Samstag, 10. März 2012

Über Eigentum

... und seine Begründung hätte ich wohl überall gesucht, nicht aber in den »Kleinoden der Natur« des von mir so geschätzten altösterreichischen (und, wenn man will: schweizerischen und brasilianischen) Reiseschriftstellers Richard Katz, eines Natur- und Kulturbeschreibers allerersten Ranges, dessen Bücher ebenso vollständig wie unverdient in Vergessenheit geraten sind. Und der im zitierten Buch (Eugen Rentsch Verlag, Zürich 1949) an fesselnde Beobachtungen eines Kolibris folgende Gedanken knüpfte (pp. 215 ff.):
Seit Proudhon gerufen hat: »La propriété. c'est le vol!« hat ihm noch kein Zoologe oder Biologe geantwortet, daß dieser berühmte Satz »Eigentum ist Diebstahl!« der die Welt in die beiden feindlichen Lager des Kapitalismus und Kommunismus spaltete, schon deshalb nicht den Tatsachen entspricht, weil fast alle Tiere Eigentumssinn aufweisen. Naturfremd, wie Proudhon war, hat er den Diebstahl, der eine Folge des Eigentums ist, diesem gleichgesetzt. Jeder Hund, der einen Knochen vergräbt, hätte ihn eines andern belehren sollen.

Naturfremd erweisen sich aber auch jene Klassiker des Kapitalismus, die das Privateigentum als Errungenschaft menschlicher Intelligenz preisen. [...] Das Eigentum ist älter als die kapitalistische Wirtschaftsordnung, ja es ist älter als der Mensch. Viel älter. Wenn der Paläontologie zu trauen ist, mehr als siebenhundertmal älter. Denn dieser Wissenschaft zufolge ist der Mensch vor einer halben Million Jahre im Diluvium erschienen, während die heutige Vogelordnung schon im Alttertiär aufgekommen ist, und das war vor hundert Millionen Jahren. Die ersten Säugetiere sind zweihundert, die ersten Haie dreihundertfünfzig Millionen Jahre alt! Und versuche einer, einem Hai sein Eigentum streitig zu machen oder auch nur in seinem Jagdbezirk zu baden! [...]

Nicht Eigentum nämlich widerspricht der Natur, sondern Kommunismus. Den gibt es nicht unter Tieren. Wer uns weismachen will, daß Bienenstöcke oder Ameisenhaufen »kommunistische Tierstaaten« seien, erweist damit die Oberflächlichkeit seiner Beobachtung. Sähe er genauer hin, er bemerkte bald, daß in solchen Tiergesellschaften eine kurzlebige und bis zur Geschlechtslosigkeit entrechtete Mehrheit einer privilegierten, langlebigen Herrscherklasse dient. Auch Privateigentum besteht unter ihnen, und eine Bienenkönigin kämpft auf Leben und Tod mit der Rivalin, die es ihr streitig macht. — Das ist einmal so. Man mag es bedauern, aber man sollte es nicht bestreiten.
Wie so oft, erweist der Rückbezug auf Fakten, daß die ideologischen Gedankengebäude, in die manche Menschen ihre Wahrnehmung pressen, ausgesprochen wahnhaften Charakter haben, daß also jener demütig-selbstkritische Denkansatz eines Ludwig von Mises, den er als »Praxeologie« bezeichnete, ebenso selten, wie notwendig zur Erlangung tauglicher Aussagen über die Realität ist.

6 Kommentare:

  1. Eigentum ist das rote Tuch für Politiker. Alles andere folgt daraus...

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  2. Eigentum sind temporär der staatlichen Verfügungsgewalt entzogene materielle Güter.

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  3. Dieses angeblich so berühmte Zitat ist in sich schon paradox. - Denn:
    Der darin als so schmählich bemühte Diebstahl auf der rechten Seite der "Gleichung" ist ja gerade Entwendung von Eigentum, dessen Existenz durch diese oberschlaue Sentenz ihrerseits als verwerflich tituliert weden soll. Also was denn nun, wenn Diebstahl, setzt er Eigentum voraus, wird Jennes negiert, gibt's ergo auch keinen Diebstahl. - Wozu der ganze Lärm um so einen zirkelschlüssigen Humbug ?

    Obo

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  4. Warum wandeln wir das Ganze nicht aus aktuellem Anlaß einfach um, etwa in: "Staatliches Eigentum bzw. Vermögen ist Diebstahl" ?

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  5. Das passt genau. Abgepresst durch Schutzgeldzahlungen mit dem euphemistischen Namen "Steuern".

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