Dienstag, 20. Dezember 2011

Ist die Bundesbank am Ende?

... heißt sinngemäß übersetzt ein vor eingen Tagen publizierter, höchst informativer Artikel von Aaron Tornell und Frank Westermann. Wie so oft sagen Bilder mehr als tausend Worte — z.B. dieses hier, welches die Änderungen in der Zusammensetzung der Aktiva der Bundesbank seit Anfang 2006 zeigt:



Der für seine Leser nicht eben beruhigende Artikel endet mit einem noch weniger beruhigenden Absatz:
In Act Two of the unfolding Eurozone drama, the new measures might include the ECB printing more money, the EU announcing the issuance of Eurobonds, or the IMF extending credit lines to strapped governments. The motive of such a policy response is to prevent a speculative attack and induce a shift to the good equilibrium. These actions will buy some time for economic and fiscal reforms to take place. However, as previous experiences suggest, if reforms do not take place, these measures may be very costly to the taxpayer
Und jetzt sehen Sie sich unsere Politiker an: von Merkozy bis Faynachtsmann. Und dann versuchen Sie abzuschätzen, wie wahrscheinlich »economic and fiscal reforms« sind. Na, dann mal Gute Nacht ...

Kommentare:

Präpotenter Besserwisser hat gesagt…

Der Artikel von Tornell & Westermann ist bestenfalls mäßig informativ und (zurückhaltend formuliert) von zweifelhafter Qualität - eben ein typisches akademisches Papier zweier typischer Ökonomieprofessoren. Ich bezweifle, daß der durchschnittliche Blogleser irgendetwas Brauchbares daraus entnehmen kann.

Worum geht es? Um das sog. "Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System" - "TARGET". Das sind die Forderungen bzw. Verbindlichkeiten der nationalen Zentralbanken gegen das Eurosystem.

Deren Zustandekommen läßt sich am einfachsten an einem Beispiel erklären: Nehmen wir mal an, die griechischen Sparer (klein&groß) mißtrauen ihren griechischen Banken und transferieren ihre Guthaben auf deutsche Bankkonten. Weiters nehmen wir an, daß die deutschen Banken den griechischen Banken ebenfalls mißtrauen und denen keinen Kredit geben. Für den Geldtransfer von GR nach DE sind daher beide nationalen Notenbanken notwendig miteingebunden, die Kreditkette sieht vereinfacht so aus:

Griechischer Sparer - deutsche Bank - deutsche Bundesbank - griechische Zentralbank - griechische Kreditbank - (griechischer) Schuldner.

Ein anderes Beispiel wäre, wenn in obiger Kreditkette statt des griechischen Sparers ein deutscher Exporteur nach Griechenland Ware exportiert hätte.

Die deutsche Bundesbank hat also eine Forderung an das Eurosystem, konkret an die griechische Zentralbank, diese hat sinngemäß eine Verbindlichkeit. Würde die deutsche Bank der griechischen Kreditbank vertrauen, würden die 2 nationalen Zentralbanken aus der Kreditkette herausfallen.

Nun zu dem Bild, das mehr als tausend Worte sagt. Wenn die griechischen Sparer ihr Geld nach Deutschland bringen, ersaufen die deutschen Banken klarerweise im Geld - der Bedarf nach Refinanzierung bei der deutschen Bundesbank geht daher gegen Null. Die Bundesbank hingegen hat eine entsprechend gestiegene Forderung gegen das Eurosystem. Diesen völlig simplen Zusammenhang zeigt das Bild der tausend Worte.

Bemerkenswert ist vielleicht noch ein weiteres Bild aus dem Artikel von Tornell & Westermann (Figure 4): Man sieht, daß Geld von Frankreich & GIIPS nach Deutschland und Niederlande transferiert wurde.

Le Penseur hat gesagt…

@Präpotenter Besserwisser:

Ihre Kritik ändert aber nichts an der Tatsache, daß sich die Bundesbank in ernsten Troubles befindet, sollte es zu weiteren Schwierigkeiten im Euro-System kommen. Deutschland ist inzwischen quasi in Geiselhaft der Mit-EUROpäer (und wie lange und bzw. ob überhaupt die auch »EUROpayer« sein werden, steht in den Sternen) ...

Hier hat also eine (offenbar politisch motivierte, denn kein ökonomisch denkender Investor würde so agieren!) Risikoanhäufung stattgefunden — etwa vergleichbar dem Investor, der quasi all sein disponibles Vermögen in eine einzige Immobilie investiert. Wunderbar, solange daraus gute Mieteinnahmen fließen, der Wert des Grundstücks steigt und der Investor nie in Verlegenheit kommt, sein Grundstück verkaufen zu müssen. Jedoch die vorprogrammierte Todesspirale, wenn dem nicht so ist ...

Präpotenter Besserwisser hat gesagt…

@ LePenseur

Politisch motivierte Risikoanhäufung - völlig richtig! Letztlich geht es bei diesem ganzen Spiel darum, wer die im System bereits vorhandenen Verluste trägt bzw. den Tag der Verlustwahrheit hinauszuschieben bzw. zu versuchen, die Verluste über einen längeren Zeitraum aufzuteilen. Wenn die deutsche Bundesbank Verluste erleidet, zahlt dies der deutsche Steuerzahler.

Friedrich hat gesagt…

Und wer darf die Bundesbank auffangen wenn es denn so weit ist? Tip: Es sind nicht die Schweizer....

Präpotenter Besserwisser hat gesagt…

Noch ein Hinweis auf einen sehenswerten 2-Stunden-Vortrag "Ist der Euro noch zu retten?" von Hans-Werner Sinn:

http://mediathek.cesifo-group.de/player/macros/_v_f_750_de_512_288/_s_ifo/_x_s-764870657/ifo/index.html

Der Vortrag dreht sich um die TARGET-Salden im Eurosystem. Insgesamt recht gut vorgetragen, mit vielen Schaubildern. Von der Thematik her etwas anspruchsvoll und die Ausführungen bzw. Erklärungen von Hans-Werner Sinn machen es stellenweise auch nicht unbedingt leichter fürs rechte Verständnis. Eher was für Fortgeschrittene, weniger für Anfänger geeignet.