Mittwoch, 18. April 2018

Affentheater

von Fragolin

Da herrscht allgemeine Verwunderung: in Moscheen der ditib und der atib, also den Kanzeln des osmanischen Sultans und Khalifen in spe, marschieren kleine muselmanische Soldaten auf und feiern das heldenhafte Gemetzel vor den Toren Konstantinopels im Ersten Weltkrieg nach, so richtig mit modernen Camouflage-Klamotten und Knarren, während züchtig bekopftuchte Jungfern im Volksschulalter Heldenlieder trällern und die kleinen Kämpfer Allahs anhimmeln.
Jetzt könnte man sich empören und so tun, als würde hier die Welt einstürzen, aber sehen wir es mal nüchtern: da ist nix Neues unter der Sonne. Das findet schon seit Jahren statt.
Das schreiben sogar die Türken selbst:

Der Zeitpunkt, an dem dieses Affentheater losgetreten wird, wirft Fragen auf, da solche Aufführungen seit Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten stattfinden.“

Mit „Affentheater“ ist natürlich nicht das Herumgehopse der kleinen Soldaten des osmanischen Sultans und derer frisch bezogenen Matratzen vom Kinderchor gemeint, sondern die islamophobe Hetze des dekadenten Westens gegen den nationalistischen Stolz des Türkentums.

Es ist nun mal so, dass die konservativen und nationalen Strömungen in den türkischen Moscheegemeinden durchwachsen vertreten sind; eigentlich gibt es nur diese Strömungen und damit auch die Religiosität und den Nationalismus - wobei Nationalismus von der Gesellschaft in Deutschland oder Österreich geflissentlich mit der eigenen Geschichte verknüpft wird. Dafür kann jedoch der türkische Nationalismus nichts, dass die Deutschen oder Österreicher mit Patriotismus oder Nationalismus anderes assoziieren.“

Es kann den Türken auch herzlich egal sein. Aber nur, solange sie sich nicht in Deutschland und Österreich aufhalten. Ihre nationalistische Religiosität können sie gern im Reich des Sultans ausleben, aber nicht hier! Ich würde mir das Gedöns der Erdowahn-Cheerleader anhören, wenn in einer Kirche in Ankara (das sind diese Häuser, die der Staat Türkei im vorigen Jahr enteignet und übernommen hat) im Rahmen eines Kindergottesdienstes kleine Soldaten auftreten, die die Schlacht am Kahlenberg und den Sieg des katholischen Entsatzheeres über den Großwesir Kara Mustafa abfeiern.

Und ein Schmankerl aus der Ischfickdischcommunity habe ich auch gefunden, weil Sätze zerlegen so viel Spaß macht:

Ähnlich wie bei der ekelhaften Beschneidungsdebatte vor einigen Jahren und jetzt durch die Kopftuchdebatte, wird derzeit auf besonders perfide Art und Weise die vermeintliche Sorge um das Kindeswohl vorgeschoben, um gesellschaftlich stigmatisierte und in ihren mutmaßlichen Gesinnungen missliebige Menschen in ihren grundlegenden Rechten zu beschneiden...“

Ach, eine Debatte um die Beschneidung von Kindern ist ekelhaft, aber die Beschneidung der „grundlegenden Rechte“ von Eltern, die ihre Kinder körperlich verstümmeln oder in Uniformen stecken wollen, die darf nicht sein? Holla die Waldfee, das Kindeswohl, das die körperliche Unversehrtheit des Kindes vor die kranken Riten der radikalreligiösen Eltern stellt, muss man nicht vorschieben, das steht von ganz alleine vorn.
Auf das weinerliche Mimimi der „gesellschaftlich Stigmatisierten“ gehe ich nicht weiter ein. Wer sich demonstrativ durch Erscheinungsbild und Äußerungen selbst auf eine andere Stufe stellt als den geringgeschätzten Rest, kann nicht mehr für voll genommen werden, wenn er dann zum Greinen anfängt.

Fakt ist, dass da Kinder im Volksschulalter in einer Moschee eine Schlacht nachgespielt und kleine Mädchen islamisch bekopftucht dem zugejubelt haben. Auch wenn sofort beim Auftauchen von Bildern im Netz das Ganze empört (wie sonst) von den verlängerten Armen der türkischen Religionsbehörde des Khalifen in spe von sich gewiesen wurde, weil man wusste ja nicht und hätte ja nicht ahnen können – bullshit, Taqiya, Geblöke, denn bereits oben wurde in einem türkischen Medium offen zugegeben, dass das schon seit Jahren so läuft, und außerdem muss sowas vorher geprobt werden. Kinder rotten sich nicht plötzlich in Uniformen und Matratzenbezügen zusammen und zelebrieren eine hundert Jahre zurückliegende Schlacht unter dem Absingen spontan einfallender Lieder. Die haben das gelernt und geübt. Und die dabei sitzenden Eltern und Verwandten wussten auch ganz genau, was ihre Sprösslinge eingeübt haben.

Die Ausrede ist natürlich Heldengedenken an die Schlacht um Gallipoli:
Die Osmanen gewannen die Schlacht, ein Gemetzel mit 100.000 Toten, am 18. März, der bis heute in der Türkei als heldenhafter Sieg der muslimischen Verteidiger gegen das christlich-westliche Kreuzfahrertum (die sind irgendwann vor tausend Jahren steckengeblieben, es hilft nichts) gefeiert wird und den Bannerträgern des radikalmuslimischen Despoten Erdogan als Motivation gilt. Dieser verschob die Feierlichkeiten aber auf den April, um im Taumel der Sieges- und Gedenkfeier etwas anderes zu verstecken, zu dem er nicht gerne Stellung bezieht, weil er es, anders als der Rest der Welt, als heldenhaftes Meisterstück seiner djihadistischen Vorfahren gilt: der feige Genozid an mehr als einer Million Armeniern, dem am 25. April gedacht wird. Die Freude der radikalen Muslime am Aufschlitzen von Christen hat eine lange Tradition.

Kommentare:

Gustav hat gesagt…

In der Schlacht von Gallipoli stand das Deutsche Reich als strategischer Bündnispartner an der Seite des Osmanischen Reiches. 1915 versuchten englische Truppen mit einer großangelegten Landungsoperation an den Dardanellen eine Front aufzubauen, um den russischen Forderungen nach einem Besitz Konstantinopels und der Meerengen nachzukommen. Unter hohen Verlusten schlugen die deutsch-türkischen Verbündeten die Invasion jedoch zurück. Deutschland stellte darüber hinaus den osmanischen Verteidigern die beiden Kreuzer SMS „Goeben“ und SMS „Breslau“ zur Verfügung, die nun unter kaiserlich ottomanischer Flagge operierten.

Der englische Überfall begann am 25. April 1915 an zwei Stellen der Südspitze Gallipolis. Nach der vereitelten Invasion verließen die letzten gegnerischen Einheiten Gallipoli am 9. Januar 1916.

Der Rückzug der Truppen aus der Sulva- und der Anzac-Bucht war am 18. Dezember beendet und Kap Helles war am 9. Januar 1916 vollständig geräumt. Die Verluste des Abenteuers waren sehr hoch. In den englischen, französischen und ANZAC-Einheiten betrugen sie etwa 250.000 Mann. Insgesamt waren 410.000 englische und 70.000 französische Soldaten auf der Halbinsel gelandet.

Der gemeinsam erfochtene Sieg von Gallipoli hatte weitreichende strategische Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Krieges. Mustafa Kemal Atatürk leitete aus ihr seine Rolle als Volksheld und Retter der Türkei ab. In Australien und Neuseeland wird die Niederlage von Gallipoli als wesentlicher Grund für den späteren Schritt in die Unabhängigkeit und die Lösung vom britischen Mutterland gesehen. Verantwortlich für das englische Desaster war Winston Churchill, an das Australien und Neuseeland jährlich am 25. April mit einem Gedenktag, dem „Anzac Day“ erinnern.

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Denker!

Vorab mein aufrichtiger Dank für Ihre bisherigen Arbeiten, die mir immer wieder in der Verzweiflung über diese unsere Zeit helfen. Die Durchführung einer Gedenkfeier mit Kindern, besonders einer eigentlich militärischen Gedenkfeier,ist nicht Gegenstand meiner unwichtigen Fußnote.

Allerdings sollten wir anerkennen, daß vor hundert Jahren unsere Väter und Urgroßväter Schulter an Schulter kämpften; kämpften für ihre Welt und ihre Ideen, die wir heute leider (fast) vergessen haben. Jedes Volk möge seine Taten, seine Helden feiern. Wir sollten nicht vergessen, wer 1915 der Gegner war und was dessen Sieg schließlich für uns - noch heute - bedeutet, und die Türken sollten bei ihren Gedenkfeiern die österreichischen Haubitzbatterien und ihren, neben Kemal Pascha eigentlichen Feldherrn, General Otto Liman von Sanders nicht vergessen. Der eigentliche Sieger gegen das britische Empire, das hier, auf der Halbinsel Gallipoli, seine Australier und Neuseeländer verbluten ließ. Die Türken feiern zurecht die Standhaftigkeit und den Mut ihrer Soldaten.
Und ich, da es sonst wohl niemand mehr tut, halte eine Genekminute inne für von Sanders, der ab 1933 wegen des Namens seines Vaters, Liebmann, aus dem deutschen und türkischen Gedächtnis gestrichen wurde.
Menschen ändern sich, der Held von heute ist im Falle der späteren Niederlage der Verbrecher von morgen. Oder, wie ich aus eigner Erfahrung weiß, der Dank des Vaterlandes ist uns gewiß.

Mit herzlichen Grüßen und meinem Dank für die Beachtung der wenigen Zeilen.

Gerald Gmeiner hat gesagt…

Der spirituelle Hintergrund ist mir ja ziemlich egal. Aber die Erinnerung vielen Briten kräftig in den Arsch getreten zu haben ist doch durchaus nachvollziehbar schön.

Le Penseur hat gesagt…

Cher "Anonym" (von 11:52),

zunächst muß Ihr Dank — wenigstens für den bezughabenden Artikel — an Kollegen Fragolin gehen, wobei ich glaube, daß Sie (und die beiden anderen Poster) diesen ein wenig mißverstehen (wenn ich Fragolin richtig interpretiere): dieser wendet sich nicht gegen ein Gedenken in der Türkei an eine Schlacht, die dortselbst gegen die Briten gewonnen werden konnte, sondern gegen die Instrumentalisierung von in Österreich aufwachsenden Kindern hiefür, die durch Kriegsspiel in einem »religiösen« Kontext gehirngewaschen werden.

Ich versuche mir gerade vorzustellen: die deutsche Schule in Istanbul läßt am 12. September (von einen Religionslehrer geleitet) ein Gruppe ihrer Kinder in Uniformen die Schlacht am Kahlenberg von 1683, also die Befreiung Wiens von der türkischen Belagerung, nachspielen. Ich fände sowas auch einigermaßen daneben ...