Montag, 23. April 2012

Heute vor zehn Jahren

... ist einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der 1970/80er-Jahre nach langem Leiden verstorben: Manfred Bieler. Schon zur Zeit seines Todes irgendwie vergessen, jedenfalls vom literarischen Betrieb längst ausgegrenzt und abgeschrieben. Wer war nun dieser Autor?
Manfred Bieler (* 3. Juli 1934 in Zerbst; † 23. April 2002 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Hörspiel- und Fernsehspielautor.
... notiert Wikipedia in der Einleitung des Artikels lapidar. Die Stationen seiner Biographie dürfen als halbwegs bekannt vorausgesetzt werden: Germanistik-Studium in Ostberlin, ab 1955 erste Veröffentlichungen, bald von der Kulturbürokratie der DDR mißtrauisch beäugt und aus dem »Deutschen Schriftstellerverband« rausgeschmissen. Nach langen Reisen, die ihn durch Europa und bis nach Neufundland führten, 1965 Übersiedlung nach Prag, 1968 Mitglied des tschechischen Schriftstellerverbandes, nach dem abrupten Ende des »Prager Frühlings« durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen Übersiedlung in die Bundesrepublik, deren Staatsbürgerschaft er 1971 erhielt.

Eine Reihe erfolgreicher Bücher, ein paar Verfilmungen, ein paar Literaturpreise als Qualitätssiegel. Ich muß gestehen, daß Bielers sicherlich bekanntestes Werk, »Der Mädchenkrieg« (1975), meine Sicht auf ihn jahrzehntelang (eigentlich bis vor ein paar Monaten) gewissermaßen »verstellte«. Denn ich halte diesen Roman zwar für durchaus interessant, für gekonnt geschrieben, mit allen Ingredienzien, die so ein Buch für einen Auflagenerfolg benötigt — aber eben doch weit eher für einen »Bestseller« denn für ein wirklich gutes, den schriftstellerischen Fähigkeiten seines Autors adäquates Werk. Und dieses leichte Gefühl der Enttäuschung nach der Lektüre dieses Buches hinderte mich nachhaltig, mich mit dem Autor ein weiteres Mal zu beschäftigen. Bis ich vor einigen Monaten zufällig in der Wühlkiste eines Antiquariats auf Bielers danach geschriebenen Roman »Der Kanal« (1978) stieß — und mich gleich auf den ersten, halb neugierig durchblätterten Seiten durch die klare, unprätentiöse und doch so treffende Darstellung in einen fast magischen Bann zog. Ich las den Roman kurz danach, durch einen grippalen Infekt zu ein paar Tagen Bettruhe verurteilt, in einem Zug durch, und hatte danach ein völlig anderes Bild von Manfred Bieler gewonnen.

War es wirklich bloß der Umstand, daß dieser Roman, vage in den 60er- oder zum Ende vielleicht frühen 70er-Jahren angesiedelt, Erinnerungen an meine eigene Jugendzeit weckte? An ein lange vergessenes Lebensgefühl, an längst überholte Verhaltensweisen der damaligen Elterngeneration, bloße Nostalgie also? Sicher, auch das! Aber es war wohl mehr. Es war die naive Freude an einem puren Lesevergnügen, das einen überkommt, wenn ein Autor gekonnt und fintenreich die Stränge seiner Handlungen kunstvoll verwebt, manchmal scheinbar den Faden dabei verliert — und man doch intuitiv weiß, daß von ihm nichts verloren und vergessen wird, und man mit Spannung und doch auch gleichzeitig der Befriedigung, einen folgerichtigen Handlungsverlauf nachzuvollziehen, weiterliest, und sich beispielsweise ratlos fragt, wie wohl die ganz verzwickte Sache mit Herzog, dem verschwundenen Geschäftsführer der Protagonistin, weitergehen wird. Und nein: es ist kein Krimi, keine Spannungsmache, sondern schlicht und einfach das »Schreiben-können«, welches befriedigt.

Nicht anders, doch in gewissem Sinne tiefgründiger, ist in dieser Beziehung der Roman »Der Bär« (1983), der als das letzte große Werk Manfred Bielers veröffentlicht wurde, und in meinen Augen wohl auch sein »opus magnum« darstellt. Wie bewundernswert Bieler doch diese figurenreiche Darstellung, angesiedelt in seiner eigenen Geburtsstadt Zerbst in Anhalt, vom ersten Weltkrieg bis in die Zeit nach dem Prager Frühling vor uns ausbreitet. Welcher langer Atem des Erzählers gehört dazu, daraus weder ein blasses Geschichtsbuch werden zu lassen, noch eine der typischen Familienepopöen, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen, und die die idealen Drehbuchvorlagen für Mehrteiler in den »Öffentlich-Rechtlichen« sind (die damit den verordneten Bildungsauftrag mit der Hoffnung auf eine brauchbare Quote kombinieren wollen). Nicht, daß man das nicht auch mit dem »Bär« machen könnte — schließlich kann man auch Fontane verfilmen, ohne daß man diesem nachsagen könnte, er sei eben auch bloß ein Verfertiger drehbuchgeeigneter Romanvorlagen gewesen.

Warum, diese Frage ging mir durch den Kopf, wurde und wird Manfred Bieler von der literarischen »Szene« nicht seiner klar erkennbaren Qualität entsprechend wahrgenommen? Warum qualifiziert ein Nymphenburger »Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« (2. Auflage, München 1987, 69 f.) diesen damals doch anerkannten Autor und seinen »Kanal« mit grimmiger Häme als »Münchner Edel-Kolportage« ab? Warum wird in einem Lexikoneintrag genüßlich (»schrieb ... nicht ganz zu Unrecht«) ein Kritiker namens K.H. Kramberg zitiert, der über den Roman »Der Bär« folgendermaßen resümiert:
»Es gibt ein Pathos der Unredlichkeit, das sich in den Metaphern der Sprache selbst denunziert. Auch unter Fälschern gibt's Meister.«
Auch unter Kritikern, möchte man hinzusetzen, solche, deren Unredlichkeit sie selbst denunziert. Aber warum diese offensichtliche Abneigung, dieses angestrengte Bemühen, einen achtbaren Romanautor auf Kolportage-Niveau herunterzuschreiben? Denn wer einmal erfolgreich auf Simmel-Niveau deklassiert ist, der ist literarisch »töter als tot« ...

Nun, die dominante »Kulturszene« in Deutschland steht bereits seit den 1950er-Jahren (mehr oder weniger stramm) links. Da hat ein Abtrünniger aus dem Arbeiter-und-Bauern-Staat natürlich keinen Heimvorteil (den selbst unsägliche Propaganda-Schreiberlinge wie Hermann Kant bei ihren Genossen genossen!), mildernde Umstände gab's höchstens für die, die aus der DDR wegen Linksabweichlertum rausgeschmissen wurden — für die Wolf Biermanns & Consorten. Und wenn man weiß, mit welchem Geschick in der Bundesrepublik die meinungsbildenden Kreise in Medien und Kultur mit Stasi-Spitzeln durchsetzt und von Auslandskonten der SED alimentiert wurden (alles Dinge, deren transparente Aufarbeitung uns die Gauck-Behörde und ihre Nachfolgeorganisationen bis heute schuldig geblieben sind!), dann wundert man sich nicht mehr.

Man fragt sich allerdings, ob die von Kohl so enthusiastisch betriebene »Wiedervereinigung« nicht ein Pyrrhus-Sieg der Bundesrepublik war, die nach zwanzig Jahren bereits in einer Weise einer DDRisierung unterzogen wurde, die nicht bloß ihren sichtbaren Ausdruck in den Staatsspitzen findet, die längst Tummelplatz ehemaliger Stasi-Kollaborateure sind, sondern längst »in der Mitte der Gesellschaft« angekommen ist. Und hier kann ich mir schon vorstellen, daß Manfred Bielers treffsichere Charakterisierung der DDR-Verhältnisse all jenen, die aus Deutschland eine DDR 2.0 machen wollen, bei deren Implementierung mehr als lästig ist. Spontan fällt mir ein scherzendes — und nach der Faktenlage leider bitterernstes — Geplänkel auf »Politplatschquatsch ein, in dem ein Kommentarposter meinte: »Wozu haben wir eigentlich die DDR abgeschafft?« und postwendend die Replik erhielt: »Die DDR wurde abgeschafft? Warum sagt mir das keiner!?« — ja, ganz recht: warum sagt uns das keiner ...

Manfred Bieler hat deutlich — und dennoch nicht plakativ — mit den Mitteln der Literatur gesagt, was eine Gesellschaft à la DDR in uns anrichtet, und er kondensiert es auf den letzten Seiten seines »Bären« im Dialog der beiden Kindheitsfreunde, von denen der eine sich in den 50er-Jahren in den Westen abgesetzt hatte, weshalb dann der andere, der ihn zurückholen wollte, lange Jahre im Zuchthaus vegetiert, und den wegen mittlerweiliger Reiseerleichterungen der geflüchteter Freund nach dessen Freilassung in der DDR besuchen darf:
Wer von uns beiden ist eigentlich der Flüchtling, du oder ich? Du drückst dich um die simpelste Wahrheit, denn du willst dir nicht eingestehen, was du entbehrst [...]

Ich nehme das Wort Freiheit ungern in den Mund, weil es durch Lügen und Vetternwirtschaft bekleckert ist. Aber Freiheit läßt mich ohne Angst atmen, arbeiten, schlafen, liefert Spielraum für Witz, Originalität und Erfindungen
Blicken wir doch um uns: wieviel Freiheit haben wir noch — und wieviel Freiheit wurde uns in den letzten Jahren bereits genommen?

Wäre dies nicht der gegebene Anlaß, die Werke von Manfred Bieler unter solchen Auspizien wieder zu lesen? Und ist es nicht umgekehrt ein plausibler Grund für all die Profiteure im politisch-medialen Komplex unserer Länder, solch störend-verstörende Lektüre nach Möglichkeit durch weiteres Totschweigen zu verhindern ...?

1 Kommentar:

Morgenländer hat gesagt…

Man ist ja immer wieder erstaunt darüber, was man alles nicht kennt.

Bielers 'Mädchenkrieg', ja, in dem habe ich Ende der 70er mal geblättert, zum Lesen gereizt hat es mich damals nicht. Aber was sie jetzt über Bieler schreiben, macht neugierig, um so mehr, als schon Ihre letzte Empfehlung (Franz Tumler) mich einen bedeutenden Romancier hat entdecken lassen.