Der Geiger Barnabas von Geczy und sein Orchester sind für die Qualität der deutschen Unterhaltungsmusik der zwanziger und dreißiger Jahre ein Begriff von internationalem Klang. Neben Orchestern wie Marek Weber, Dajos Bela, Bernhard Ette, Juan Llossas und Will Glahe repräsentiert vor allem Barnabas von Geczy eine der glanzvollsten Epochen der deutschen Tanz-und Unterhaltungsmusik. Am 4. März 1897 in Budapest geboren, erlernte Barnabás von Géczy das Geigenspiel zunächst bei einem Zigeunerprimas, dann wurde er Meisterschüler des berühmten ungarischen Konzertviolinisten Jenö Hubay. Aus dieser unvergleichlichen Kombination von musikantischer Ursprünglichkeit und solidem technischen Können entwickelte sich dann die Besonderheit des Geigers Barnabás von Géczy, der von Zeitgenossen als „Paganini des Fünf-uhrtees" bezeichnet wurde.Der beste Nachweis seines großen solistischen Könnens ist die Tatsache, daß er nach seiner Ausbildung als Erster Geiger der Budapester Oper tätig war und dann Berufungen als Konzert-meister an das Philadelphia Orchestra und an die Stockholmer Königliche Oper erhielt. Doch seine künstlerische Entwicklung verlief ganz anders. Er entschied sich für die Unterhaltungsmusik und spielte zunächst als Kaffeehaus-Stehgeiger in Norwegen. Man wurde rasch auf ihn auf-merksam und holte ihn 1924 nach Berlin.
Dort gründete er ein Ensemble, dessen Repertoire vorwiegend aus kammermusikalischen und konzertanten Werken bestand. Als Hausorchester des berühmten Berliner Nobelhotels Esplanade machte sich Barnabás von Géczy mit seinem Ensemble sehr schnell einen Namen. Bald entwickelte sich aus dieser Kapelle ein großes Tanz- und Unterhaltungsorchester, dessen eigener, vor allem von den Streichinstrumenten beherrschter Stil besonders durch die solistische Bravour von Barnabás von Géczy und seines ausgezeichneten Pianisten Erich Kaschubek geprägt wurde.
In Nummern wie „Komm mit nach Madeira", „Schließ deine Augen und träume", „Roter Teufel" und „Gar. leise kommt die Nacht" kommt dieser eigene Orchesterklang überzeugend zur Geltung. In Richard Heubergers „Chambre Separee" und in der Toselli-Serenade ist der Dialog zwischen Sologeige und Klavier von besonderer kammermusikalischer Feinheit. Der Filmschauspieler und Sänger Willy Fritsch schreibt in seinen Memoiren, daß die Musik des Ungarn Barnabás von Géczy wirkt „wie eine Übersetzung des Primitiven ins Gesellschaftliche, des Urtümlichen ins Mondäne".
Die konzertante Tanz- und Unterhaltungsmusik entwickelte sich im 19. Jahrhundert und erreichte zwischen den beiden Weltkriegen in den großen Hotels und Konzertcafes ihren Höhepunkt. Durch die zu dieser Zeit aufkommenden neuen Massenmedien Schallplatte und Rundfunk fand diese Musikkultur rasch Verbreitung und ungeheure Popularität. Die Nostalgie-Welle der Gegenwart hat uns Namen wie Barnabás von Géczy wieder in Erinnerung gerufen,— und dabei stellen wir fest, dass es sich nicht um Verklärung der Vergangenheit handelt, sondern um echte Repräsentanz einer Musikkultur von effektvollem Orchesterglanz und elegantem virtuosen Können.
Die großen Orchester dieser Zeit haben nicht nur Hits gemacht und den musikalischen Geschmack des Publikums gebildet, sondern der allgemeinen Entwicklung der Unterhaltungsmusik ent-scheidende Impulse gegeben. In welchem Maße solche Leistungen von konkreten Zeitverhält-nissen und von der kulturellen Atmosphäre abhängig sind, zeigt sich daran, daß Barnabás von Géczy, der am 2. Juli 1971 in München starb, in den fünfziger Jahren seinen berühmten „Puszta-Fox" neu einzuspielen versuchte und dabei feststellen mußte, daß selbst ihm und seinem neugegründeten Orchester eine Wiederholung des damaligen musikalischen Stils nicht möglich war. So sind die Aufnahmen dieses Albums einmalige Tondokumente einer großen musikalischen Vergangenheit.
