von LePenseur
... wurde die
Wiener Reichsbrücke, damals noch unter dem Namen Kronprinz-Rudolph-Brücke, eingeweiht und dem Verkehr übergeben. Inzwischen gibt es bereits die dritte Brückenkonstruktion, nachdem die erste Reichsbrücke (1876-1937) ganz regulär durch die größere, als Hängebrücke durch zwei markante Pfeiler zu einem der "Wahrzeichen" Wiens gewordene zweite Reichsbrücke (1937-1976) ersetzt wurde, welche am Sonntag, 1.
August 1976, zwischen 4:53 Uhr und 4:55 Uhr auf beinahe voller Länge ins Wasser stürzte (leider habe ich am 1. August vergessen, dieses denkwürdigen Ereignisses zum 50. Jahrestag gebührend zu gedenken — aber das wird ja jetzt nachgeholt ...).
Familiengeschichte ... mein Vater war erst am Samstag zu Mittag, im Wochenend-Stau steckend, von einem Baustellenbesuch bei den Arbeitern seiner Firma über die Reichsbrücke "geschlichen" und berichtete uns beim Abendessen, daß die Brücke jeweils beim Anfahren der stockenden Autokolonne "wahnsinnig stark vibriert" habe. Am Sonntag war uns dann klar, warum ...
Im 400-seitigen Endbericht der Expertenkommission, die den "Fall der Wiener Reichsbrücke" untersuchte, wurde recht wortreich (und schwammig) ausgeführt, daß eine
Vielzahl an Faktoren zusammengewirkt habe und die technischen Mittel
1976 nicht ausgereicht hätten, um all diese Faktoren zu berücksichtigen. Na ja ... da mein Vater bei einer Bauleitersitzung seiner damaligen Großbaustelle zufällig am Rande ein Telefonat mitbekommen hatte, in dem einer der anwesenden Techniker mit einem befreundeten technischen Beamten der Stadt Wien über die routinemäßigen Sicherheitskontrollen der Reichsbrücke scherzte und sich über deren nur höchst oberflächliche "Begutachtung" amüsierte (der von ihm gehörte Gesprächsfetzen ging etwa so: "Also bei diesen Temperaturen ist es sicher kein Vergnügen, auf den Pfeilern und Ketten herumzuklettern ... ach so, ihr macht das nur von unten mit dem Feldstecher, na ja, das geht dann...") war er nach dem Brückeneinsturz durchaus anderer Meinung über die "Unvorhersehbarkeit" (mein Vater sprach eher von "bodenloser Schlamperei").
Daß eine Expertenkommission aus staatlich beamteten Hochschulprofessoren natürlich kein Ergebnis, das eine schuldbare Nachlässigkeit der für die Sicherheitsprüfung zuständigen Behörden statuiert hätte, vorlegen konnten, liegt auf das Hand.
Dennoch: es mußte damals im August 1976 ein Bauernopfer gesucht und gefunden werden. Und es wurde: in Person des damaligen Planungs-Stadtrates Hofmann. Dieser
... war am 31. Juli
auf Urlaub gefahren und es galt als wahrscheinlich, dass er nichts vom
Einsturz der Reichsbrücke wusste. Sein Aufenthaltsort war unbekannt.
Hofmann wurde mehrere Tage lang durch Presse und Rundfunk gesucht. Am 5. August gab es ein Lebenszeichen von ihm: Er hatte die vergangenen Tage auf einer Berghütte am Matterhorn verbracht und dabei keine Medien konsumiert. In Zermatt wurde sein Autokennzeichen
von einer Schweizerin erkannt, die die Suchaufrufe in einer Schweizer
Zeitung gelesen hatte. Hofmann wurde mit einem Flugzeug in Zürich abgeholt; er traf am 6. August
in Wien ein und erklärte sofort seinen Rücktritt, der von Bürgermeister
Gratz angenommen wurde. Durch den Abschlussbericht der
Expertenkommission galt Fritz Hofmann als rehabilitiert; er wurde 1981
erneut als amtsführender Stadtrat berufen.
Ich erinnere mich noch an die beißend satirischen Witze und Lieder, die dieses blamable Ende der zweiten Reichsbrücke begleiteten. Aber auch literarische Spuren hinterließ dieses Ereignis. Die Lyrikerin
Christine Busta widmete der Brücke ein Gedicht namens „Nachruf einer Brücke“, in welchem es u.a. heißt:
„Wehrlos hat sie gewartet,
vergeblich hinausgezögert, verhalten
ist eine menschenleere Stunde
die tödliche Niederkunft“
Seit 8. November 1980 gibt es sie (nach einer provisorischen "Reichsbrücken-Ersatzbrücke") wieder, die nunmehr "Dritte Wiener Reichsbrücke".
Habent sua fata, pontes ...
Man darf nicht vergessen,dass der notwendige Neubau den Bau der U1 nach Kagran wesentlich vereinfacht hat.
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