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Montag, 2. November 2026

Das eitle Verderben: Wie das Bürgertum seine eigenen Henker applaudiert – Teil 1

von Franz Lechner
 
Beim Blättern in Alja Rachmanowas Tagebuch „Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“ stieß ich soeben auf eine Szene im sibirischen Irkutsk des Jahres 1919, die einem beim Lesen wie ein eiskalter Schauer der Gegenwärtigkeit den Rücken hinunterläuft. Rachmanowa beschreibt dort jene wohlbehüteten, hübschen Studentinnen, die tief im sicheren Hinterland sitzen und voller Hochmut und Verachtung auf jene Flüchtlinge blicken, die vor dem realen Terror der Bolschewiki aus dem Westen geflohen sind. Diese jungen Frauen, bar jeder Lebenserfahrung, aber vollgepumpt mit dem süßen Gift der radikalen Salon-Ideologie, hielten sich für die Avantgarde des Fortschritts. Sie merkten in ihrer monumentalen Hirnlosigkeit nicht einmal, dass sie genau jene Kräfte herbeisehnten, die sie wenig später selbst verschlingen würden.
Diese historische Szene ist kein verstaubtes Relikt, sondern die exakte Blaupause für das bürgerliche Versagen unserer Tage. Gut, Studenten waren historisch schon immer anfällig für linke Utopien, aber die heutige, flächen-deckende Kapitulation des Bildungsbürgertums besitzt eine ganz neue Qualität an intellektueller Kastration. Dahinter steckt ein genialer, historischer Strategiewechsel. Als die Denker der Frankfurter Schule erkannten, dass die klassische Arbeiterklasse in Europa für die sozialistische Weltrevolution ausfiel – weil der gemeine Arbeiter schlicht zu bodenständig, zu pragmatisch und im Kern zu christlich geblieben war –, verlagerten sie das Ziel-gebiet. Das Bürgertum selbst wurde zur primären Zielklasse erkoren. Der Köder, der ausgeworfen wurde, hieß „Toleranz“, später auch „Haltung“ und, sowieso, „Weltoffenheit“.
Es erwies sich als soziologisches Gesetz, dass die Anfälligkeit für mediale Propaganda und ideologische Gehirnwäsche linear mit dem Grad der formalen Bildung steigt. Je akademischer der Titel, desto ausgeprägter die bürgerliche Eitelkeit und der neurotische Drang, um jeden Preis „schick“, modern und auf der vermeintlich richtigen Seite zu stehen. Denn das Bürgertum ist heute keine wehrhafte Gesinnung mehr, sondern eine reine Lebensform, die sich über Status, Konsum und vor allem über sozialen Gruppenzwang definiert.
Aus diesem sozialen Gruppenzwang erwächst ein monumentaler Selbstbetrug, der sich täglich in den Salons und Einfamilienhaus-Siedlungen abspielt. Man flüstert hinter vorgehaltener Hand, dass ein Herbert Kickl in Österreich oder eine AfD in Deutschland in fast allen Sachfragen – von der unkontrollierten Migration bis zum ökonomi-schen Selbstmord – vollkommen recht haben. Doch im selben Atemzug setzt der bürgerliche Abwehrmechanismus ein: „ICH KANN doch nicht FPÖ wählen, ich doch nicht!" Lieber opfert man das eigene Land und die Zukunft der eigenen Kinder auf dem Altar der sozialen Konformität, als das Risiko einzugehen, um nicht nur im Golfclub oder am Döblinger Stammtisch, sondern bloß vor sich selber als „rechts“ deklassiert zu werden.
(Fortsetzung folgt)