es sie tatsächlich gibt oder gegeben hat, abgesehen vom Umstand, dass die Ukraine 2x dieselbe Schlacht verliert, nicht das Geringste ändern und von den Russen vielleicht nicht bloß in Kauf genommen, sondern vorsätzlich ermöglicht werden.
    Kurzum - auch wenn man den Röper-Optimismus kritisch hinterfragen tut, was man bitte schön auch soll, und zugeben muss, dass alles ein wenig länger dauert, als sich Scott Ritter et consortes vorgestellt haben - am Gesamtbild einer schiefen Ebene in eine Richtung ändert sich wenig. Es gibt zwei große Verlierer in diesem Krieg: Ukraine, der die nationale Ausblutung, wenn nicht gar Auslöschung droht, und EU-Europa, das wirtschaftlich, politisch und auch militärisch völlig am Ende ist. Letzteres sollte uns sogar freuen.

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