von LePenseur
... starb zu Taunton, Somerset, der englische Schriftsteller Evelyn Waugh (geb. am 28.10.1903). Na klar, werden manche Leser denken: der konservative LePenseur mit seiner Sozenabneigung muß ja einen Evelyn Waugh mögen.! Und die obligaten Kirchen- & Christenhasser werden okkultistische Psychogramme darüber aufstellen, ob bei ihm wohl noch immer Nachwirkungen frühkindlicher Kontakte zur Katholischen Kirche wirkmächtig sind, denn der Waugh war schließlich ein Konvertit und die sind bekanntlich 150%ig Katholen und daher, wenn er seiner gedenkt ... ... ach, geschenkt!
So wenig, wie ich linksintellektuell ticke, bloß weil ich Habermas' posthume Abkanzelung durch Hadmut Danisch als pietätlos und anmaßend selbstgefällig empfand, so wenig, wie ich preußischer Komißknopf oder Militarist bin, nur weil ich bedeutenden Feldherren wie Guderian, Mackensen oder Manstein Gedenkartikel widmete, ebenso wenig bin ich in vatikanischen Banden, wenn ich die elegante Latinität von Enzykliken Papst Leos XIII preise oder einen Priester-Schriftsteller wie Kernstock gegen dessen vollkommen hirnlose Diffamierung als "Nazi-Dichter" in Schutz nehme — oder einen konvertierten und dann sehr katholisch gewordenen englischen Schriftsteller ob seiner Romane würdige. Bei "sehr katholisch" fällt mir übrigens die entzückende Anekdote ein, laut welcher Papst Pius XII anläßlich einer Privataudienz von einer reichen, amerikanischen Konvertitin so leidenschaftlich mit Appellen bearbeitet wurde, was doch nicht alles zu tun wichtig wäre und am besten von ihm selbst und sofort und überhaupt und ... ... bis der geplagte Pontifex sie schließlich unterbrach mit einem gequälten: "Sie müssen wissen, Madame: ich bin bereits katholisch!"
Doch nun endlich zu Evelyn Waugh. Die Personalien und eine insgesamt gute Darstellung seines Werks kann man bei Wikipedia nachlesen (
de bzw.
en), seine größten (und durchwegs auch verfilmten) Erfolge, also
Decline and Fall (1928, das erfolgreiche Erstlingswerk des Autors),
Scoop (1938),
Brideshead Revisited (1945) und die Triplogie
Sword of Honour (1952-61), ebenfalls in den verlinkten Einzelartikeln.
Allgemein gilt Waugh als einer der bedeutsamsten englischen Schriftsteller des mittleren 20. Jahrhunderts und so geniert es mich ein wenig einzugestehen, daß ich von ihm eigentlich nur Brideshead Revisited (und nicht einmal dieses zur Gänze) richtig gelesen habe — und dann auch noch bekennen muß: so wirklich "angesprochen" hat dieser Roman mich nicht! Ja, sicherlich: die teils düster-lastende, teils elegische und mit Ironie überhellte Grundstimmung ist perfekt getroffen, die Dialoge sind treffend charakterisiert und mischen gekonnt Stilebenen. Es ist, zweifellos, ein groß angelegter und künstlerisch wertvoller Roman, den Waugh in gewissem Sinne als Quintessenz seiner Weltsicht uns damit vorlegt. Wikipedia trifft schon den Punkt, wenn in der Zusammenfassung bemerkt wird:
In seinem Epilog fasst der Ich-Erzähler seinen Bericht als „grimme kleine Menschentragödie“ (the fierce little human tragedy)
zusammen. In der Tat ist diese „Wirkung der göttlichen Bestimmung in
einer heidnischen Welt“ eine ironische Wendung des Autors, denn
tatsächlich gemeint sind die negativen Folgen der (versuchten) Abwendung
vom Katholizismus: Bridey findet Erfüllung als Sammler von
Streichholzschachteln und ehelicht eine nicht mehr junge Witwe, die ihn
primär aus Gründen der finanziellen Absicherung heiratet; Julia ist einer erfüllten Ehe unfähig; Sebastian endet als Trinker und büßt als Pförtner eines marokkanischen Klosters; und der alte Marquess, Alexander,
findet nur deshalb zum Katholizismus zurück, weil er den Tod fürchtet.
Das Gegenbild dazu bietet allein die tief gläubige und zugleich
fröhliche und liebenswerte Cordelia, die das Positive des Glaubenslebens zum Ausdruck bringt.
Und genau das ist es dann auch, was den Roman trotz aller literarischer Meriten für meinen Geschmack in eine gewisse Nähe von "Tendenzliteratur" rückt. Wer sehr "katholisch" denkt und fühlt (v.a. letzteres), wird bspw. die Szene geistlich berühren, in der dem bereits halb in Agonie liegenden Marquess die Letzte Ölung erteilt wird (samt Erleichterung des Ich-Erzählers, daß jener sich diese nicht reflexartig abwischt). Mich erfüllte die Schilderung hingegen mit einem Gefühl von "Das alles ist doch irgendwie unecht und aufgesetzt dahererzählt", das mir dann fast die weitere Lektüre verleidete.
Und so wie mich der Agitprop der jungen Sowjetdichtung anwidert, die blut-raunende Volkstümelei der Nazi-Poeten nervt und auch Atlas Shrugged, das opus magnum der libertären Tendentliteratur zum Gähnen verleitet, so sehr finde ich die in einem Versuch von Selbstironie als
„Warnung des Autors“ (1945) [...], das Buch sei „nichts Geringeres als
der Versuch, das Wirken der göttlichen Bestimmung [oder Gnade] in einer
heidnischen Welt nachzuzeichnen, und zwar in den Lebensgeschichten einer
englischen Katholikenfamilie, die selbst halb paganisiert ist“
... als leider zutreffende, aber mich für das Werk nicht gerade begeisternde Beschreibung. Da lob' ich mir den guten alten Joseph Conrad, der sich seine ja auch nicht eben durchwegs erquicklich endende Weltsicht in den Romanen nie sichtbar "raushängen" ließ, sondern deren Erschließung der Imagination des Lesers überließ.
Aber vielleicht sind das auch einfach zu kritische Bemerkungen eines Bücherfressers, dessen überlasteter Magen mit mancher Lektüre einfach schon überfordert ist ... anyway! Lesen sollte man etwas von diesem Autor durchaus — und ich bin auch nicht so größenwahnsinnig zu glauben, daß mein Geschmack auch der aller anderes zu sein hätte! Zum Schluß noch eine hübsche Anekdote: der Autor war in erster Ehe (später, brav katholisch, annulliert ... aber lassen wir das, ich habe zu diesem kanonistischen Konstrukt meine eigene Meinung!) mit einer gewissen Evelyn Gardner verheiratet, sodaß die Freunde bei Besuchen etc. vor dem kuriosen Problem standen, daß beide Ehegatten denselben Vornamen trugen. Wie die beiden in der Anrede also auseinanderhalten? Als Lösung kam heraus: er wurde "He-Evelyn" und sie "She-Evelyn" genannt. Dennoch: die Ehe hielt nicht lange und wurde 1930 wieder geschieden ...
Eine kleine Bemerkung noch zu dem Wikipedia-Satz über den Tod des Schriftstellers, der offenbar dessen liturgischen Konservatismus besonders hervorheben sollte:
Waugh starb plötzlich im Alter von 62 Jahren am Ostersonntag des Jahres
1966, nachdem er kurz zuvor noch einer katholischen Messe nach altem
Ritus beigewohnt hatte.
Der Wiener ist versucht, hier ein launiges "No, na!" einzuwerfen. Was anderes hätte Waugh im Jahr 1966 schon besuchen können? Der Novus Ordo Missae wurde ja erst am 3. April 1969 mit der Apostolischen Konstitution
Missale romanum promulgiert ...
Danke für diesen Beitrag!!!
AntwortenLöschenIch schätze E.W. sehr und hab entsprechend viel von ihm gelesen. Wiedersehen mit Brideshead ist ungemein berührend, aber man muss es bis zum Schluss, bis zur letzten Seite lesen, bis dahin hat es mitunter langweilige Züge. Erst mit diesem Schluss erhält der bis dahin weitaus zu langatmige Roman seinen Sinn. Das Ergreifende ist nicht die vom cher Penseur leicht ironisch abgetane Letzte Ölung*, nun, sicher auch zum Teil, aber vor allem der eigentliche Schluss des daraus folgenden Verzichts. Dieser Schluss hat es in sich und rettet den Roman. Erst damit erfährt alles seinen Sinn. In der Auflistung fehlt mein eigentliches Lieblingswerk: Tod in Hollywood. Das wär unbedingt was für Sie, cher Penseur, Gefallen garantiert. Generell ist Wiedersehen mit Brideshead nicht einmal besonders typisch für den Autor. Seine meisten Romane triefen vor Ironie gegenüber der englischen High Snobiety. Ich glaub, Sie haben da mit dem falschen Roman angefangen. Wobei Wikipedia da sicher, was Wertschätzung des Katholizismus betrifft, der falsche Ratgeber ist. Sehen Sie es doch andersum: die letzte Ölung ist nicht wegen des sakramentalen Charakters so ergreifend, sondern einfach als Zeichen dafür, dass der Sterbende ZU GOTT gefunden hat, und damit wäre diese Botschaft sogar gewissermaßen überkonfessionell. Aber wie gesagt, in den anderen Romanen würden Sie sicherlich für sich selber viel mehr Ansprechendes finden, ich empfehle etwa Schwarzes Unheil, Auf der Schiefen Ebene (ich denke, das habe Sie erwähnt, die dt. Titel dürften sich im Laufe der Zeit geändert haben), Lust und Laster... Wunderbar auch: Zu einer Handvoll Staub. Die Kriegstrilogie kenn ich noch nicht, werd si e mir aber zulegen. Der Knüller (Scoop) find ich nicht so besonders, hier finde ich gewisse erzählerische Schwächen (die dem souveränen Schriftsteller mE sonst nirgendwo passiert sind). Also, cher penseur: Ran an Tod in Hollywood. In Ihrem gestrengen Tonfall: Lesen, verstanden?
Hach ja, der gute alte Otto Kernstock:
AntwortenLöschen"La esvástica en campo blanco sobre fondo rojo fuego ..."
Zu Ihren letzten Sätzen, cher penseur: Ich hab mich ein wenig schlaugemacht. Ganz so unsinnig ist diese letzte Wikipedia-Bemerkung wieder auch nicht. Waugh erlebte zwar nicht mehr die Einführung des Novus Ordo (der „neuen Messe“) durch Paul VI. im Jahr 1969, aber die Liturgiereform begann bereits während des Konzils (1962–1965). Bereits zwei Jahre vor Waughs Tod wurden die ersten drastischen Änderungen umgesetzt. In England wurde im November 1964 die Messe teilweise in der Volkssprache (Englisch) eingeführt. Waugh war am Boden zerstört. Er empfand das Englische in der Liturgie als banal und „plebejisch“. Zu seinen Lebzeiten wurde die Messe bereits „gestutzt“. Gebete am Stufenaltar fielen weg, und die Atmosphäre der Stille und des Mysteriums wurde zugunsten einer (wie Waugh es nannte) „gemeinschaftlichen Aktivität“ geopfert. Er schrieb verzweifelte Briefe an den Vatikan und an Zeitungen. Für ihn war die lateinische Messe das Symbol der Universalität (man war überall auf der Welt zu Hause) und der Zeitlosigkeit. Dass man sie nun „modernisierte“, empfand er als einen Kniefall vor genau dem Zeitgeist, den er so verachtete.
AntwortenLöschenWaugh starb am Ostersonntag 1966, kurz nachdem er eine der letzten traditionellen lateinischen Messen besucht hatte, die ihm ein befreundeter Priester privat ermöglichte.