Donnerstag, 5. Dezember 2013

Zwei »Lokalschriftsteller« — Kurt Guggenheim und Alois Brandstetter zu Ehren

Heute vor dreißig Jahren, am 5. Dezember 1983, starb der eine in Zürich (wo er am 14. Jänner 1896 auch auf die Welt gekommen war) — und heute vor fünfundsiebzig Jahren, am 5. Dezember 1938, wurde der andere in Aichmühl (einem Dorf bei Pichl, in der Nähe von Wels, Oberösterreich) geboren.
»Guggenheim hat sich selbst mehrfach als «Lokalschriftsteller» bezeichnet: Er schreibe für die Leute, unter denen er lebe«
zitiert ihn die Wikipedia — mit einer ähnlichen Formulierung rief vor ein paar Tagen die Wiener Zeitung in ihrer Würdigung Alois Brandstetters dem Jubilar zu, er solle doch sein Licht
... nicht kleinmütig unter den Scheffel stellen, sich selbst nur für einen poeta minor halten und "mit dem Schicksal eines Heimatdichters" zufrieden sein, "der gern als lokale Größe mißverstanden wird"
Beiden Autoren ist darüberhinaus gemeinsam, daß sie fast ausschließlich mit jeweils einem Hauptwerk assoziiert werden, das den Blick auf ihr übriges, reiches Schaffen etwas verdunkelt. Bei Guggenheim war das sein großer Zürich-Roman »Alles in Allem«, der in vier Bänden das mannigfaltige Wesen, Leben und Treiben dieser Stadt von 1900 bis 1945 wiedererweckt, bei Brandstetter war es »Die Abtei«, ein überaus wortmächtiger Monolog eines höheren Kriminalbeamten »über Gott und die Welt« unter dem Vorwand der Aufklärung eines Kunstdiebstahls in besagter Abtei.

Wie immer in meinen Literatur-Porträts geht es mir nicht um lexikalische Vollständigkeit, auch nicht um quasi philologisch-wissenschaftlich umfassende Darstellung eines Autors in seinem Schaffen und Einfluß, sondern um ein Schlaglicht, das den Lesern meines Blogs erhellen soll, warum ich diesen Autor für bemerkens- und erinnernswert befinde. Ein subjektiver Maßstab, ohne Frage! Aber, Hand auf's Herz: gäbe es in der Kunst andere als solche?

Doch fangen wir bei Kurt Guggenheim an: zufällig fand ich im Wühlkasten meines Antiquariats vor Jahren einen Band »Kurt Guggenheim, Werke II« aus der Werkausgabe dieses Schweizer Autors, die Charles Linsmayer 1989-2009 in dankenswerter Weise herausgab. Auf gut Glück nahm ich den Band mit, der daraufhin sicherlich zwei, drei Jahre das Schicksal vieler dieser Zufallskäufe teilte: er wurde mehr oder weniger ungelesen, gerade mal oberflächlich durchblättert, in meine Bilbliothek eingereiht, und harrte seiner späteren Entdeckung. Schrecklich, so mit einem Autor umzugehen, ich  weiß! Aber die Stunde der Entdeckung kam, wie so oft, mit einer Erkrankung, die mich einige Tage ans Bett fesselte, und der Band mit zwei Werken (»Riedland« und »Sandkorn für Sandkorn«) des bis dahin ungelesenen Autors mir, warum auch immer, wieder in die Hände kam.

Beim Roman »Riedland« erlahmte trotz der poetischen Schönheit der Landschaftsschilderung gleich auf den ersten Seiten mein Interesse, und so blätterte ich weiter zum zweiten Werk: »Sandkorn für Sandkorn. Die Begegnung mit J.-H. Fabre« — und dort schlug mich die Landschaftsschilderung der ersten Seite bereits in ihren Bann: warum diese, nicht aber jene von »Riedland« — ich wüßte es nicht zu sagen. Aber ich las mit wachsendem Interesse in diesem autobiographischen Lebensbericht — der Sinn des Untertitels harrte noch seiner Entdeckung — eines offenbar inzwischen arrivierten Schriftstellers, der auf den Beginn seiner literarischen Laufbahn zurückblickt, mit all ihren Nöten und all den Entbehrungen, die er sich durch die davorliegende Insolvenz als Geschäftsmann (der er nach dem Willen seines Vaters werden mußte) zugezogen hatte. Ich weiß nicht, wie lange mich diese Schilderung eines Lebens in Dürftigkeit und mit verblasenen Wunschvorstellungen einer Autorenkarriere gefesselt hätte, wäre ich nicht im dritten Kapitel auf einmal auf ein Goethe-Zitat gestoßen, das Guggenheim in eine Schildung seines Urlaubsaufenthaltes bei einem befreundeten Ehepaar (genauer: er, ein Maler, war sein Freund, sie, eine Biologin, war seine frühere langjährige, jedoch durch antisemitische Vorurteile ihrer Familie ihm für immer unerreichbare, angebetete Geliebte) eingebettet hatte:
Vierzehn Tage oder drei Wochen mochte mein Aufenthalt gewährt haben. «Ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt», habe Goethe gesagt, notierte Eckermann am 27. Januar 1824. Fünfundsiebzig Jahre, das sind viertausend 'Wochen, und das Glück betrüge also nach diesem Maßstab berechnet ein Promille unserer Lebenszeit. Es ist wahr, Goethe spricht nicht von Glück, sondern von Behagen, und ein anderer Ausdruck, den er gern anwendet, lautet «behäglich», was, so wie ich es mir auslege, eine Assoziation mit «Hag», «Umzäunung», «Einzäunung», «Abgeschlossenheit», «Ungestörtheit», «Zufriedenheit», «emsiger selbstvergessener Beschäftigung» zuläßt. Wenn ich die von Goethe aufgestellte Proportion von Glück oder Behagen auf meinen eigenen Lebensweg anwenden würde, so dürfte dieses Promille schon fast in den drei Wochen aufgehen, die ich im Oktober 1935 in Genf verlebte. Aber auch wenn dem so wäre, wenn das Verdikt so lautete, es sei meine Ration Glück damals zu fast drei Vierteln aufgebraucht gewesen, ich würde dagegen keinen Einspruch erheben.
Es ereignete sich nämlich damals etwas Entscheidendes in meinem Leben, jedoch in solcher Stille, in solcher Verschwiegenheit, in solchem Geheimnis, daß nicht einmal meine Freunde etwas davon bemerkten und daß nur ganz spärliche Spuren von schriftlicher Aufzeichnung in einem Notizbuch zurückgeblieben sind.
Und was war das nun, dieses Entscheidende? Es war das jähe Erkennen, worin ihm die eigentliche, seine eigentliche Aufgabe als Schriftsteller gegeben war! Denn zwei Bücher hatte er ja schon veröffentlicht — ohne deshalb aber wirklich zu wissen, was nun »sein Platz« in der Literatur sein solle. Und diese Erkenntnis ging ihm erst auf angesichts eines Mannes, dessen Lebensbeschreibung er gewissermaßen »Sandkorn für Sandkorn« vor unseren Augen aufbaut, und der ihm genau damals mit der poetischen, und doch so präzisen Art seiner Naturschilderungen klarmachte, was einen wahren Schriftsteller auszeichnet: die Verbindung von Poesie und Wahrheit in präziser Darstellung der Wirklichkeit. Und der Mann, der ihn das lehrte, war ein französischer Insektenforscher namens Jean-Henri Fabre (1823-1915), dessen zehnbändige »Souvenirs Entomologiques. Études sur l'instinct et les moeurs des insectes« (also: »Erinnerungen eines Insektenforschers. Studien über Instinkt und Verhalten der Insekten«) Guggenheim später zu einer auszugsweisen Übersetzung unter dem Titel »Das offenbare Geheimnis« inspirierten, in der er über Fabre u.a. folgende Worte findet:
... die Kunst ist in Fabres Werk sozusagen ein Nebenprodukt. So wie über allen seinen Schilderungen der Duft von Thymian und Lavendel ruht, die Sonne der Provence gleißt und der Mistral weht, so hat sich in vielen seiner Kapitel eine unnennbare Poesie ausgebreitet, von der der Leser angerührt wird.
»Sandkorn für Sandkorn« ist ein zutiefst berührendes Werk — und einzigartig in seiner kühnen Kombination einer Biographie mit einer Autobiographie ebendieses Biographen; letztere gleichsam doppelt, als Entwicklungsroman des Autors ebenso, wie als Entstehungsgeschichte seines ersten »richtigen« Werkes, nämlich des oben erwähnten Romans »Riedland«, angelegt.

Dennoch: auch dieses Werk wäre angesichts der »Lokalschriftsteller«-Eigenschaft Guggenheims ein wohl überschaubarer Erfolg in seiner Heimat, der Schweiz geblieben — wäre es nicht am 5. März 1960 von W.E. Süßkind in der »Süddeutschen Zeitung« voll der Begeisterung rezensiert worden:
Dies ist ein wunderbares Buch, eines der schönsten, die ich seit langem gelesen habe. Noch dazu ist es als Experiment, als neuer Formversuch, ein interessanter, noch nie dagewesener Wurf. [...]

Diese seltsame Doppelbiographie ist ein vollendetes Kunstwerk, geschrieben mit dem geheimnisvollen, nicht zu imitierenden Zwang und Fluß der Worte, der einen niemals losläßt. Mehr sei nicht gesagt. Es ist ein wunderbares Buch.
Und auch der Altmeister der Literaturkritik in der FAZ — nein, ich meine damit nicht den nuschelnden Selbstdarsteller, sondern den wirklichen Altmeister! — Friedrich Sieburg fand später im selben Jahr die selbstkritischen Worte:
Mitunter, nicht allzuoft, erfahren wir mit Überraschung, ja fast mit Schrecken, wie nahe wir daran waren, ein schönes und wichtiges Buch zu versäumen. Um ein Haar hätte ich dieses Buch »Sandkorn für Sandkorn« nicht gelesen und hätte mir damit leichtfertig ein großes Leseglück verscherzt.
Mit diesen Rezensionen, an die sich viele andere, ähnlich begeisterte schlossen, war Guggenheim auch der Durchbruch in Deutschland gelungen. Ehrungen, wie die Aufnahme in die »Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung« in Darmstadt, folgten einige Jahre später.

Doch kehren wir zu Goethe zurück, dessen Worte über das Maß des Glückes (oder »Behagens«) seinerzeit Guggenheim wohl ähnlich in seiner Seele »getroffen« haben müssen, wie später dann mich, als sie mich, sie auf dem Krankenbett lesend, zur weiteren Lektüre dieses Autors veranlaßten. Ich habe bei Eckermann nachgelesen und mit erneuerter Rührung und Teilnahme auch Goethes Gespräche der Tage davor und danach — so zieht eines das andere nach sich. So, wie die Lektüre von »Sandkorn für Sandkorn« mich später zu Guggenheims opus magnum »Alles in Allem« brachte. Was mich dann wieder zu einer neuerlich interessierten Hinwendung zur Literatur der Schweiz veranlaßte, die mir nach meinen Schulzeiten allmählich etwas aus dem Blickfeld geraten war ...

Und nochmals zu Goethe: ist es nicht erschütternd zu lesen, daß ein wahrhaftes Universalgenie, das in der ganzen Geschichte der Menschheit kaum seinesgleichen findet (am ehesten vielleicht noch ein Leonardo da Vinci, dem aber irgendwie die politische Weltläufigkeit Goethes mangelt, oder ein Rubens, der mit ihm vergleichbar wäre — interessant, daß es bildende Künstler sind, die einem einfallen, und keine Schriftsteller!), daß also ein so rundum begnadeter Mensch dennoch sein Glück im Rückblick auf ein langes Leben nur in Zehntelprozent-Dosis zugemessen fand?! Und wie bezwingend ehrlich ist doch dieses Eingeständnis eines der Größten — weil eben eines der Größten!

Ein anderer Großer der deutschen Literatur (natürlich ein weit bescheideneres Gebirge als das Hochgebirgsmassiv Goethe!), nämlich Wilhelm Raabe, fand in einem seiner — infolge ihrer Verstreutheit in seinen Romanen allesamt fast unbekannt gebliebenen — Gedichte die treffenden Worte:
Blickt nicht vor, nicht zurück,
Denn das flüchtige Glück,
Es haftet ja nur an der Stunde.
Und in der Tat: das Glück haftet nur an der Stunde, wenn nicht gar an Minuten oder Sekunden. Jeder empfindet das so, wenn er ehrlich ist. Und es ist vielleicht bestürzend, und doch zugleich tröstend zu wissen, daß davon die Großen und Größten unseres Menschengeschlechtes nicht ausgenommen sind ...

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So, dieser Artikel ist mir unter der Hand etwas in die Länge geraten (und vielleicht auch aus der Form, wie der eine oder andere Leser kritisch anmerken mag). Professor Brandstetter möge daher verzeihen, wenn seine eingehendere Würdigung, die das Maß des am Bildschirm Lesbaren wohl endgültig sprengen dürfte, hier unterbleibt. Es werden sich andere Gelegenheiten finden, dieses Versäumnis nachzuholen, in den Jahren, die wir ihn noch hoffen aktiv schaffend mitzuerleben. Ad multos annos!

Kommentare:

Meßknecht hat gesagt…

Mit Genuß und Belehrung gelesen.

"Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und das ist der, daß wir da sind, um glücklich zu sein."
(Arthur Schopenhauer)

Und was das "wahrhafte Universalgenie, das in der ganzen Geschichte der Menschheit kaum seinesgleichen findet" anbelangt, so ist das eine schwärmerische Übertreibung. Ich halte G. für überschätzt. Das ist mein subjektiver Maßstab.

Le Penseur hat gesagt…

@Meßknecht:

... was das "wahrhafte Universalgenie, das in der ganzen Geschichte der Menschheit kaum seinesgleichen findet" anbelangt, so ist das eine schwärmerische Übertreibung.

Da kann ich Ihnen nicht zustimmen. Ich meinerseits ehre und schätze Goethe — aber im eigentlichen Sinne »lieben« kann ich ihn (und v.a. sein Werk) eher nicht. Er steht mir fraglos viel näher als sein Dioskur Schiller, aber weiter würde ich nicht gehen! Meine »Liebe« gehört ganz anderen Autoren ...

Dennoch, ich bleibe dabei: Goethe war ein Universalgenie! Daß einer ein begnadeter Dichter ist, das kam und kommt vor. Daß der dann quasi nebenher noch mehr als passabel zeichnen kann, ist schon seltener. Daß derselbe dann auch noch ein nicht unbedeutender Naturforscher (z.B. Entdeckung des Mittelkieferknochens) und ein Philosoph (auf dem Gebiet der Ästhetik, zu welchen, nicht zur Naturforschung, seine Farbenlehre zu rechnen ist — jeder Maler, mit dem ich sprach, bestätigte mir die Fundamentalität, ja Einzigartigkeit Goethescher Einsichten auf diesem Gebiet!) ist — ja, wo fand sich das vor oder nach Goethe?!

Und damit nicht genug: der Mann war noch Prinzenerzieher und Theaterdirektor mit bedeutender Nachwirkung, er zog einen Kreis der besten Geister an den kleinen Hof zu Weimar (das vor und eigentlich auch nach ihm ein recht unbedeutendes Provinznest war und blieb ... wenn, ja wenn Goethe nicht gewesen wäre, von dem Weimar bis heute zehrt!).

Zum Drüberstreuen war er noch Finanzminister seines Landes und noch vieles mehr. So, und jetzt sagen Sie mir bitte: wie, wenn nicht »Universalgenie« sollte man so jemanden nennen?!

Meßknecht hat gesagt…

@ LePenseur

Das Universalgenie bestreite ich ja nicht. Der Mann hatte gewiß seine Qualitäten. Aber das in den Himmel gehobene "überragend Einzigartige" ist nicht so mein Geschmack, abgesehen von der Trivialität, daß jeder Mensch einzigartig ist.

P.S.: Der Beweis, kein Robot zu sein, gelingt aufgrund der schrägen Schrift nur mühsam.

So zu tun, als gäbe es in der ganzen Menschheitsgeschichte einen einzigen 10.000er und alle anderen wären bestenfalls 8.000er - DAS halte ich für übertrieben.

"Und damit nicht genug..."

Als flotter Geist, doch früh verwaist,
Hab' ich die halbe Welt durchreist,
Factotum war ich erst, und wie!
Bei einer grande ménagerie!
Vom Walfisch bis zum Goldfasan
Ist mir das Tierreich unterthan:
Es schmeichelt mir die Klapperschlange,
Das Nashorn streichelt mir die Wange,
Der Löwe kriecht vor mir im Sand,
Der Tiger frisst mir aus der Hand,
Per Du bin ich mit der Hyäne,
Dem Krokodil reiss' ich die Zähne,
Der Elefant mengt in der Schüssel
Mir den Salat mit seinem Rüssel -
Ja, das Alles auf Ehr,
Das kann ich und noch mehr...

Mit Raritäten reist' ich dann
Als Akrobat und Wundermann,
Bis ich zuletzt Gehilfe gar
Bei einem Hexenmeister war!
In meinem schwarzen Zauberkreis
Zitier' ich Geister dutzendweis'
Bin passionierter Feuerfresser,
Und zur Verdauung schluck' ich Messer, -
Ich balanzier' wie Japanesen,
Changire - noch nicht dagewesen!
In Kartenkünsten bin ich gross,
Im Volteschlagen grandios!
Ich bin ein Zaub'rer von Bedeutung
Und alles ohne Vorbereitung!...

Le Penseur hat gesagt…

@Meßknecht:

Ts, ts, ts ...

Goethe mit Zitaten aus dem Zigeunerbaron charakterisieren zu wollen ... ... für orthodoxe Goetheaner wäre hiermit der Tatbestand der Blasphemie erfüllt ...

;-)