Dienstag, 19. März 2013

Der Nachfolger, oder: Der Armut neue Kleider

Habemus Papam. Der Medien-Hype ist speziell heute, in diesen Minuten, auf Hochtouren, die Pilger (und was sich in den Medien so nennt) fluten seit Tagen nach Rom, das Mega-Ereignis auf dem Petersplatz will schließlich gekonnt ge-covered werden. Papstwahlen sind keine allzu häufigen Ereignisse, also muß jetzt, wenn schon eines der drei traditionellen Highlights, die Übertragung des Requiems für den Vorgänger, leider ausfallen mußte, Quote gemacht werden. Am Samstag wandte sich der neue Pontifex in freundlichen Worten an die Presse-Vertreter in Rom. Ich kann nur hoffen, daß die peinlichen Dummschwätzer, die auf faktisch allen deutschsprachigen Öffis die letzten Tage und Nächte mit ihren von wenig Sachkenntnis angekränkelten, dafür aber mit umso mehr vorgefertigter Meinungs-Stanzware ausstaffierten Kommentaren zur Qual machten, nicht bei der Audienz zugelassen waren (oder wenigstens nur ganz hinten).

Heute vormittag also findet die offizielle Amtseinführung statt. Früher mal war das eine hochfeierliche Angelegenheit: die Sedia Gestatoria, auf der Loggia die Krönung mit der Tiara, und so, davor mit einem routinierten Monsignore des Hofstaates, der am Weg durch den Petersdom dem Papst vorangehend, mehrmals eine Flocke Werg anzündete und verglühend achtlos zu Boden fallen ließ, murmelnd: »Memento, Domne — sic transit gloria mundi!« Das hatte Stil … …

Mal sehen, was sich davon ins Jahr 2013 rettet. Die Krönung mit der Tiara wohl definitiv nicht. Geht doch net, weil der doch für die Armen ist, wenn er sich schon Franziskus nennt … und außerdem, Travnicek, wer braucht sowas in Zeiten der Wirtschaftskrise und angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt, und überhaupt! Hach, wie sind wir doch selig in der neuen Armut — geradezu armselig! Don Alipius schreibt zu derlei Überlegungen in gewohnter Treffsicherheit:
Sollte er z.B. neue Gewänder für päpstliche Liturgien anschaffen, nur, weil die neu angeschafften bescheidener oder ärmlicher oder demütiger ausschauen als die, die in sicherlich nicht geringer Anzahl bereits im Vatikan herumhängen, dann wäre das für mich eine Obszönität. (Hier weiterlesen)
Meine Frau, die manchmal (ganz, ganz selten natürlich nur ...) ein klein wenig boshaft sein kann, meinte spitzzüngig dazu: »Er kann die alten Sachen ja auf Ebay versteigern lassen und den Erlös nach Afrika schicken. Oder er verkauft alles an Dolce & Gabbana, die machen dann aus dem Brokat exquisite Damen-Handtaschen« — ja, ja, auch so geht »Option für die Armen« ...
Videntes autem discipuli, indignati sunt, dicentes: Ut quid perditio hæc? Potuit enim istud venundari multo, et dari pauperibus. Sciens autem Jesus, ait illis: Quid molesti estis huic mulieri? Opus enim bonum operata est in me. Nam semper pauperes habetis vobiscum: me autem non semper habetis. (Mt. 26, 8-11)
Nicht ohne Berechtigung sagt man, jedes Volk habe die Regierung, die es verdiene. Und offenbar auch jede Zeit das Maß an Stil und Feierlichkeit, das sie verdient. Hieß es früher, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes, so heißt es im Zeitalter der Jessicas und Kevins eben: gebt dem Ochlos, was des Ochlos’ ist (um es bildungsbürgerlich auszudrücken). Würdig ist out, telegen lächeln in. Und etwas Smalltalk. Und ein Rotkreuz-Hund (n-tv : »Das wird wohl das Bild des Tages«), nicht zu vergessen! Man kann’s bedauern, ändern wird man’s wohl nicht können. Wenigstens, solange es die Maßgeblichen nicht ändern wollen.

Ich verweise hier kurz auf meine vor ein paar Wochen gebrachten Gedanken unter dem Titel »Ämter: Würden und Funktionen«. Was ich darin als Befürchtung aussprach, dürfte sich also bewahrheiten: die Funktionalisierung (und damit Banalisierung) kirchlicher Ämter hat nunmehr erkennbar endgültig die Spitzenfunktion der Katholischen Kirche erreicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang freilich, daß mit der Funktionalisierung keineswegs ein Verzicht auf Symbole einhergeht — sie werden nur andere. Das Symbol des mit der Tiara (korrekt »Triregnum« genannten), also mit drei Kronreifen quasi »potentiiert« gekrönten Stellvertreters Gottes auf Erden wird durch das Symbol des im Gemeinschaftsbus mitfahrenden Papstes — »Ecce Kumpel«, sozusagen — ersetzt. Ich mache kein Hehl daraus (und wer diesen Blog kennt, wird nicht überascht sein), daß mir die früheren Symbole (wenn ich sie auch nur als »bloßes« Symbol, nicht wie die unhinterfragt Gläubigen als quasi »Realsymbol« ansehen konnte) lieber waren. Die neuen sind für mich zu sehr nach dem Geschmack von Hollywood oder CNN (je nachdem).

Den weitblickenden Propheten zu spielen, und schon nach ein paar Tagen den weiteren Verlauf, oder gar die historischen Nachwirkungen eines Pontifikates vorherzusagen, maße ich mir nicht an. Wir werden es ja jeden Tag, also früh genug, miterleben. Ich sage nur, daß mich persönlich jedenfalls Stil und — wenigstens auch teilweise — die offiziös transportierten »Inhalte« des neuen Pontifikates mit etwas diffusem Unbehagen erfüllen. Damit ist, um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, keineswegs gesagt, daß mir die etwas hemdsärmlig-»pastorale« Art des neuen Papstes ganz aus Prinzip unsympathisch wäre. Nein, als Erzbischof einer Großdiözese in der Neuen Welt ist so etwas völlig in Ordnung, da wäre beispielsweise ein Bischof von einer luzid-feinsinniger Klassizität à la Vincenzo Gioacchino Pecci (später Papst Leo XIII) eine klare Fehlbesetzung. Aber der Tiber ist eben nicht der Rio de la Plata …

Doch solche Stil- und Verhaltensfragen sind immer auch — nein: vor allem! — vor dem Hintergrund der Perzeption solcher Signale zu beurteilen. Und hier bekommt der neue Papst nach meinem Gefühl jede Menge Lob und Zustimmung aus der falschen Ecke. Medienleute, die vermutlich kaum ein Vaterunser vollständig zusammenbrächten, und sonst mit Freuden kirchliche »Skandale« aufblasen, was das Zeug hält, scheinen über Papst Franziskus hin und weg zu sein, und überschlagen sich vor Begeisterung über seinen »umgänglichen Stil«. Und bringen — the show must go on — schon die Geschütze in Stellung, mit denen sie nach dem Abebben des Neuigkeitswertes wieder die gewohnten Schüsse abfeuern wollen. Was mit den Seitenhieben auf den »Hitlerjungen Ratzinger« nicht so recht klappen wollte (na, zum Glück hat er sich dann mit seinem Zugehen auf die Piusbruderschaft etwas eingebrockt, das man ihm danach jederzeit als Killerargument anhängen konnte), das wird sich, geschickt orchestriert, bei irgendwelchen Vorwürfen »aus der Zeit der Militärjunta« doch mit Links einfädeln lassen, nicht wahr?

Nun, überzeugte Katholiken werden mir jetzt pessimistische Schwarzmalerei vorwerfen und darauf verweisen, daß der neue Papst schließlich genau vor solchem Pessimismus gewarnt habe. Mag sein. Mir schwirrt da allerdings ein Artikel im Kopf herum, den ich vor Jahren einmal las, in welchem der Autor, ein klinischer Psychologe, eine große Studie präsentierte, die eben an seiner Universität abgeschlossen worden war. Succus daraus war, daß die meisten Menschen nicht in der Lage sind, Probleme und Gefahren korrekt zu erkennen, sondern dazu neigten, ihre Lage besser einzuschätzen, als sie objektiv gesehen war. Die einzige und leider nicht allzu große Gruppe, die realistische Einschätzungen zu treffen im Stande war, waren die von der Psychologie als »schwach depressiv« Eingestuften. Also das, was man handelsüblich als »Pessimisten« zu bezeichnen pflegt. Nicht schön, aber wahr …

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Ein lesenswerter Artikel zum neuen Papst erschien bei »Manfreds Korrektheiten«. Man mag ihn des Alarmismus' zeihen — wenigstens so lange, bis er sich bewahrheitet hat. Manfred Kleine-Hartlage hat nämlich schon viel geschrieben, bei dem man ihm Alarmismus vorwarf (z.B. über die Islamisierung Europas). Das weniger beruhigende Faktum daran: bis jetzt ist er eigentlich fast nie falsch gelegen ...

Montag, 18. März 2013

Der wunde Punkt

… war der Titel eines am Wochenende gesendeten »Wallander«-Krimis. Nun ja — es zählt nicht eben zu den Hauptaufgaben dieses eher politisch-wirtschaftlich-weltanschaulich fokussierten Blogs, das Unterhaltungsprogramm unserer Öffentlich-Rechtlichen zu rezensieren, aber gelegentlich mag auch dies vorkommen … v.a. dann, wenn ein Film mit seinen unterschwellig transportierten Aussagen LePenseur zur Kritik herausfordert — wie eben »Der wunde Punkt«.

Lassen wir »cineastische« Quisquilien beiseite, an sowas verschwende ich keine Tastaturanschläge. Ob diese oder jene Szene anders besser gedreht worden wäre — ach, geschenkt! Insgesamt wirkte der Film etwas planlos, suchend (was bei der Suche nach einem Mörder ansich kein Fehler ist), bisweilen konfus, aber so ist auch das Leben. Die Schauspieler waren, wie bei »Wallander«-Krimis gewohnt, nicht schlecht, der Plot hinreichend verworren, um auf falsche Fährten zu locken. Also doch ein guter Krimi? Mag sein, unter dem Aspekt des Krimi. Aber darum geht’s mir nicht. Mein wunder Punkt, wenn man so will, bei Krimis ist: das Genre hat mich bislang überhaupt höchst selten zu interessieren vermocht …

Vorab kurz die Handlung für die Leser, die den »wunden Punkt« nicht gesehen haben: zwei kleine Mädchen finden im Stall eines benachbarten Pferdezüchters, dessen Pferde sie gefälligkeitshalber reiten durften, ebendiesen mausetot liegend. Was zunächst wie ein Unfall eines scheuenden Pferdes aussieht, erregt Mordverdacht, der durch Berichte von Geldnöten und Wettsucht, sowie im Haus des Toten gefundenes Sado-Maso-Spielzeug samt Photos zu unterschiedlichsten Verdächtigungen führt. Es stellt sich letztlich heraus, daß der Pferdezüchter Prostituierte und Ex-Prostituierte der Domina-Szene um »Kredite« erpreßte, die er nie zurückzahlte. Sobald das im Film klar ist, ist auch das Mordmotiv klar: eine der Erpreßten hat wohl einfach genug gehabt …

Doch wie findet man den Mörder? Ganz einfach: eines der beiden Mädchen — und zwar das, dem die Eltern nach einem Streit der Mutter mit dem Pferdezüchter den weiteren Kontakt verboten haben, weil die Mama wegen ihrer früheren Tätigkeit von ihm erpreßt wurde — hatte, als sie den Toten entdeckte, am Boden die Brille ihres Vaters gefunden, und liefert ihren Papa jetzt, indem schluchzend diese Brille übergibt, dem Polizeiinspektor ans Messer. Papa wird verhaftet, tröstet das weinende Töchterchen, Mama eilt ihm nach und umarmt ihn und flüstert ihm ins Ohr, sie werde sich um die Kleine kümmern … … und hier war es gut, daß ich keinen geeigneten Gegenstand zur Hand hatte, um ihn gegen den Bildschirm zu schleudern. Sorry, aber was will uns diese Lösung, diese überraschende Wendung sagen? Zeige mir, welche Krimis du spielst, und ich sage dir, was für eine Gesellschaft du bist …

Nun, ich kenne die schwedische Rechtsordnung nicht. Mag sein, daß sie nach Jahrzehnten sozialistischer Deformation natürlichen Rechtsempfindens mittlerweile so degeneriert ist, daß sie das Zeugnisentschlagungsrecht für nahe Angehörige, das eigentlich in jeden zivilisierten Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte, nicht anerkennt. Ich weiß natürlich — ein Entschlagungsrecht ist keine Pflicht. Das Mädchen kann trotzdem aussagen und den Vater ins Kittchen bringen, keine Frage. Aber wenn sie’s tut, dann ist sie in meinen Augen kein braves, der Rechtsordnung verbundenes, sich im Gewissen schweren Herzens durchringendes Vorbild, sondern, pardon l’expression, ein letztklassiges Arschloch, dem ich in der Realität lebenslanges Siechtum und schmerzhaften Tod wünschen würde! Denn es gibt halt gewisse Dinge, die macht man einfach nicht. Egal ob der Vater jemanden umgebracht hat — die Tochter hat, verdammt noch mal, ganz instinktiv auf seiner Seite, und nicht auf der eines ermittelnden Polizeiinspektors zu stehen!

Ein unter solchen Umständen unaufgeklärt bleibender Mord ist im gesamtgesellschaftlichen Kontext weit weniger schädlich (ach, wie viele Morde werden bei uns Jahr für Jahr gar nie als solche erkannt, und daher auch nicht verfolgt!), als die Pervertierung des natürlichen Familienzusammenhaltes durch das im Film unterschwellig vermittelte Lob der Denunziation, das mich fatal an die Zeiten der totalitären Systeme roter und brauner Färbung erinnert. Denn auch damals wurde den Komsomolzen und Pimpfen eingetrichtert, daß sie gefälligst ihre »klassen-« oder »volksfeindlichen« Eltern zu verpfeifen hätten, denn »Klassen-« bzw. »Volksinteressen« stünden ethisch höher als Familienbande. Und es ist genau diese totalitäre Denkschablone, die hinter der »Lösung« des Krimis steht: ach Gottchen, mag schon sein, daß der Vater die durch Erpressung bedrohte Ehre seiner Frau und seiner Familie schützen wollte, indem er den Erpresser umbrachte, aber das Töchterchen hat doch gefälligst den befugten Staatsorganen zur Hand zu gehen (ein paar Tränchen aus »Gewissenskonflikt« werden ja gnädig konzediert), Hauptsache, die Göre stellt »die Rechtsordnung« über ihre Familie. Denn gerecht ist ja nur der Staat und seine Organe, nix in Eigenbau! Das paßt perfekt zum angestrebten totalen Verbot von Waffen in Privatbesitz, zur Unterstellung aller und jeder, noch der privatesten Beziehungen zwischen Menschen und irgendwelche »Antidiskriminierungs«-Einrichtungen etc. etc.

Es ist eben derselbe etatistisch-kollektivistische Ungeist, der unsere heutige, ach so »demokratische« Gesellschaft geistig in die Nähe früherer Totalitarismen bringt. Die Methoden haben sich, zugegeben, gewandelt. Gulag und Auschwitz sind out, »Zersetzung« (Mielke’scher Prägung), gezielte Desinformation, und frühe Erziehung zu Opportunismus sind in. Und natürlich jede Menge »informeller« Helferleins — in Presse, NGOs & Co. … wer wird sich dem widersetzen wollen? Oder, besser: können.
Der Machthaber sagt hier nicht mehr: »Du denkst wie ich, oder du stirbst«; er sagt: »Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie ich; Leben, Vermögen und alles bleiben dir erhalten; aber von dem Tage an bis du ein Fremder unter uns. […] Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er dich fliehen wie einen Aussätzigen; und selbst wer an deine Unschuld glaubt, wird dich verlassen, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.«
Diese bitteren Zeilen schrieb Alexis de Tocqueville in seiner »Demokratie in Amerika«. Wir sind längst dabei, selbst den aus ihnen sprechenden, bestürzenden Tiefstand der Freiheit noch deutlich zu unterschreiten.

Fernseh-Krimis enttarnen. Klarerweise immer den »Täter«, sonst würde ja keiner zusehen. Bisweilen enttarnen sie auch, eher unbeabsichtigt, was hinter dem permanenten Entertainment unserer Zeit steht: die Diktatur des Konformismus, dem alles in lobenswerter Weise zu opfern ist. Und wäre es die Freiheit des Vaters oder der Ruf der Mutter.

Sonntag, 17. März 2013

Rückmeldung

Der freundliche Anonymus, der vor einigen Tagen Zettels Tod betrauerte, indem er zu diesem Zweck mein Weiterleben bedauerte, hat sich vermutlich schon gefreut. Aber offenbar leben nicht nur Totgesagte, sondern v.a. auch Totgewünschte länger, als es dem Gegner lieb ist. Tja, cher »Anonym«, zu früh gefreut, da heißt’s: bitte warten ….

Berufliche Gründe hinderten mich in den letzten Tagen, zu den sich fast überschlagenden Neuigkeiten Stellung zu nehmen: da wird ein Papst im Schnellgang gewählt, da schießen weltweit die Börsenkurse durch diverse Decken, da bebt in Kalifornien die Erde — und LePenseur schweigt. Darf das sein? Ach, keine Bange, das ändert sich hiemit! Wenngleich in den nächsten Wochen berufsbedingt die eine oder andere kürzere Pause noch nicht ausschließbar ist, denn dieser Blog wird schließlich nur zum Vergnügen des Autors und (hoffentlich) seiner Leser betrieben — doch ohne Kohle wäre der Ofen binnen Kürze aus. Und da LePenseur sich nicht in der angenehmen Lage eines emeritierten Universitätsprofessors befindet, dessen (gar nicht so übler) Ruhebezug pünklich zum Monatswechsel auf dem Konto landet, sondern sich sein Salär am Markt unter Wettbewerbsbedingungen beschaffen muß, die im Beratungsgeschäft vielleicht schwerer durchschaubar, doch deshalb nicht weniger drängend sind, geht das Geschäft vor. Oder, wie einst schon »Die Prinzen« sungen:

… Geld ist zwar nicht das Schönste auf der Welt,
Doch immerhin ist es schöner als — kein Geld!


Manchmal ist es nachträglich auch von Vorteil, etwas nicht sofort kommentiert zu haben. Auch der esprit d’escalier mag den Lachmuskel des Lesers zu reizen, und ist für den Autor jedenfalls angenehmer, als sich durch vorschnelle Kommentare in ein mißliches Rückzugsgefecht verwickelt zu sehen, das zwar oft auch komisch wirkt — doch nur selten für den solcherart Fechtenden …

Liebe Leser: es geht weiter! Es geht übrigens — das hat der Zeitpfeil eben so an sich — immer weiter. Nur nicht für jeden, wie man hinzusetzen muß. Aber so weit sind wir, Gott sei Dank (und obzitiertem Anonymus zum Trotz), noch nicht ... … also: »Bleiben Sie dran!«

Freitag, 8. März 2013

»No justice no peace«. Sittenbilder aus Ösistan, oder: warum importiert man sich Probleme?

Pittoreske Sittenbilder aus dem österreichischen (näherhin: Wiener) Gerichtsalltag werden uns in der heutigen »Presse« von Manfred Seeh berichtet:
Jener Wiener, der im Jänner eine Frau aus Kenia auf die Schienen einer U-Bahn gestoßen hatte, bekam ein Jahr bedingte Haft. Die Frau des Täters wurde freigesprochen.

Wien.
Ein Prozessbeobachter der afrikanischen Community in Wien springt am Donnerstag mitten in der Verhandlung auf, stürmt zum Beschuldigten, brüllt diesen an: „This was attempted murder!“ („Das war Mordversuch!“). Die Sicherheit des 51-jährigen Wieners, jenes Mannes, der am 5. Jänner in der U2-Station Taborstraße eine 35-jährige Frau aus Kenia auf die Geleise gestoßen hat, scheint nun nicht mehr gewährleistet. Keine Justizwache, keine Polizei, keine Sicherheitsleute weit und breit.

Am Ende der Verhandlung, die streckenweise im lauten Geschrei empörter Zuschauer untergeht, stehen eine Verurteilung und ein Freispruch: Der 51-Jährige, ein Elektriker, wird wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Seine Strafe: ein Jahr bedingte Haft. Ein Jahr bedingt, dafür, dass er eine Frau nach einem Wortgefecht über die Bahnsteigkante auf die U-Bahn-Schienen gestoßen hat. Das Opfer, Nelly N., wurde dabei schwer verletzt. Ihr Fersenbein wurde gebrochen. Sie musste operiert werden. Noch heute geht sie auf Krücken. Passanten drückten damals eine Notstopptaste. Die U-Bahn blieb daher schon eine Station früher stehen.
Nun, eine Frau auf die U-Bahn-Gleise zu stoßen (auch wenn sie einem, wie verlautete, durch überlautes Handy-Gelabere den Nerv zieht) ist nicht richtig, und gehört nicht bloß wegen aktuell damit verbundenen Verletzungen, sondern auch wegen der darin liegenden Gefährdung der körperlichen Sicherheit bestraft. Man kann angesichts der Gefahren des U-Bahn-Betriebs natürlich auch die Frage stellen, ob dieses Urteil zu milde ausgefallen ist oder nicht. Daraus jedoch inen vorsätzlichen Mordversuch zu destillieren, ist lächerlich — oder demagogisch. Genau das ist jedoch der Eindruck, der einen beschleicht, wenn man so die veröffentlichte Meinung zum Fall durchliest. Na klar, der Rassist im Österreicher läßt auch Richterin Krausam (sorry, die heißt wirklich so) die afrikanischen Indigenen (um das pöhse N-Wort zu vermeiden) nur als »animals« abqualifizieren. Und selbstmurmelnd »schrill« nach Ruhe »schreien«, wenn diese »animals« Laut geben. So, als hätte sie den Täter wegen Sachbeschädigung bestraft ...

Aber noch ist die Gerechtigkeit (oder was die Medien und NGOs dafür halten) nicht verloren — die Staatsanwältign hat Berufung eingelegt, und bis zur Entscheidung der OBerinstanz kann schon ein Meinungsbild aufgebaut werden, dem sich das Oberlandesgerichtschwerlich wird entziehen können.
Nun warten alle auf die nächste Instanz. Denn nach der Verhandlung liestman auf eilig gebastelten Transparenten, die Demonstranten nahe dem Gerichtssaal hochhalten: „We demand total justice. No justice no peace.“ – „Wir fordern vollständige Gerechtigkeit. Keine Gerechtigkeit, kein Frieden.“
Ich versuche mir vorzustellen, in einem der zahlreichen, von willkürlicher Rechtsauslegung nur so strotzenden Urteile zu Ungunsten eines pöhsen Rechten wären derlei »eilig gebastelte Transparente« zu sehen gewesen — das Einschreiten der Staatspolizei wäre gesichert, und die Transparent-Pinsler wie -halter hätten eine Anklage wegen Landfriedensbruch und versuchter Bildung einer terroristischen Vereinigung am Hals, die sie für viele Jahre hinter Gitter brächte.

Wer bezahlt übrigens den abschließenden Polizei-Einsatz (» ... als zwei Mitglieder der afrikanischen Community ausdauernd vor dem Saal gegen die Urteile anschreien, rücken Kräfte der Wega (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) an. Ein Demonstrant wird fixiert und abgeführt. Der andere abgedrängt.«), nur so ganz nebenbei gefragt — wir als Steuerzahler, oder die anschreienden Mitglieder der »afrikanischen Community«? Und als steuerzahlender Staatsbürger frage ich mich darüberhinaus: warum importiert man sich solche Probleme eigentlich?

Donnerstag, 7. März 2013

Nochmals: Mindestlöhne

Blogger-Kollege »Calimero« räumt neuerdings in seiner zuvor etwas still gewordenen Rumpelkammer wieder emsig 'rum und bringt lesenswerte Erkenntnisse, so z.B.:
Das Thema Mindestlohn erregt mal wieder die Gemüter. Die Koalition schickt sich an auch noch die letzten Spezialgebiete der rot-grünen Opposition einzuhegen und eigene schwarz-gelbe Pflöcke einzurammen. Wenige trauen sich noch dagegen aufzubegehren, riskiert man doch sofort das Stigma der sozialen Kälte. Und wir wollen doch lieber alle als warmherzige Kuscheltierchen wahrgenommen werden, oder?

Jetzt hat sich Volker Zastrow, FDP-Vize aus Sachsen, zu Wort gemeldet und erklärt, warum er den Antrag zur Positionierung der FDP mit dem Titel "Leistungsgerechtigkeit durch faire Löhne" im Präsidium abgelehnt hat. Ihm sei kein funktionierendes Modell zur Einführung von Lohnuntergrenzen bekannt, sagte er, und sinngemäß, dass politischer Einfluss die notwendigen regionalen Differenzierungen (unterschiedliche Lebenshaltungskosten) außer Acht lassen würde. Dies könnte zur Arbeitsplatzvernichtung vor allem im strukturschwächeren Osten der Republik führen.
(Hier weiterlesen)
Ach, goldene Worte! Die freilich für jeden (weit über Mindestlohn bezahlten) Gewerkschaftsfuzzi und Linkspolitiker fruchtlos verschwendet sind. Und wie schon mein seliger Herr Papa zu sagen pflegte: »Man muß nicht unbedingt ein Volltrottel sein, um ein Sozi zu sein. Aber es erleichtert's einem enorm ...«

»Dotcom wins right to sue« oder: Sittenbilder aus »Down-under«

... berichtet uns heute »The New Zealand Herald«. Der schwergewichtige »Medienmogul« Kim Dotcom hat also nicht den Prozeß gewonnen, sondern nur das Recht, überhaupt einen solchen führen zu dürfen (was ihm der neuseeländische Geheimdienst gerne verweigert hätte).
Kim Dotcom has won the right to sue the Government for illegal spying.

A Court of Appeal judgement released today has ruled in favour of the internet mogul and will let him sue the Government Communications Security Bureau (GCSB) alongside New Zealand Police.

Dotcom, Finn Batato, Mathias Ortmann and Bram van der Kolk are defending accusations of mass copyright infringement, online piracy, and money laundering through their Megaupload file sharing website.

A decision by Chief High Court judge Justice Helen Winkelmann last year to allow the GCSB be sued and to allow Dotcom to seek compensation from the Government agency, as well as the police, was challenged by the Attorney-General.

During the High Court case, it emerged that the GCSB had been illegally spying on Dotcom prior to the raid on his Coatesville mansion, on behalf of the FBI, who now wants the Megaupload millionaire extradited to face trial in the US over copyright infringements.

The Attorney-General challenged Justice Winkelmann's decision to order the GCSB to cough up documents that outlined the extent of their spying.

It also challenged the decision to bring the GCSB into court proceedings as a party, as well as saying it was inappropriate for compensation claims to be added to a judicial review.
Das muß man sich ja irgendwie auf der Zunge zergehen lassen: die Generalstaatsanwaltschaft will nicht nur begrenzen, wer geklagt werden darf (»... challenged the decision to bring the GCSB into court proceedings as a party«), sondern auch was denn gefälligs Gegenstand einerBerufung sein darf (»... saying it was inappropriate for compensation claims to be added to a judicial review«). Nun, es spricht für die Integrität des neuseeländischen Court of Appeal, derlei Kinkerlitzchen-Argumente gegen ein Gerichtsurteil, das High-Court-Richterin Winkelmann quasi »in edler Einfalt und stiller Größe« gefällt hatte, vom Tisch zu wischen. Andererseits sollte sich niemand Illusionen hingeben: wenn's um die Wurscht geht, werden die Geheimdienste Neuseelands die willfährigen Knechte der US-Geheimdienste bleiben, und Kim Dotcom bracht nicht zu denken, daß die ihn von der Angel lassen. Was ein echter Supermacht-Geheimdienst ist, der wischt sich auch mit einem Höchstgerichtsurteil aus Neuseeland bestenfalls den Hintern. Die Justiz ist — egal wo — die Hure, oder bestenfalls die Geisel der politischen Macht. Und ab einem gewissen Level sind Rechtsfragen eben nur mehr Machtfragen.

Appelle ans Jüngste Gericht sind davon selbstredend nicht betroffen, wenngleich hernieden leider nicht exekutierbar. Ein Sittenbild, das im schönen — und, im internationalen Vergleich, bemerkenswert »un-korrupten« — Neuseeland um Nuancen weniger düster ausfällt, als anderswo (z.B. in Ösistan). Aber eben nur um Nuancen ...

Mittwoch, 6. März 2013

Und was liest man bei uns so darüber ...?


De mortuis nil nisi bene

... heißt es bekanntlich auf Latein, und dies wird meist mit »über Tote nur Gutes« übersetzt. Nun, nicht ganz! Latein ist eine überaus präzise Sprache und ermöglicht viele, auf den ersten Blick kaum erkennbare Nuancen ... so auch hier. »Nil nisi bene« bedeutet in wörtlicher Übersetzung nämlich: »nichts, wenn nicht gut« — es ist also keine Einladung zu posthumer Panegyrik, also zur heuchlerischen Lobhudelei an der Bahre, sondern schlicht die Einmahnung pietätvollen Verhaltens: wenn über einen Toten nicht gut geredet werden kann, so möge über ihn geschwiegen werden. Deshalb schreiben wir über den nachstehend Abgebildeten


schlicht und einfach: nichts.

Die sozialistische Regierung Venezuelas ist damit freilich noch keineswegs gestorben. Deshalb ist der über die Medien verbreitete Hinweis, die Regierung ließe nun Truppen aufmarschieren, um »den Frieden zu garantieren«, recht aufschlußreich (zurückhaltend ausgedrückt), und darf auch kommentiert und kritisiert werden. Am besten mit der Versicherung: Herzliches Beileid, Venezuela ....

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P.S.: daß der obige Verstorbene gestern allerdings exakt zur sechzigsten Wiederkehr des Todestages eines nicht gerade unbekannten Diktators verblich, darf man schon anmerken.

Dienstag, 5. März 2013

Heute vor sechzig Jahren

... starb einer der größten — nein, aller Wahrscheinlichkeit nach der größte! — Massenmörder der Menschheitsgeschichte: Josef Stalin. Über seine ebenso unzähligen wie grauenvollen Verbrechen hier zu referieren, steht mir nicht der Sinn und will ich den Lesern dieses Blogs auch nicht zumuten. Nur eine kurze Frage hätte ich doch an unsere p.t. »Eliten« des medial-politischen Komplexes:

WO BLEIBEN DIE LICHTERKETTEN?
WO DIE PARLAMENTARISCHEN SCHWEIGEMINUTEN?
WO DIE BETROFFENHEITSGESICHTER?
WO DER »KAMPF GEGEN ...«,
DER SICH AUS DEM ENTSCHLOSSENEN
»NIE WIEDER!« SPEIST?


Oder gibt's das nur dann, wenn es den EUrokratischen Gründungsmythos zu zelebrieren gilt?

Berufe und Kulturen

Gott sei Dank, daß es so Leute wie den Stuttgarter Asylantenpfarrer Werner Baumgarten gibt! Ohne ihn (bzw. sein Interview mit Rainer Wehaus von den »Stuttgarter Nachrichten«) wüßten wir beispielsweise nicht, daß...
... wenn man sich in die Kulturgeschichte reinarbeitet, dann stellt man fest, dass zum Beispiel Betteln bei den Roma als ganz normaler Beruf gilt. Da gibt es nicht nur den Schmied oder den Musiker, sondern neben dem Pferdezüchter auch den Pferdedieb.
Klingt doch logisch: irgendwer muß ja stehlen! Diese uralte, kulturgeschichtlich einfach nicht wegdenkbare Berufstätigkeit kann doch nicht — quasi monopolistisch — den Politikern vorbehalten bleiben ...

Montag, 4. März 2013

Warum gibt es nicht mehr von diesem Schlag?

Im ef-Magazin veröffentlichte Frank Schäffler eine »Persönliche Erklärung« zum Mali-Einsatz der Bundeswehr, vor der man nur den Hut ziehen kann:
Ich verstehe diejenigen, die sich aus ehrenwerten Motiven für ein internationales militärisches Eingreifen in Mali ausgesprochen haben. Ich verstehe die Verzweiflung vieler Menschen in der Region angesichts der Entwicklungen in Mali in der letzten Zeit. Doch der Entsendung bewaffneter deutscher Streitkräfte stimme ich nicht zu. Meine Ablehnung bezieht sich sowohl auf die Unterstützung der Internationalen Unterstützungsmission in Mali unter afrikanischer Führung (AFISMA) als auch auf die Beteiligung an der EU-geführten militärischen Ausbildungsmission European Training Mission Mali (EUTM MALI). Ich habe es mir nicht leichtgemacht. Ich weiß, dass es niemandem leichtfällt, sich hierüber eine Meinung zu bilden. Aber für mich ist klar: In der Abwägung der Argumente bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass wir uns mit deutschen Soldaten an einem solchen Kampfeinsatz in Mali nicht beteiligen sollten.

[...]

Endlich bewerkstelligen wir den Abzug aus Afghanistan, wo unsinnigerweise „Deutschland am Hindukusch verteidigt“ wurde. Angebliche Brutstätten für Terroristen hat die Staatengemeinschaft seit Afghanistan im Jemen, in Somalia und anderswo bekämpft. Einen Erfolg dieser militärischen Interventionspolitik kann ich nicht erkennen. Ich erwarte auch keinen Erfolg, wenn wir Deutschland nun in Timbuktu verteidigen.
Klare, mutige Worte gegen die Linie der Parteien des demokratisch-antifaschistischen Blocks. Mir fallen dazu spontan zwei Fragen ein:

1. Warum gibt es nicht mehr von diesem Politiker-Schlag, der persönliche Überzeugung wohlabgewogen darlegt und danach handelt, statt gehorsam sein Gesäß bzw. seine Hand auf Zuruf des Fraktionsvorsitzenden zu heben?

2. Ist es wirklich bloß ein Zufall, daß so ein Politikertyp ausgerechnet (wenn auch nur als Einzelfall) in der »liberalen« FDP zu finden ist — in anderen Parteien hingegen überhaupt nicht?

Sonntag, 3. März 2013

Der Block regiert wieder. Österreichweit.

Heute fanden in Österreich zwei Landtagswahlen statt, in Kärnten und Niederösterreich. Das Ergebnis fiel in beiden Fällen deutlich anders aus, als die letzten Umfragen andeuteten (was die Sinnhaftigkeit solcher »Meinungsumfragen« doch ziemlich relativiert). Aber rekapitulieren wir kurz die Ausgangslage.

Zunächst zu Kärnten:

Hier hatte Haider 2009 ein von niemandem erwartetes triumphales Ergebnis für die Freiheitlichen Kärtens eingefahren. Für die Freiheitlichen? Ja, kein Irrtum! Denn in Kärnten firmierte das von Haider als Abspaltung von der FPÖ gegründete BZÖ (»Bündnis Zukunft Österreich«) immmer noch unter »Freiheitlich«, da Haider diesen von ihm großgemachten Markennamen offensichtlich nicht leichtfertig aufgeben wollte. Nach dem Ableben Haiders geriet jedoch nicht bloß das BZÖ bundesweit in eine Krise, sondern auch in Kärnten lief es zunehmend »unrund«.Unschöne Skandale, die aus der Regierungszeit Haiders langsam ausaperten,die internen Diadochenkämpfe im BZÖ-Lager mit dem Versuch, den bei der Bevölkerung nicht unbeliebten Landeshauptmann Dörfler zu stürzen, die zunehmenden Differenzen der Kärntner Freiheitlichen BZÖ-Riege mit der Bundes-BZÖ — das alles kulminierte in einem Knalleffekt, als die Kärtner BZÖ-»Freiheitlichen« eine Kooperation mit der FPÖ (d.h. der von Haider & Co. verlassenen »Rest-FPÖ«) eingingen. Was zunächst nach einem genialen Schachzug von FPÖ-Obmann Strache aussah, nahm angesichts der immer dichter werdenden Problemlage im Umfeld der »Hypo-Alpe-Adria« allerdings bald den Charakter eines mehr als lästigen Klotzes am FPÖ-Bein an. Hinzu kam, daß die internen Querelen im freiheitlichen Lager Kärntens damit nicht ausgestanden waren. Weiterhin bemühten sich die Brüder Scheuch um eine Demonatage des von ihnen ungeliebten Landesvaters Dörfler, nicht alle BZÖ-affinen Kärtner wollten die Allianz mit Straches Bundes-FPÖ, sondern gründeten flugs ein »BZÖ Kärnten«, umgekehrt war das »Fähnlein der Sieben Aufrechten«, d.h. jener FPÖler in Kärnten, die zu Zeiten Haiders dessen Abspaltung von der FPÖ nicht mitmachen wollten, auch nicht eben begeistert, nun als bedeutungslose Splittergruppe endgültig marginalisiert zu werden.

An sich sind derartige innere Streitigkeiten schon der beste Weg in die Niederlage — aber hinzu kam (wie auch in Niederöstereich, s.u.) das Antreten von Frank Stronach bei den Landtagswahlen. Dieser holte nicht nur um ihre politische Zukunft zitternde BZÖ-Politiker in sein »Team Stronach«, sondern auch ein paar Rote und Schwarze, und versuchte sich solcherart als quasi »überparteiliche« Alternative zum bisherigen politischen System Österreichs zu profilieren. Ein Versuch, der ihm, wie die beiden Ergebnisse zeigen, gelungen ist — ob zu Recht, steht freilich auf einem anderen Blatt ...

In Kärnten jedenfalls kam es durch die Spaltung im BZÖ/FPÖ-Lager für die bisherige Landeshauptmann-Partei FPK (»Freiheitliche Partei Kärntens«) zu einem dramatischen Absturz; die Partei wurde durch die Wahl auf weit weniger als die Hälfte reduziert. Auch die von Skandalen geschüttelte Kärnter ÖVP verlor, die strahlenden Gewinner heißen — nicht unerwartet — Frank Stronach, auch die Grünen konnten erheblich zulegen, vor allem aber auch (und das ist doch etwas überraschend) die SPÖ. Daß diese nach 1945 in Kärnten jahrzehntelang die alles beherrschende Partei war, in der sich besonders viele »Ehemalige« sehr geschwind etablieren und zu höchsten Ämtern (z.B. Landeshauptmann Wagner) aufsteigen konnten, war sicher kein Zufall. Als die Zersetzungserscheinungen der SPÖ gegen Ende der Ära Kreisky und v.a. unter den Kanzlern Sinowatz und Vranitzky unverkennbar wurden, begann der Siegeszug Jörg Haiders (der in Kärnten gern die »nationale Karte« spielte), und nicht nur der »bürgerlichen Konkurrenz« ÖVP Stimmen wegnahm, sondern noch viel mehr der SPÖ. Diese Stimmen wanderten nun wieder von der »Buberl-Partei FPÖ zur Mutterpartei SPÖ« (wie es ein Kommentarposter in der »Presse« unter Anspielung auf gewisse »Präferenzen« Haiders, der sich bekanntlich gern mit gutaussehenden jungen Männern umgab, süffisant formulierte). Kärnten wird in Zukunft vermutlich durch eine SPÖ-ÖVP-Grün-Koalition regiert werden (so wie dies wohl auch ab Herbst für die Bundespolitik gelten dürfte). Stronachs Team hat wie die Freiheitlichen einen Sitz in der Landesregierung, dürfte aber ebenso wie diese faktisch von allen Entscheidungen ausgeschlossen bleiben.

Nun kurz zu Niederösterreich:

Hier war die Ausgangslage doch recht anders. Der ÖVP-Landeshauptmann Pröll hatte zwar bei den letzten Wahlen bereits ein sensationelles Ergebnis als »Vorgabe«, und ein erhebliches »Sättigungsgefühl« in der Bevölkerung angesichts des zunehmend abgehobeneren Regierungsstils von Pröll war unüberhörbar — dennoch konnte er das erklärte Ziel aller anderen Parteien, nämlich seine absolute Mehrheit zu brechen, vereiteln. Die Grünen treten mit leichten Gewinnen auf der Stelle, für SPÖ und v.a. die FPÖ war freilich das Antreten Stronachs verhängnisvoll. Die in Niederösterreich traditionell schwache FPÖ fliegt wieder aus der Landesregierung und macht einem — durch die ÖVP-Mehrheit politisch freilich völlig bedeutungslosen — Stronach-Anhänger Platz. Während in Kärnten durch eine Reihe von Prozessen gegen FPK- und ÖVP-Politiker, die zufällig (?) gerade rechtzeitig vor den Landtagswahlen durch erstinstanzliche Urteile abgeschlossen wurden, Details über Mißwirtschaften der Ära Haider medial vermarktet werden konnten, ist das mediale Interesse an den mehr als aufklärungswürdigen Spekulationen der Landesregierung recht endenwollend. Warum? Nun, da kann man nur spekulieren — aber der Umstand, daß der Raika-Konzern, die Hausbank Niederösterreichs und gleichzeitig aufs engste mit der ÖVP Niederösterreich verflochten, zugleich auch im Medienbereich »dick drinnen« ist, will einem nicht ganz so zufällig für diesen Befund erscheinen ...

Fazit:

Heute ist sicherlich für die FPÖ ein — in Niederösterreich — rabenschwarzer Tag, und in Kärnten brennt der FPK-Hut gewissermaßen feuerrot. Ob Strache bei den Nationalratswahlen im Herbst sein letztes Ergebnis wird halten, geschweige denn ausbauen können, steht in den Sternen. Es wird sicherlich v.a. darauf ankommen, wie das »Team Stronach« bis dahin agiert. Leistet es überzeugende (Oppositions-)Arbeit in den beiden Ländern, in denen es jetzt in Landtag und Landesregierung sitzt, dann wird die FPÖ wohl ein massives Problem bekommen. Wenn freilich die beiden Ergebnisse bloß ein protestierendes Strohfeuer darstellten, könnte die FPÖ nach wie vor als Gegenkraft zum großkoalitionären siamesischen Zwilling SPÖVP reüssieren. Eines ist allerdings schon seltsam: die »Kronen-Zeitung«, die seit Jahrzehnten eine informelle, doch umso innigere Förderung der SPÖ-Parteiinteressen betrieb, hat vor einigen Jahren Stronach über die Publikation von serienweisen Gastkommentaren geradezu liebevoll aufgepäppelt, und ist trotz ihrer seit dem Tod Hans Dichands noch weitaus offensichtlicheren SPÖ-Nähe davon eigentlich nicht abgerückt. Warum eigentlich?

Liegt hier nicht der Verdacht nahe, daß man mit Stronach eine bequeme Schein-Alternative großziehen wollte — die angesichts des Alters und der politischen Naivität Stronachs den hinter den Kulissen der Republik Mächtigen nie wirklich gefährlich zu werden droht, aber einen Wahlsieg der FPÖ stets torpedieren muß, da letztlich beide im denselben Wählersegmenten unterwegs sind? Nämlich sowohl (und das muß ganz klar angesprochen werden) bei denen, die als sogenannte »Modernisierungsverlierer« ihre Zukunftsängste durch Wahl einer Protestpartei artikulieren wollen, als auch bei jenen, die als mittelständische Leistungsträger weitaus mehr in das System einzahlen, als sie daraus bekommen — und die sich gegen die Abkassierer-Mentalität der Systemprofiteure nur (sic!) durch die Wahl einer Protestpartei zu schützer versuchen können — und selbst dann oft feststellen müssen, daß diese Partei vom System blitzschnell entweder korrumpiert oder von der Systemmacht ruiniert wird, mit allen Mitteln, die ein durchkorrumpierter »Rechtsstaat« mitteleuropäischen Zuschnitts seinen Drahtziehern in die Hände gibt.

Sorry, es ist kein schönes Fazit, das aus dem Ergebnis dieser beiden Wahlen zu ziehen ist. Das Wahlvolk in zwei Bundesländern hat sich für mehr Systemkonformismus entschieden. Es wird ihn bekommen — in Gestalt einer ewigen, mit jeder Bestätigung unabwählbareren informellen Koalition der Blockparteien. Wenn (was nach dem Kärntner Ergebnis zu erwarten steht) dieser »Block der demokratisch-antifaschistischen Parteien« in Zukunft aus »SPÖVP + Grün« besteht, neben der eine Stronach'sche Pseudo-Opposition und eine total ausgegrenzte, weil »rechte« FPÖ zur politischen Bedeutungslosigkeit verdammt sind, dann wird Österreich keine gute Zukunft bevorstehen. Denn anders, als uns die SPÖVP glauben machen will, wird Wohlstand nicht durch Umverteilung, Kommunalbetriebe und Agrarsubventionen geschaffen, sondern durch wettbewerbsorientierte Arbeit in marktwirtschaftlichen Verhältnissen. Und anders, als die GrünInnen uns glauben machen wollen, sind die Probleme Österreichs nicht eine Frauenquote in Aufsichtsräten, eine zu geringe Zuwanderung anatolischer Bräute für anatolische Fremdarbeiter und Sozialleistungsempfänger, oder die Adoptionsrechte für schwule Pärchen, sondern ein überhöhter Staatsanteil am Sozialprodukt, eine sozialstaatliche Vollkasko-Mentalität mit viel zu gering ausgeprägter Leistungs- und Risikobereitschaft, und schließlich eine trotz immer höherer Steuerlast ungehemmt steigende Staatsverschuldung.

Ein Österreich, das zum großkoalitionären Sumpf und Proporz zusätzlich noch grüne Hirnblähungen zu finanzieren hat, wird — weltwirtschaftlich betrachtet — endgültig wettbewerbsunfähig. Wir können freilich sicher sein, daß, wenn der wirtschaftliche Niedergang zunehmend unübersehbar wird, natürlich »die Märkte« und »die Spekulanten« daran schuld gewesen sein werden. Und der Wähler wird's glauben. Er glaubt ja auch jetzt, daß die Wahl eines Sozialisten die Kärntner Landesfinanzen sanieren wird — oder daß die ÖVP Niederösterreich »für Stabilität« garantiert.

Samstag, 2. März 2013

Backaroma läßt bedauern

Derzeit muß der Lieblingspräsident der
Linksmedien(steichen wir den Pleonasmus: gibt's denn auch nicht-linke?), also: muß der Lieblingspräsident der Medien den großen Rasenmäher bedienen, nachdem er geschickt die Verhandlungen über Budgetkürzungen im Kongreß ins Leere laufen ließ, und jetzt leider, leider »gezwungen« ist, Budgetkürzungen querfeldein zu machen. Na warten wir mal ab, ob ihm die Bevölkerung dieses Märlein glaubt ...

Backaroma ist also zu beschäftigt, Journalisten, die sein Verhalten kritisieren, persönlich zu bedrohen. Das überläßt er lieber einem seiner schrägen Vögel im Weißen Haus, einem besonderen Genius namens Gene Sperling, der solch einen unbotmäßigen Journalisten, den schon an der Aufdeckung des Watergate-Skandals beteiligten Bob Woodward, mit einem halbstundenlangen Telephonbrüller daran hindern wollte, seine Version vom Scheitern der Verhandlungen zu publizieren, und dann noch folgende nette Zeilen per E-Mail nachschob:
“I apologize for raising my voice in our conversation today,” the official typed. “You’re focusing on a few specific trees that give a very wrong impression of the forest. But perhaps we will just not see eye to eye here. … I think you will regret staking out that claim.” (Quelle: Politico)
Nun, eine Schwalbe macht keinen Frühling, und ein Sperling keinen Diktator — dennoch ist es überaus aufschlußreich zu beobachten, wie Backaroma, dieser Liebling aller Medien, agiert. So, wie dieser »Friedensnobelpreisträger« fremde Länder ungeniert angreift, wenn deren Regierung (oder Opposition, je nachdem) ihm nicht ins Konzept paßt, und Menschen, die ins Visier seiner Geheimdienste gekommen sind, einfach durch Drohnen wegbomben läßt, genau so agiert er auch innenpolitisch: »Wer nicht für mich ist, ist gegen mich« (offenbar auf dem Messias-Trip, oder wie?). Der Gegner wird außer Gefacht gesetzt — natürlich nicht vom good guy selbst, sondern von einer Drohne, die dieses Mal halt ein Sperling ist ...

Und die Medien schweigen zum überwältigenden Teil immer noch beharrlich. Sie haben diesen Präsidenten herbeigeschrieben, sie haben ihn für die Wiederwahl aufgepäppelt und durchgeboxt, sie wollen ihn jetzt nicht verlieren — denn sie wissen: wenn die Stimmung im Volk erst einmal kippt, geht es nicht bloß dem schwarzen Herrn im Weißen Haus an den Kragen, sondern ,möglicherweise auch ihnen — wegen ihrer Versuche, durch ständige Desinformation das East Coast Establishment an der Macht zu halten. Deshalb das Abwiegeln und Kleinreden. Man versuche sich doch bloß vorzustellen, was nach so einem ebenso glasklaren Einschüchterungsversuch durch einen Mitarbeiter der Bush-Administration in den Medien losgewesen wäre! Ein Poster namens Myk Zagorac bringt auf BuzzFeed Politics die Einäugigkeit des Vorgehens auf den Punkt:
Not since Roman times have I seen so many people trying to protect an Emperor like so many of the media spinning for Obama. Woodward reports Obama acting like a pissy little school girl. Well what of substance has Obama contributed to the debate? He wanted sequester, everyone with an IQ of 20 or above knows that. Woodward reports that Obama wants to blame someone else. Well guess what? That's what Obama has down his entire presidency. There is always someone else to blame. Bad economy, Bush's fault. Lack of a budget even though Dems controlled both houses of congress for 2 years, GOP's fault. Benghazi "I was like totally involved".....for one phone call. Just pathetic.
Nun, Woodward reagierte auf Sperlings Drohung recht unbeeindruckt, dafür aber umso nachdrücklicher:
Woodward repeated the last sentence, making clear he saw it as a veiled threat. “ ‘You’ll regret.’ Come on,” he said. “I think if Obama himself saw the way they’re dealing with some of this, he would say, ‘Whoa, we don’t tell any reporter ‘you’re going to regret challenging us. They have to be willing to live in the world where they’re challenged,” Woodward continued in his calm, instantly recognizable voice. “I’ve tangled with lots of these people. But suppose there’s a young reporter who’s only had a couple of years — or 10 years’ — experience and the White House is sending him an email saying, ‘You’re going to regret this.’ You know, tremble, tremble. I don’t think it’s the way to operate.” (Quelle: Politico)
Manchmal erkennen die Leute eben zu spät, daß nicht alles, was der politisch-mediale Komplex ihnen so einreden will, zu ihrem Nutzen ist. Manchmal dauert der Prozeß des Erwachens Jahre. Aber irgendwann wird jeder wach. Spätestens dann, wenn das Gebälk kracht, weil das Haus am einstürzen ist. Man kann sich eigentlich schon ausrechnen, wann ...

Freitag, 1. März 2013

»Stell dir vor, es gibt Mindestlohn, und keiner hat Arbeit ...«

»Kevin & Jessica« machen's möglich. Seitdem Wahlkampf ist, tönt auch die FDP windelweich von »fairen Löhnen«, und »fair« sind natürlich Mindestlöhne, die für alle gleich sind. »Markt« ist nur eine Erfindung von Dunkelmännern (Frauen machen sowas vermutlich nicht), Plan ist schön und hipp und funktioniert perfekt! Wie wir im Realsozialismus ja mustergültig vorexerziert bekamen. Plan-Übererfüllungen bis zum Schluß. Bis irgendwann dann halt Schluß war, so um 1990 herum ...
SPD, Grüne und Gewerkschaften fordern längst einen gesetzlichen, einheitlichen Mindeststundenlohn von 8,50 Euro brutto. Die Union hat seit 2011 ein Konzept, das die Tarifautonomie wahrt. Wieder geht es um eine Kommission, die aber über alle tariflosen Branchen eine einheitliche Lohnuntergrenze festlegt. Nur noch regional soll es Differenzierungen geben. Die FDP aber besteht auf Branchenunterschiede – bis jetzt.

Ihr Argument ist das (neo)klassische: Wenn sich auf dem Arbeitsmarkt die Preise wie auf anderen Märkten bilden, kann eine aufgezwungene Untergrenze fatale Folgen haben: Den Unternehmen wird Arbeit zu teuer, sie bauen Jobs ab. Offen ist, wie relevant die Modellannahmen sind. Empirische Studien gibt es genug. Die OECD sieht in ihrem Überblick kein klares Pro oder Kontra. Viel hängt von der Höhe der Grenze ab.

Der Sachverständigenrat vergleicht mit Frankreich, wo die Voraussetzungen ähnlich sind. Dort betrifft ein recht hoher Mindestlohn 16 Prozent der Arbeitnehmer – und hat laut den „Wirtschaftsweisen“ zu starken Beschäftigungsverlusten geführt. Das IW Köln rechnet für die 8,50-Euro-Forderung gar mit 19 Prozent Betroffenen – der Schuss, so die Botschaft, würde kräftig nach hinten losgehen.
(Hier weiterlesen)
Warum also lenkt die FDP auf einen Kurs ein, der ganz offensichtlich bisher nicht erfolgreich war, und für den kein vernünftiges Argument genannt werden kann, warum er es in Zukunft auf einmal sein sollte? Wie oft muß man einen Fehler eigentlich wiederholen, um draufzukommen, daß er einer ist?

Die Antwort darauf gibt vielleicht ein bekanntes Churchill-Zitat (auch wenn ich ihn aus guten Gründen nicht ausstehen kann — manche seiner Zitate treffen einfach den Nagel auf den Kopf):

All men make mistakes,
but only wise men learn from their mistakes.

Was uns wieder an ein anderes Zitat, diesmal aus dem hohen Norden Europas, erinnert, jene berühmten Worte Axel Oxenstiernas an seinen Sohn:

Nescis, mi fili, quantilla prudentia mundus regatur ...

Donnerstag, 28. Februar 2013

Nachrufe und Nachdenken

Das Archivalien- und Germanistendeutsch kennt bereits den »Vorlaß« eines Schriftstellers (oder dergleichen), der sich vom Nachlaß dadurch unterscheidet, daß der »Vorlassende« noch lebt. Schreckliches Wort, irgendwie ...

Nachrufe werden zwar mittlerweile von qualitätsbewußten (?) Zeitungen auf Vorrat geschrieben (schon wieder so ein »Vor-«Wort, das sich im nachhinein nur zu oft als ein Wechselbalg aus »Vorsicht« und »Unrat« entpuppt!), aber peinlichst bemüht um Himmels willen nicht publiziert. Schrecklich, wenn durch eine falsche Todesnachricht so ein Nachruf zum Zuruf an einen noch Lebenden wird ... Heym hat seine (durchaus lesenswerte) Autobiographie an diesem morbiden Gedankenspiel aufgehängt ...

Es gab unlängst einen Nachruf auf diesem Blog — einen von (wenigstens meiner, vielleicht nicht ganz zuverlässigen Erinnerung nach — andernfalls: Penseurologen, vor!) insgesamt fünf bislang: Manfred Gerlach, Ludwig Hirsch, Cissy Kraner, Georg Kreisler, Salman Taseer und eben jetzt »Zettel« ... allesamt Personen, die ich nicht persönlich kannte, und die mir dennoch viel bedeuten. Sonst gibt's nicht viel Gemeinsamkeiten — was hätten ein emeritierter Gelehrter, drei Chansonniers und zwei Politiker völlig unterschiedlicher Staaten und Gesellschaftssysteme schon gemein, außer dem, was mir wichtig ist und letztlich allein wichtig ist: sie waren Menschen — im Vollsinn dieses Wortes.

Bleiben wir kurz beim alphabetisch und zeitlich letzen, bei »Zettel«. In der Betroffenheit um seinen plötzlichen Tod wurde mit einem Mal erkennbar, wie vielen und wie unterschiedlichen Menschen seine Gedanken etwas bedeutet haben. Wem von so unterschiedlichen Medien wie der »Achse des Guten«, dem »American Viewer«, über Gudrun Eussner (mit einem wehmütig-humorvollem Cartoon), und den »Inselpfarrer«, bis zu »Politplatschquatsch« (letzere besonders berührend) etwas nachgerufen, nachgesagt, ja nachgeflüstert und -geweint wird — der war eben vor allem eines: ein Mensch, der den Menschen etwas zu sagen hatte.

Wie LePenseur gestern einem befreundeten Geistlichen schrieb: der Februar 2013 scheint ein Monat des Abschiednehmens zu werden. Noch wenige Stunden, und es ist zwar kein Nachruf, aber ein Nachdenken über ein dann zu Ende gegangenes Pontifikat anzustellen. Im alten Rom endete bekanntlich das Jahr mit dem Monat Februar (weshalb der »Dezember«, nach unserem mit Januar beginnenden Kalender der zwölfte, eben Monat zehn — decem — dieser antiken Zählung ist). Mit dem Monat März — dem Kriegsgott Mars geweiht, denn mit Winterende begannen traditionell wieder die Kriegshandlungen, die »im Winterquartier« unterbrochen worden waren — fängt also eine neue Periode, eine neue Zeitrechnung an.

Und, wollen wir hoffen: keine, die dem Monats-Namensgeber allzu sehr gerecht wird ...

Mittwoch, 27. Februar 2013

Orwell wäre stolz

Vermutet Frank Meyer in seinem heutigen Artikel »Wenn Politische Korrektheit Amok läuft« wohl völlig zu recht:
Haben Sie das auch gehört? Es gibt immer noch so böse Begriffe wie “arbeitslos”, “alleinerziehend” und auch “Vollkaskomentalität”. Die Worte gehören den Leuten ausgetrieben, geht es nach Ansicht der Experten der Nationalen Armutskonferenz (nak). Dabei handelt es sich nur um drei von 23 bösen (nicht ganz so guten) Worten, um die es die deutsche Sprache dringend zu “entreichern” gälte…

Schon der Begriff “Nationale Armutskonferenz” scheint mir irreführend in Zeiten, in denen der Aufschwung keine Armut mehr zulässt – und schon gar keine nationale… Reichtumskonferenzen finden wo anders statt. Die Forderung nach einer Umettikettierung sozialer und wirtschaftlicher Probleme passen gut in die Zeit des Pferdewahns – und auch gut in den Zeitgeist unserer Familienministerin, harmlose Kinderbücher politisch korrekt umschreiben zu müssen, will man die Kleinen ja modern erziehen.
Wenn es ein Charakteristikum für eingefleischtes Sozentum gibt, dann die Tendenz, durch »schön Sprechen« die Welt retten zu wollen. Der Arbeitslose trägt gleich sein Los viel leichter, wenn man ihn als »jobmäßig herausgefordert« bezeichnet, oder so ...

Wäre das alles bloß die Marotte irgendwelcher Verrückter, die Sprachbehübschung als Hobby betreiben — analog den »Sprachgesellschaften«, die uns schon vor Jahrhunderten beispielsweise für die fremdsprachige »Mumie« den weitaus plastischeren Begriff »Dörrleiche« schmackhaft machen wollte (womit sie allerdings keinen nachhaltigen Erfolg erzielte) —, dann könnte man darüber mit einem amüsierten Achselzucken hinweggehen. Nur: diese gezielte Etablierung eines politisch korrekten Neusprech hat System — und bittere Konsequenz: wer nicht mehr sagen darf, was er denkt, sondern sagen muß, was er noch denken darf, der darf eben nicht mehr denken, sondern nur mehr nachplappern. Das wollen sie damit erreichen! Und so ist Frank Meyers ironischer Schluß:
Ich weiß nicht, ob und welche Tees dort gereicht werden, oder ob da jemand heimlich Zigarren mit verbotenen Flüssigkeiten tränkt, aber ich würde mich nicht wundern, wenn von dort auch noch ein Wahrheitsministerium gefordert würde, das sich um politisch korrektes Neusprech kümmert.

Wer weiß, wann aus dieser ganzen politischen Korrektheit dann Zensur wird. Bald? Es wäre lächerlich, wenn das Wort nicht auch im Giftschrank wohnte. Als was darf man eigentlich diese Bessermacher und Wortmixer in allzu ferner Zukunft bezeichnen? Mir fehlen die Worte.
bei weitem weniger erheiternd, als er sich liest. wer die Schrift an der der Wand zu deuten versteht — und das heißt: wer die Zeichen, die er sieht, noch benennen darf! —, der sieht ein riesengroßes

C E N S O R E D

über alle Meinungsäußerungen gestempelt, die nicht die Approbation des — noch (!) informellen — Wahrheitsministeriums tragen. Orwell wäre  in der Tat stolz. Nicht über das Faktum — das würde ihn wohl zutiefst bedrücken! Aber daß er's schon vor Jahrzehnten vorausgesehen hat ...

Dienstag, 26. Februar 2013

R.I.P. »Zettel«

Soeben entdeckte ich beim gewohnten nachmittäglichen Surfen auf »Zettels Raum« diese traurige Nachricht:
Zettel ist tot

Viel zu früh, mit Anfang 70, und im siebenten Jahr von ZR, ist Zettel gestern nach sehr kurzer Krankheit überraschend verstorben.

Die Lücke, die er in der liberalen Blogwelt hinterläßt, ist groß, und obwohl die Reichweite von ZR nach seinem Geschmack immer zu gering war, so fehlt ab jetzt im deutschsprachigen Journalismus seine kräftige dissidente Stimme eben doch.

Noch weit schmerzhafter wird die Lücke für jene sein, die ihn geschätzt und gemocht haben, und für die er jahrelang ein täglicher Begleiter, Unterhalter, Lehrer und Diskussionspartner gewesen ist. Es ist erstaunlich, wie nahe einem ein Mensch kommen kann, den man nur in Form von Buchstaben auf dem Bildschirm kennt, und wie sehr sein Los einen dann trifft.

Mein Mitgefühl gehört seiner Ehefrau.

Wo viel fehlt, da bleibt auch viel.
Was auch immer an unterschiedlichen Sichtweisen zwischen seinem — ungleich größeren und einflußreicheren — »Zettels Raum« und diesem LePenseur-Blog bestand, es änderte nichts daran, daß ich ihn und die Arbeit, die in seinem Blog und Forum sichtbar wurde, zutiefst schätzte und respektierte. Wenn auch meine schärfere, polemischere Art der Herangehens nicht nach seinem Geschmack war, so verband uns doch sicherlich eines: der Wunsch nach Befreiung von Sprech- und Denkverboten, die unsere Gesellschaft mit ihrer »political correctness« wie Mehltau zu befallen und abzutöten drohen!

Erst Anfang Februar korrespondierte ich aus Anlaß seines Artikels »Gestern bei Jauch« (4.2.2013) mit ihm und legte ihm zu dieser Frage meinen (zu dem seinen recht unterschiedlichen) Standpunkt dar. »Zettel« schrieb mir umgehend zurück:
Lieber LePenseur,

danke für Ihre Ausführungen. Ja, der Titel meines Artikels war etwas flapsig formuliert. Aber nun steht es da halt so.

Ich möchte Ihnen anbieten, sich wieder im Kleinen Zimmer anzumelden - vorausgesetzt, daß Sie bereit wären, dort etwas von Ihrer Schärfe zurückzunehmen.

Ich schätze Ihre Intelligenz; diese Schärfe nicht.

Herzlich, Zettel
Ein sehr ehrenvolles Anerbieten, dem ich freilich in Kenntnis ebendieser meiner »Schärfe« nachzukommen zögerte, und deshalb zurückschrieb:
Sehr geehrter Herr Professor!

Danke für ihre Antwort, und ebenfalls danke für Ihre freundliche Wieder-Einladung!

Nun, Sie kennen mich ja vermutlich von meinem Blog gut genug, um zu wissen, daß ich teilweise durchaus ruppig und scharf argumentieren kann. Der Beiderhänder liegt mir — trotz einer wohl unbestreitbaren Neigung zum süffig formulierenden Feuilletonismus, die mir in die Wiege gelegt wurde ☺ — offenbar irgendwie doch mehr, als das Fechten mit dem Turnier-Florett mit absichtlich stumpfer Spitze — ich weiß also nicht, ob ich Ihnen meinen Wieder-Einstieg in Ihr Forum wirklich antun sollte! Und die Schmach einer zweiten Sperrung will ich mir ebenso ersparen, wie Ihnen den Ärger, aus dem heraus Sie sie verhängen ...

Das ändert nichts daran, daß (trotz mancher inhaltlicher Differenz, insbes. auf "transatlantischem" Terrain!) Ihr Blog in meiner Blog-Roll bleibt, solange Sie sich nicht dagegen verwehren, und ändert auch nichts daran, daß ich — auch unabhängig davon — Ihren Blog auch weiterhin praktisch täglich besuchen werde, und manchen interessanten Artikel darauf zum Anlaß nehme, selbst ein Problem zu behandeln, und im Gegensatz zum freien Herrn von Guttenberg auch kein Problem habe, die Quelle anzuführen ☺.

Angesichts der Größe Ihres "Kleinen Zimmers" kommt es auf meine Kommentare wohl nicht wirklich existenziell an, und die Gefahr der Versuchung, daß ich mich dann "verzettle" und versuche, auf meinem Blog und in Ihrem Forum gleichermaßen zu schreiben, ist mir einfach zu groß.
[...]

Haben Sie also, bitte, Verständnis, daß ich Ihnen diesbezüglich (wenigstens derzeit) einen Korb gebe. Es ändert nichts an meiner grundsätzlichen Wertschätzung, und, hoffe ich, auch nicht an der (von mir einmal unterstellten) Ihrerseits solchen.

Ich verbleibe

Mit besten Empfehlungen

LePenseur
Auf dieses Mail erhielt ich noch postwendend ein paar kurze freundliche Zeilen, die sich auf meinen seinerzeitigen Rausschmiß aus »Zettels Kleinem Zimmer« bezogen:
Lieber LePenseur,

ja, ich schätze Sie - intellektuell und auch charakterlich. Síe haben damals souverän und fair reagiert. Das hat mich beeindruckt.

Herzlich, Zettel
So kann ich wohl — und das ist mir bei dem Schockartigen dieser Todesnachricht doch ein wenig tröstlich zu wissen — davon ausgehen, daß trotz einiger Reibungspunkte zwischen uns eine gegenseitige Wertschätzung vorlag; eine Wertschätzung, die mir nun auch zusätzliche Verpflichtung ist. Nicht, daß ich nun aus meiner Haut springen müßte (oder auch nur könnte!), und beherrschte Objektivität heucheln wollte, wo mein Blut siedet. Aber mich doch das eine oder andere Mal, wenn ich schon die Hand auf den Griff des Bihänders lege, kurz zu fragen: »Geht es nicht auch weniger polemisch?«

Nein, ein zweiter »Zettels Raum« wird dieser Blog nie werden — aber etwas von dessen umfassender Informiertheit und gelassener Beurteilungsgabe sollte doch spürbar werden. Als »Zettels« Vermächtnis, sozusagen — dem ich mich, ebenso wie viele andere Blogger und Kommentar-Poster, verpflichtet weiß.

Unser aller Mitgefühl gilt natürlich vor allem seinen Angehörigen, die ungleich mehr an ihm verloren, als seine Bekannten (und Unbekannten) aus dem virtuellen Raum des Internet! Ihm selbst möge die Erde leicht sein — einen dezidiert »christlichen« Wunsch hierzu auszusprechen, zögere ich im Hinblick auf sein zu obiger Debatte dokumentiertes Bekenntnis, kein Christ zu sein. Und im übrigen gilt das Wort seines Mitbloggers »Kallias«:

Wo viel fehlt, da bleibt auch viel.

Einen interessanten Artikel

... über eine wünschenswerte Neugestaltung der Zusammenarbeit auf Europa-Ebene finden wir im Online-Magazin von »eigentümlich frei«:
EU: Deutschland muss die Europäer vor der Knechtschaft bewahren
von Paul Craig Roberts und Johannes Maruschzik

Russland als möglicher Partner

Ist der Euro die Aufgabe der nationalen Souveränität der europäischen Staaten wert? Das ist die zentrale Frage, die im Kontext mit der so genannten Eurokrise eine Antwort verlangt. Denn das politische Establishment nutzt die offensichtlich gewordene institutionelle Fehlkonstruktion sowohl der Eurozone als auch der EU, um eine „vertiefte Integration“ zu erzwingen. Und die zielt zweifellos darauf ab, sukzessive die Souveränität der Mitgliedsstaaten zu beenden – während etwa Wladimir Putin oder David Cameron die Wichtigkeit der nationalstaatlichen Souveränität und Identität gerade in Zeiten schneller globaler Umbrüche betonen. Die jetzt von EU-Spitzenpolitikern geforderte Fiskalunion ist nur die Vorstufe zum durchgestylten Superstaat, der die Mitglieder der Eurozone zunehmend bevormunden und in eine neue Form von Knechtschaft zwingen wird. Deutschland kann dieser Entwicklung ein Ende bereiten: mit einem Austritt aus der EU. Danach sollte Deutschland einen neuen Ansatz einer wirtschaftspolitischen Integration Europas initiieren, bei der die beteiligten Staaten in ausgewählten Politikbereichen kooperieren, ansonsten aber ihre Souveränität behalten und auf eine gemeinsame Währung verzichten. Ideale Partner für den Anfang wären das rohstoffreiche Russland, die ost- und mitteleuropäischen Staaten und all jene Länder, die der bisherigen Entwicklung der EU skeptisch gegenüber stehen. Die anderen europäischen Staaten könnten sich diesem Bund souveräner Staaten sukzessive anschließen. Eine solche Entwicklung indessen liefe den globalen Interessen der Hegemonialmacht Amerika zuwider, deren endgültiger Absturz aber ohnehin nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.
(Hier weiterlesen)
Die gleich zu Beginn genannte Bedingung für ein Gelingen (nämlich der EU-Austritt Deutschlands) macht das ganze natürlich zum bloßen Gedankenspiel: wie sollte sich die aus Brüssel und Washington ferngesteuerte Horde von Polit-Kastraten, die in Berlin das nominelle Sagen hat, zu so einem Schritt entschließen? Es wird also beim lemminghaften Weitermarsch an die Klippe bleiben, so berechtigt der Schluß des Artikels auch sein mag:
Wie tragfähig kann eine europäische Integration ohne Beteiligung Russlands als größtem Land Europas langfristig sein? Und denken wir an die zweifelhaften Aktivitäten der US-Staatssicherheitsbehörde Homeland Security, an die Vorgänge im Gefangenenlager Guantanamo Bay und an die sich zunehmend herausbildenden plutokratischen Machtstrukturen in den Vereinigten Staaten, sollten sich die Europäer als Bündnispartner der USA davor hüten, hinsichtlich der demokratischen Verhältnisse mit dem Finger auf Russland zu zeigen.

Der EU-Austritt Deutschlands ist die einzige realistische Chance, die Fehler des ersten Integrationsversuchs zu korrigieren und die ursprüngliche, im Rom-Vertrag formulierte Idee der europäischen Integration souveräner Staaten zu realisieren. Der weitere Machtausbau der Eurokraten lässt sich nur stoppen, wenn man ihnen ihre Basis nimmt. Und das liegt in der Verantwortung Deutschlands.
Goldrichtig, bis auf die Tatsache, daß das in der Verantwortung nicht »Deutschlands«, sondern der deutschen Politiker liegt! Und die sind durch die geschickten Vorgaben der alliierten Mächte informell so gesiebt, daß sie eben alles machen — nur eines nicht: die Interessen eines unabhängigen Deutschland wahren. Wer das Gegenteil behauptet, leidet entweder an Realitätsverlust oder lügt bewußt. Eine Änderung kann wohl nur durch die noch schnellere Implosion der US-Vorherrschaft, als sie ohnehin zu erwarten steht, eintreten. Ob sie dann freilich noch rechtzeitig kommt, wissen die Götter. Und vermutlich nicht mal diese genau ...

Die Stunde der Clowns

Die Italiener haben gewählt, und die verfassungsrechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sorgen dafür, daß sie damit das Chaos gewählt haben. Was ist das für ein Wahlrecht, in dem ein kunterbunt linkes Parteikonglomerat, das unter 30% der Stimmen geblieben ist, 55% der Parlamentskammer-Sitze zugesprochen bekommt? Dagegen ist das Wiener Landtagswahlrecht noch pipifein musterdemokratisch! Was ist das für eine Verfassung, die zwei Kammern installiert, die sich gegenseitig blockieren können, obwohl das völlig sinnlos ist, da beide Kammern »dank« EU nicht wirklich was zu sagen haben. Was ist das für ein politisches System, in dem ein Pausenclown, ein ebenso korrupter wie abgenützter Konzernherr, ein entsandter Satrap des US-Ostküsten-Establishments, und ein gesichtsloser kommunistischer Apparatschik zur Wahl stehen — und sonst niemand?

Wobei der Pausenclown noch die vergleichsweise beste Figur abgibt, denn manches von dem, was er fordert, braucht Italien weitaus dringender, als irgendwelche selbsternannte (will heißen: von mächtigen Abzocker-Klüngeln auf ihre Posten gehievten) »Technokraten«, die ihre Inkompetenz weltweit ständig unter Beweis stellen. Nur hilft auch die begrüßenswerteste anregung nichts, wenn das Personal, das sie umsetzen soll, aus einer Chaostruppe blutiger Anfänger besteht, die irgendwelche geeichte Korruptionisten und sitzungsprotokoll-routinierte Apparatschiks an den Ohren über den Tisch ziehen werden, daß ihnen Hören und Sehen vergehen wird. Wenn daher eine frischgebackene Parlamentarierin dieser Gruppe sagt:
»Beppe Grillo gibt uns Bürgern die Gelegenheit, ins Herz des Systems einzudringen. Wir müssen es in die Luft sprengen. Um etwas radikal Neues zu gründen.« (Quelle)
... dann wäre dies ja ein durchaus unterstützenswertes Ziel — nur mit solcher Belegschaft einfach unerreichbar! Eine reine Protestbewegung bleibt völlig unfruchtbar und wirkungslos, wenn es nicht gelingt, wenigstens einige bisherige »Systemerhalter« zu ködern und »umzudrehen«. Das ist etwa so, wie wenn in Deutschland die Piratenpartei regieren wollte — d.h. wollen könnte sie ja, aber können tun sie's nicht ...

Montag, 25. Februar 2013

Mehropa, wir kommen!

Ach, jetzt verstehe ich endlich, worum es geht! Um Mehropa! ... Warum hat uns das bloß keiner gesagt! Endlich was Neues, was Schöneres!*)
Diese Union wird getragen von der Idee, dass Regeln eingehalten und Rechtsbrüche geahndet werden, auch wenn das in der Praxis anders aussieht. Diese Union ist ein Geben und Nehmen, der Norden gibt, der Sünden nimmt. Sie folgt dem Prinzip der Gegenseitigkeit, der Gleichberechtigung und der Gleichverpflichtung - Luxemburg nimmt 3 Prozent Umsatzsteuer auf Ebooks und lebt sehr gut davon, dass Firmen sich dort ansiedeln, um von dort aus deutsche Leser zu bedienen, die hierzulande 7 Prozent zahlen müssten. Die Politik lebt dann gut davon, das anzuprangern.

Das ist die Idee von Mehropa, das wäre denn auch mein Vorschlag zur Neugründung des Kontinents: Lasst uns neu anfangen, lasst uns das alte Europa umbenennen in Mehropa, lasst uns mehr sein, mehr einheitlich, mehr Ropa. Mehropa fordert uns: mehr Mut bei allen! Europa braucht jetzt nicht Bedenkenträger, sondern Bannerträger, nicht Zauderer, sondern Zupacker, nicht Getriebene, sondern Gestalter.
Bislang hieß es in Deutschland: »Mehr Mutti!« — doch ab jetzt möge es: »Mehr Opa!« heißen. Danke, verehrte Redaktion von »Politplatschquatsch«! Ohne Ihre Interpretationshilfe hätte ich die Ansprache des Bundestrojaners nicht so schnell verstanden ...

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*) ganz im Sinne jener Passage aus Kurt Tucholskys Sprachführer »Deutsch für Amerikaner«: Werfen Sie das häßliche Kind weg, gnädige Frau; ich mache Ihnen ein neues, ein viel schöneres ...