Dienstag, 30. September 2014

(K)ein Weichei zum Frühstück ...

... sei noch aus Anlaß des heutigen Geburtstagsgreises zum Amusement der Leserschaft dieses Blogs serviert:



Still erheiternd freilich, all die erahnbar Feinripp tragenden Weicheier (und all die Muttis, die sich selbstmurmelnd für die beste Köchin halten) dazu schunkeln zu sehen. Was zum süffisanten Entertainer noch eine Extraportion Vergnügen beiträgt ...

Über religionsinduzierte ekstatische Zustände

... berichtet »Die Presse«, und stimmt uns Europäer wohl schon darauf ein, daß wir uns demnächst auch hierzulande auf derlei Gebräuche einstellen werden müssen:
„Wir erwarten 1,3 Millionen Pilger aus dem Ausland und 185.000 saudische Besucher“, erklärt Hussein al-Sharif, Vizeminister im Hadsch-Ministerium in Dschidda. Seit drei Monaten ist der gelernte Rechtsprofessor im Amt. Die heilige Zeit vom 2. bis 6.Oktober 2014 ist die erste Hadsch unter seiner Regie, die zu den fünf Säulen der islamischen Frömmigkeit gehört. Das größte Besucherkontingent kommt – wie jedes Jahr – aus Südasien, von wo fast 500.000 Besucher anreisen. 250.000 haben sich aus den arabischen Ländern angemeldet, 190.000 aus Europa einschließlich der Türkei, einzig aus den Ebola-Staaten in Westafrika darf diesmal niemand nach Mekka
„Praktisch seit ich auf der Welt bin, habe ich Pilger aus Indien und Pakistan betreut“, sagt Hashed Hussein, der aus einer alteingesessenen Familie in Mekka stammt. Neun Jahre war er alt, als er seine erste eigene Pilgergruppe führte. „Für die meisten ist die Hadsch der Höhepunkt ihres Lebens. Und wir können helfen, dass dieses Erlebnis für die Menschen unvergesslich wird.“
Schmunzelnd erinnert er sich an seine ersten Pilgerkunden, die ihn als ortskundigen Knirps die ganze Zeit ehrfürchtig angestarrt und jede seiner Bewegungen haarklein nachgeahmt haben. „Am Eingang der Großen Moschee von Mekka zog ich damals meine Schuhe aus und warf sie einem Freund zu, der sie in seinem Beutel verstauen und mitnehmen sollte. Sofort prasselten 70 weitere Schuhpaare auf den überraschten Begleiter ein, weil die vor Ehrfurcht erstarrte Pilgergruppe damals dachte, der Schuhwurf gehöre zum Hadsch-Ritual.
Einem »Hadsch-Ministerium« entspräche in christlichen Staaten Europas so etwa ein »Jakobsweg-Ministerium«, welches freilich eine unmittelbare Assoziation mit dem berühmten »Ministry for Silly Walks« zu befürchten hätte:


Es liegt LePenseur durchaus fern, den mohammedanischen Glauben mit einem Monty-Python-Sketch vergleichen zu wollen (letztere sind nämlich unvergleichlich unterhaltsamer), aber daß mit Schuhen werfende rechtgeleitete Gläubige auch einen gewissen Unterhaltungswert besitzen, kann nicht in Abrede gestellt werden. Zumal ja das Werfen mit Steinen im Zuge einer solchen Mekkapilgerei nicht bloß irrtümlich, sondern rite et recte zu den Zeremonien gehört — »... der Ritus der symbolischen Steinigung des Teufels vollzogen, indem sieben (oder ein Vielfaches davon wie 49 oder 70) kleine Steine auf die Dschamarat al-Aqaba geworfen werden, welche den Teufel symbolisiert ...«, weiß Wikipedia zu berichten. Warum also nicht auch mit Schuhen ... ... Nun ja, es wäre vielleicht zweckmäßiger, den Teufel durch die Steinigung von IS-Mördern zu bekämpfen, statt das an Steinmauern oder (angeblich) ehebrechenden Frauen zu praktizieren — aber wie auch immer:
„Das Zentrum sollte die Kabaa bleiben“, plädiert der 53-Jährige und erzählt, wie ihn jedes Jahr aufs Neue wieder die Gesichter der Pilger bewegen, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit hunderttausenden Mitgläubigen aus aller Welt die Kabaa bestaunen und berühren. „Viele geraten für einen Moment in einen ekstatischen Zustand, trauen ihren Augen nicht und wirken überglücklich – Mekka ist dann der Schmelztiegel der Welt.“
... weiß »Die Presse« fromm zu berichten. Irgendwie fast beneidenswert anspruchslos, so ein Glaube, bei dem Menschen durch die Berührung eines Steines in einen ekstatischen Zustand geraten ...


Breakfast at Tiffany’s

...  war sein Welterfolg, den (zumindest dem Namen nach) noch heute ein jeder kennt. Truman Capote sollte sich freilich von dem Welterfolg der Erzählung nicht mehr erholen: als exzentrischer Schriftsteller konnte er sich leisten, Bücher zu schreiben, die kein anderer Autor hätte schreiben wollen oder können. Und zwischendurch zu kiffen, zu koksen, zu saufen und zu poppen (und sich poppen zu lassen), wie wenige andere in dieser wahrlich nicht zimperlich-zurückhaltenden Zeit der aufkommenden Hippie-Bewegung und der Studentenrevolten.

Seine Kurzbiographie beim »Perlentaucher« zeigt, daß Capote eigentlich wenig ausgelassen hat, was ein Leben nach dem Motto »Live Fast, Die Young« ausmacht — und dafür ist es fast ein Wunder, daß er »erst« knapp vor seinem Sechziger, am 25. August 1984, an einer Überdosis Tabletten starb. Versehen? Selbstmord? Who knows ..., who cares ...

LePenseur gesteht, daß ihm der heutige Jubilar nicht wirklich Sympathie entlocken kann. Allein die optische Entwicklung vom elegant-melancholischen, jungen Mann


zum sich blasiert inszenierenden Egomanen der späteren Jahre


(der von Drogen gezeichnete, alte Mann bleibe den Lesern erspart — wer darauf abfährt, Gesichter im Zustand der Devastierung anzuschauen, soll sich das gefälligst selbst ergooglen) weckt beklemmende Assoziationen zum »Bildnis des Dorian Gray«.

Und doch: welch ein kreatives Talent tritt uns noch im skandalösesten, indiskretesten Klatsch & Tratsch seines nachgelassenen Fragments »Answered Prayers«  entgegen! Man verzeihe das — wohl als altmodisch belächelte — Pathos des Ausrufs: »Was hätte so einer alles schaffen können mit ein wenig mehr innerer Haltung und Selbstdisziplin!«

So bleibt von ihm ein zwiespältiges Gefühl von Faszination und Ekel. Ein Stückwerk an literarischem Schaffen. Eine tragische Ikarus-Existenz, die im zu unbedenklichen Aufflug ihre Flügel verbrannte und zu Sturz kam.

Aber dennoch ...

Achtzig Jahr, graues Haar, so steht er vor uns ...

Wer hätte es gedacht, daß dieser jugendliche Greis heute achtzig wird? Mit einer Vitalität und Fitneß, um die ihn manch Mittfünfziger beneiden könnte:


Nun ist es ja so, daß LePenseur nicht unbedingt ein Fan des deutschsprachigen Schlagers genannt werden kann — sein Sinn steht eindeutig nach Klassik, wenn's sein muß etwas schrägem Jazz. Schlager kommen bei ihm höchstens mit wirklich witzigen und/oder tiefsinnigen Texten und nicht zu banaler Melodie unter »ferner liefen ...« irgendwie in Betracht. Prof. Udo Jürgens — wie bei erfolgreichen Österreichern üblich, darf's nicht nur ein Ordensbändchen, sondern auch ein Titel sein! — ist mit seinen Texten freilich meist nicht allzu witzig und auch nur selten mehr als pseudo-tiefsinnig. Aber das macht irgendwie trotzdem nichts: ein paar Welt-Hits hat er geschrieben, »ÆRE PERENNIUS« sozusagen, die wohl auch in fünzig oder hundert Jahren noch gelegentlich gespielt werden. Und die will LePenseur den geneigten Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten:





ALLES GUTE, HERR PROFESSOR!

Montag, 29. September 2014

Happy Birthday!


DAS CERN WIRD HEUTE SECHZIG!

Sonntag, 28. September 2014

Royal despair

... dürfte wohl die zutreffende Beschreibung dessen sein, was dero Katholische Majestäten, Don Philipp VI und Doña Letizia von Spanien, momentan empfinden dürften:

Familie von Spaniens Königin Letizia droht Haft


Familie von Spaniens Königin Letizia droht Haft
Königin Letizia / Bild: imago/alterphotos 

Der Vater, eine Großmutter und eine Tante der spanischen Königin müssen sich wegen des Verdachts auf Betrug vor Gericht verantworten.
 (APA)

Im spanischen Königshaus reißen die Gerichtsterminen nicht ab, erstmals sind nun aber auch Angehörige der Königin im Visier der Justiz. Der Vater, eine Großmutter und eine Tante der spanischen Königin Letizia (42) müssen sich wegen des Verdachts auf Betrug vor Gericht verantworten. Ein Gericht in Cangas de Onis in der Region Asturien habe einer Privatanklage wegen betrügerischer Vermögensverschiebung stattgegeben und am Freitag ein Verfahren gegen die drei eingeleitet, berichteten spanische Medien unter Berufung auf Justizkreise. (Hier weiterlesen)
Und der frisch ins Amt gekommene König wird sich in stillen Minuten fragen, warum er sich nicht eine Prinzessin aus gutem Haus geangelt hat, statt eine geschiedene, karrieregeile Journaillistin. Nun, es wird Gründe gegeben haben ...

Und weil wir gerade so nett über Spanien plaudern — kennen Sie übrigens den folgenden Limerick?

There was a young lady from Spain 
Whose face was exceedingly plain, 
But her minge had a pucker 
That made all men f*ck her, 
Again, and again, and again.  

Jetzt ist es auch schon wieder 150 Jahre her ...

... daß die Internationale Arbeiterassoziation (IAA) am 28. September 1864 in London gegründet wurde. Possierlich der lautmalerische Eselsruf ihres Akronyms, der irgendwie perfekt zu den bereits bei der Gründung der IAA aufflammenden Grabenkämpfen zwischen Marxisten und den Bakunin'schen Anarchisten paßt.

Samstag, 27. September 2014

»The Alleged Self-Evidence of Equality«

... betitelt sich ein kluger Essay aus der Feder von Murray N. Rothbard, der auf »LewRockwell.com« zu lesen ist:
The current veneration of equality is, indeed, a very recent notion in the history of human thought. Among philosophers or prominent thinkers the idea scarcely existed before the mid-eighteenth century; if mentioned, it was only as the object of horror or ridicule. The profoundly anti-human and violently coercive nature of egalitarianism was made clear in the influential classical myth of Procrustes, who “forced passing travellers to lie down on a bed, and if they were too long for the bed he lopped off those parts of their bodies which protruded, while racking out the legs of the ones who were too short. This was why he was given the name of Procrustes [The Racker].”
Entlarvend lesenswert die süffisanten Sätze:
When we confront the egalitarian movement, we begin to find the first practical, if not logical, contradiction within the program itself: that its outstanding advocates are not in any sense in the ranks of the poor and oppressed, but are Harvard, Yale, and Oxford professors, as well as other leaders of the privileged social and power elite. What kind of “egalitarianism” is this? If this phenomenon is supposed to embody a massive assumption of liberal guilt, then it is curious that we see very few of this breast-beating elite actually divesting themselves of their worldly goods, prestige, and status, and go live humbly and anonymously among the poor and destitute. Quite the contrary, they seem not to stumble a step on their climb to wealth, fame, and power. Instead, they invariably bask in the congratulations of themselves and their like-minded colleagues of the high-minded morality in which they have all cloaked themselves.
Perhaps the answer to this puzzle lies in our old friend Procrustes. Since no two people are uniform or “equal” in any sense in nature, or in the outcomes of a voluntary society, to bring about and maintain such equality necessarily requires the permanent imposition of a power elite armed with devastating coercive power. For an egalitarian program clearly requires a powerful ruling elite to wield the formidable weapons of coercion and even terror required to operate the Procrustean rack: to try to force everyone into an egalitarian mold.

Heute vor fünfzig Jahren

... (also am 27. September 1964) veröffentlichte die Kommission des Präsidenten über die Ermordung von Präsident Kennedy (kurz Warren-Kommission genannt) ihren Bericht. Ganz großes Kino! Wie man sieht, konnten Kommissionen schon vor 9/11, dem Irakkrieg oder dem Abschuß von MH17 kreativ mit Beweismaterial umgehen, um ein Ergebnis zu produzieren, das »ins Bild paßt«.



LePenseur möchte für jede in unseren Lexika stehende Geschichtsfälschung einen Euro haben (den er natürlich ehestens in was werthaltiges, z.B. Gold, umtauschen würde!) — er spielte diesfalls wohl in der Liga der reichsten Männer unseres Planeten mit ... Putzig auch irgendwie der Satz im Wikipedia-Artikel:
Heute herrscht die Ansicht vor, dass die Kommission keine unvoreingenommene und ergebnisoffene Untersuchung des Falles leistete. Die Möglichkeit, dass es auch andere Täter gegeben habe oder Oswald unschuldig sein könnte, zog die Kommission nicht in Betracht.
Ja, das könnte man so ausdrücken. So wie heute auch die Ansicht vorherrscht, daß Hitler vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gewußt haben dürfte. Und Stalin etwas von der Existenz des Gulag ahnte. All das sollte man natürlich irgendwie in Betracht ziehen ...

Freitag, 26. September 2014

Und tschüs ...!

»DiePresse« schreibt — von APA/dpa ab, aber das samma ja schon gewohnt! — voller Betroffenheit:

US-Justizminister Holder tritt zurück


Eric Holder tritt zurück.
Eric Holder tritt zurück. / Bild: (c) REUTERS 
Holder war nach Obama der höchstrangige afroamerikanische Politiker der USA. Sein Rückzug hat sich länger abgezeichnet.
US-Justizminister Eric Holder tritt zurück. Präsident Barack Obama werde den Rücktritt am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) verkünden, sagte ein hochrangiger US-Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur dpa. Einen Nachfolger werde Obama aber noch nicht nennen. Holder habe Obama seine Entscheidung erst vor wenigen Tagen mitgeteilt, hieß es aus dem Weißen Haus.
Wer den Justizminister nicht als Chefideologen einer egalitaristisch-korporatistischen Agenda, sondern als Diener der Rechtsstaatlichkeit ansieht, der wird Holder keine Träne nachweinen. Sondern — mit Angst über den möglichen Nachfolger gemischte — Erleichterung verspüren. Warum bloß? Nun, bspw. deshalb:
Bank Of America, Wikileaks And Eric Holder - What The U.S. Attorney General Doesn't Want You To Know
By Dr. Pitchfork 
It is hard to imagine a more convoluted clusterf*** of corruption. Consider it the latest chapter in the story of upside-down, post-bailout, Bizarro-World America. The US attorney general, Eric Holder, has been going hammer and tongs at the U.S. Constitution and Bill of Rights in order to silence a news organization, Wikileaks, which is about to publish bombshell evidence of corruption -- and possible criminal activity -- at one of America’s largest banks. Meanwhile, Bank of America, the likely target of Wikileaks’ next big story, refuses to process payments for Wikileaks, presses on with its dirty foreclosure and and debt collection practices, and continues to lie about the value of assets on its books. At the same time, Holder has gone almost two years without mustering the courage to investigate or indict a single executive at even one of America’s largest banks. And although Wikileaks promises to lay in his lap several gigabytes of evidence that might lead to such an indictment, Holder has instead initiated “an active, ongoing criminal investigation” of Wikileaks!
(Hier weiterlesen)
Nun denn ... so haben wir uns einen Justizminister ja immer vorgestellt. Kreisky hatte seinen Broda (und dessen staatsanwaltlichen Hampelmänner — d.h.: die haben wir wegen ihrer Unkündbarkeit teilweise bis heute!). Und das Leuchtfeuer der Demokratie hat eben noch ganz andere »convoluted clusterf*** of corruption«. Honours where honours due ...

Ein bekannter Satz

... aus der Feder von Karl Kraus lautet: »Mir fällt zu Hitler nichts ein.«

Sehen S', und genau so geht es mir bei Martin Heidegger, der heute vor 125 Jahren das Licht der Welt erblickte: zu ihm fällt mir nichts ein. Nun, das ist irgendwie ungerecht, doch nicht zu ändern ...

Auch Kraus fiel zu Hitler dann doch das eine oder andere ein. Und mit Heidegger und mir wird's nicht anderes stehen, fürchte ich. Ich erinnere mich an einen langen Urlaubsaufenthalt in den 80er-Jahren auf den britischen Inseln: ich logierte damals als Gast bei einem Philosophieprofessor, und las mich bei mehr als mäßigem Wetter verzweifelt durch seine Bibliothek, soweit ich nicht damit beschäftigt war, einer netten, jungen Dame den Hof zu machen — leider nur für diesen Sommer erfolgreich ... aber wer weiß, ob's so nicht besser war ... Das heißt: meine Frau weiß es natürlich ... Nämlich, daß es so besser war (sagt sie). Damals kannte sie mich noch nicht ...

Und da stand halt auch »Sein und Zeit« — muß man ja schon irgendwie gelesen haben! Also — die junge Dame war gerade ein paar Tage verreist, und das Wetter war besonders schlecht, dafür in der Bibliothek ein gemütlicher Kamin — beißen wir uns da durch ...

Ich habe Kants »Kritik der reinen Vernunft« im Originaltext gelesen (und das ist schon circa eine Mischung aus Veronal und chinesischer Wasserfolter) — aber selbst die war gegen einen Heidegger quasi ein süffig zu konsumierender Kriminalroman! »Sein und Zeit« las ich also, und las ich .... und blätterte zurück, und wieder vor ... und las, und schüttelte den Kopf, weil ich null Ahnung hatte, was diese neue, gestelzte Definition von verqueren Banalitäten jetzt wieder solle, aber warten wir ab, vielleicht klärt sich's noch ... ... bis ich zur Seite 87 kam. Denn dortselbst stand:
Das im folgenden noch eingehender zu analysierende Verstehen (vgl. § 31) hält die angezeigten Bezüge in einer vorgängigen Erschlossenheit. Im vertrauten Sich-darin-halten hält es sich diese vor als das, worin sich sein Verweisen bewegt. Das Verstehen läßt sich in und von diesen Bezügen selbst verweisen. Den Bezugscharakter dieser Bezüge des Verweisens fassen wir als bedeuten. In der Vertrautheit mit diesen Bezügen »bedeutet« das Dasein ihm selbst, es gibt sich ursprünglich sein Sein und Sein-können zu verstehen hinsichtlich seines In-der-Welt-seins. Das Worumwillen bedeutet ein Um-zu, dieses ein Dazu, dieses ein Wobei des Bewendenlassens, dieses ein Womit der Bewandtnis. Diese Bezüge sind unter sich selbst als ursprüngliche Ganzheit verklammert, sie sind, was sie sind, als dieses Be-deuten, darin das Dasein ihm selbst vorgängig sein In-der-Welt-sein zu verstehen gibt. Das Bezugsganze dieses Bedeutens nennen wir die Bedeutsamkeit. Sie ist das, was die Struktur der Welt, dessen, worin Dasein als solches je schon ist, ausmacht. Das Dasein ist in seiner Vertrautheit mit der Bedeutsamkeit die ontische Bedingung der Möglichkeit der Entdeckbarkeit von Seiendem, das in der Seinsart der Bewandtnis (Zuhandenheit) in einer Welt begegnet und sich so in seinem An-sich bekunden kann.
An dieser Stelle schloß ich das Buch, und öffnete es diesen Sommer nicht wieder. Ich schenkte mir einen irischen Whiskey (Bushmill's Single Malt, wenn ich mich recht erinnere) ein, entzündete eine gute Havanna — der abwesende Hausherr rauchte auch Pfeife, also hatte ich da keine Bedenken, und damals war man ja ohnehin nicht so pingelig —, betrachtete das Ölportrait seines Großvaters über dem Kamin (als schneidiger junger Kavallerie-Leutnant), und dachte bei mir: »Das Worumwillen bedeutet ein Um-zu, dieses ein Dazu, dieses ein Wobei des Bewendenlassens, dieses ein Womit der Bewandtnis ... ... ach was, Heidegger, altes Haus: leck mich doch ...!«

Und ich nippte am Glas und dachte an meine junge Freundin, und daran, was wir machen könnten (und bei Schlechtwetter wohl sicher auch würden ...), wenn sie wieder zurück wäre, und hörte am Bilbiotheksfenster leichtes Mauzen — der Kater des Hausherrn hatte vom Regen genug, und wollte rein — und ich fühlte mich nüchtern-trunken wie in einem flow-Zustand einer Zuhandenheit, die sich in einem An-sich bekundete ...

Vielleicht versäumte ich auf diese — doch recht verkürzte — Art und Weise der Heidegger-Rezeption existentialistische Einsichten, die mir mein Leben lang fehlen werden. Seit damals freilich sind fast dreißig Jahre vergangen, ohne daß sich deren Fehlen für mich erkennbar manifestiert hätte.

Sonst fällt mir zu Heidegger nichts ein. Und, um Karl Kraus zu zitieren: »Ich bin mir bewußt, daß ich mit diesem Resultat längeren Nachdenkens und vielfacher Versuche, das Ereignis und die bewegende Kraft zu erfassen, beträchtlich hinter den Erwartungen zurückbleibe.«

Das muß ich halt riskieren.

Donnerstag, 25. September 2014

Ein heute Verfemter

... starb vor siebzig Jahren, also am 25. September 1944, in Straßburg durch einen alliierten Bombenangriff, zusammen mit seiner dritten Frau, die er knapp vier Wochen davor geheiratet hatte: der Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffner.

Gerade weil sich die Schweizer Politik und Wirtschaft in vielerlei Hinsicht mit den Nazis nur zu gut arrangiert hatte, wurden nach 1945 Personen wie Schaffner, die sich zum Nationalsozialismus bekannt hatten, in geradezu perfider Weise verfemt. Wenn Litaraturhistoriker Walter Muschg 1959 arrogant befindet: »Jakob Schaffners Geschichte ist die Geschichte eines Scheiterns, dem das Wort «tragisch» nicht zuzubilligen ist« — dann fragt sich: wie bezeichnet man die Geschichte eines menschlichen Scheiterns und eines Bombentodes denn dann? Mit: »Ätsch! Recht g'schieht ihm! Verrecken soll die Sau!« — oder wie darf man das verstehen? Über der Inhumanität des Nazismus sollte auf die vielfach ebenso vorhandene Inhumanität des Anti-Nazismus nicht vergessen werden.

Wie denn anders als »tragisch« kann, ja: muß man das Scheitern, das Abirren eines Menschen in eine Ideologie benennen? So, wie es tragisch war, wenn ein Johannes R. Becher von einem engagierten, expresssionistischen Lyriker zum stalinistischen Kulturfunktionär und DDR-Nomenklaturisten mutierte. Wenn ein Schostakowitsch Symphonien umschreiben mußte, und vom ZK vorgefertigte Statements auf internationalen Kulturkongressen mit stockender Stimme aufsagen. Aber, seltsam: hier wird von Kritik und Forschung die Tragik sofort feinnervig wahrgenommen und berücksichtigt ...

Es ist jener moralisierende Mehltau, der sich über das Kulturschaffen des gesamten 20. Jahrhunderts legt, seitdem — insbesondere von den durch die Gnade der späten Geburt privilegierten Angehörigen der 68er-Generation — der Wert einer künstlerischen Leistung nicht mehr nach der Leistung, sondern danach bemessen wird, ob der Künstler auch die rechte — und das heißt in den Augen unserer linken Kulturschickeria immer: die linke! — Gesinnung vorzuweisen hat.

Schaffner war — und das wird heute bereitwillig vergessen — nach dem Tode des Nobelpreisträgers Spitteler, eine der literarischen Stimmen der Schweiz. Nach schwerer Kindheit (er war früh Waise geworden und in Anstalten aufgezogen worden) und ärmlichen Jugendjahren galt er in den 1920er-Jahren als führender Erzähler seines Landes. Bis er 1933 von den Nazis zum Mitglied der Akademie ernannt wurde.
Walter Muschg formulierte die These, dass das Dritte Reich zu einem «Prüfstein für die Dichter geworden sei, der zwangsläufig alle innere Schwäche und Stärke des Einzelnen» offenlegte (an L. Hohenstein; 30.12.1956). In seinem Werk «Die Zerstörung der deutschen Literatur» (1956) streifte Walter Muschg Schaffner nur mit einem Wort: «Amerika hat seinen Ezra Pound, dem der Hochverratsprozess nur dadurch erspart blieb, dass er sich im Irrenhaus internieren liess, (...) die Schweiz ihren Jakob Schaffner.» 
... schreibt Peter Kamber am 23. Jänner 1999 im Magazin der Basler Zeitung. Ja, da ist Muschg schon beizupflichten — nur sollte er die Kriterien der Schwäche und Stärke ein bisserl objektiver gewichten. Welcher »Stärke« bedurfte ein wohlhabender und international berühmter Schriftsteller wie bspw. Thomas Mann, um 1933 »mannhaft« in die USA zu emigrieren und dort ein ebenso sicheres wie angenehmes Leben zu führen (wie sicher und angenehm, das erhellt sich z.B. daraus, daß für ihn die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki keinen hinreichenden Grund zu Tagebucheintragungen boten — statt dessen reflektiert er über banale persönliche Belanglosigkeiten, man kann's nachlesen. Irgendwie kommt einem der berühmte Tagebucheintrag »Rien!« Ludwigs XVI am 14. Juli 1789 in den Sinn ...). Seltsam auch, daß solch charakterologische Wasserproben nur zwischen Rhein und Memel stattgefunden hätten — als wären sie an Moskwa, Potomac, Seine, Themse, Tiber oder Yangtze nicht ebenso denkbar gewesen ...

Jakob Schaffner ist verfemt — das erkennt man schon daran, daß sich zu seinem Wikipedia-Artikel nicht einmal eine Diskussionsseite gesellen konnte. Er war, wie in der Einleitung seines Artikels formuliert wird, »ein Schweizer Schriftsteller, der die nationalsozialistische Ideologie unterstützte.« Das reicht. Ob die Romane, die er davor schrieb (und für die er hochkarätige Literaturpreise erhielt), etwas taugten — wenn kümmert's. Nazi reicht.

Mittwoch, 24. September 2014

Backaroma hat der ungarischen Regierung von Viktor Orban vorgeworfen, zivilgesellschaftliche Organisationen unter Druck zu setzen und einzuschüchtern.

Die politische Führung des Landes reagierte darauf emört.  Obamas Anmerkungen "entbehren jeglicher Faktengrundlage", hieß es am Mittwoch in einer Aussendung des ungarischen Außenministeriums unter der Leitung des neuen Außenministers Peter Szijjarto.
Das ungarische Volk sei ein freiheitsliebendes Volk, deshalb würde es "keinerlei Einschränkung der Freiheit hinnehmen". [...]
Um ein weiteres Mal zu unterstreichen, dass US-Präsidenten nicht immer über alle Dinge der Welt Bescheid wüssten, verwies Kosa darauf, dass der US-Präsident (George H. W. Bush) gegen den Irak Krieg führte - in der Meinung, dass das Land über Massenvernichtungswaffen verfüge. Dies sei zwar nicht Obama gewesen, gab Kosa zu, würde jedoch zeigen, dass der US-Präsident nicht über alles Bescheid wisse. So sei vorstellbar, dass Obama auch bei Ungarns Zivilgesellschaft dies nicht in vollem Maße sei, betonte Kosa.
... schreibt »Die Presse« von APA ab. Jetzt stellt sich nur eine Frage, die sich ein Kommentarposter promt stellte:

Bin schon gespannt

ob die US-Sektionschefin im Außenministerium auch 5 Milliarden Dollar für eine "Demokratieoffensive" in Ungarn locker machen wird.
In diesem Falle häten wir Ösis eine Ukraine in pannonischem Kleinformat vor der Haustüre — und das wäre dann trotz unseres klugen Verteidigungsministers mit Macho-Glatze beim desaströsen Zustand unseres Bundesheeres keine ganz so prickelnde Sache. Und allein der Gedanke an den massenhaften Zustrom an zivilgesellschaftlichen Zigeunern, der diesfalls zu erwarten steht, dürfte den Geschäftsleuten unserer Einkaufsstraßen den kalten Schweiß auf die Stirne treiben ...

Heute vor 225 Jahren

... gab der Apotheker und Professor der Chemie an der Berliner Artillerieschule Martin Heinrich Klaproth vor der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften die Entdeckung eines neuen Elementes bekannt, welches er Uranit nannte, wohl inspiriert vom einige Jahre zuvor entdeckten Planeten Uranus. Einige Jahre später wurde das Element in Uranium umbenannt — unser heutiges »Uran«.

Wobei es sich jedoch bei Klaproths Entdeckung in Wahrheit nicht um das gediegene Uranerz handelte, sondern um ein Uranoxid. Das reine Uranerz freilich wurde erst 1841 gewonnen. In jenen Zeiten diente es v.a. als — Färbemittel für Glas: das Uran verlieh dem Glas einen attraktiven lindgrünen Farbton (»Annagrün«). Ob die Benutzung eines solchen »Uranglases« gesundheitsgefährdend ist oder nicht, bleibt umstritten. Heute freilich dient Uran ganz anderen Zwecken, und daß diese gesundheitsgefährdend sein können, steht außer Zweifel.

Ach ja ... und nocheinmal fünfzig Jahre früher, also am 24. September 1739, wurde der nachmalige russische Staatsmann, Reichsfürst und Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin, auf deutsch bekannter als Gregor Alexandrowitsch Fürst Potemkin, geboren: Das war der mit den angeblichen Potemkin'schen Dörfern. Die es in Wahrheit aber gar nicht gegeben haben dürfte — oder vielmehr: nicht als bloß Potemkin'sche Dörfer, sondern eben als wirkliche. Wikipedia informiert uns:
Manche Historiker sind der Meinung, es handele sich um eine Moderne Sage, laut der der Günstling (und Geliebte) der russischen Zarin Katharina II. 1787 vor dem Besuch seiner Herrscherin im neu eroberten Neurussland entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen zum Schein errichten ließ, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen. Diese Legende wurde von Gegnern Potjomkins am Hofe lanciert, die ihm seine gute Beziehung zu Katharina der Großen neideten. Ihr Urheber war der Diplomat Georg von Helbig, der sie zunächst in seinen Depeschen in Umlauf setzte und nach Potjomkins Tod in seiner Biographie „Potemkin der Taurier“ (1809) verewigte. Helbig hatte selbst an der Inspektionsreise nicht teilgenommen. Andere Historiker sind der Meinung, dass die Dörfer und viele andere schnell errichteten Bauten echt gewesen sein.
Nun, daß die Geschichte — und ganz besonders die Neurußlands — voll von Fälschungen zu Propagandazwecken ist, das bekamen wir ja in den letzten Wochen genugsam vorgeführt ...

Dienstag, 23. September 2014

»He gazed up at the enormous face ...« — genial

Warum nicht ein bißchen länger ...

Ein Jahr vor seinem Tod klang Paul Kuhn so:


... und jetzt ist sein Tod auch schon wieder ein Jahr her.

Früher einmal, vor knapp 30 Jahren, hat er freilich etwas anders musiziert. Ohne diese schreckliche orangen Brillen, dafür mit Smoking und Fliege:


 Ach, die Zeit geht dahin — oder, wie der Weltbürger seufzt: »As time goes by ...« ... ach ja, das hat er auch gespielt, hier beispielsweise in einer — ton- und stimmtechnisch nicht gerade perfekten, und doch so berührenden — Live-Aufnahme aus dem Jahr 2010:


As time goes by ...

Montag, 22. September 2014

Allons enfants!

Frankreich: Wütende Bauern setzen Finanzamt in Brand

Gemüse-Bauern verwüsteten in der Bretagne ein Finanzamt und eine Sozialversicherung. Sie kippten unverkauftes Gemüse vor die Gebäude und setzen es mithilfe von Reifen in Brand. Die Landwirte protestierten gegen zu viel Bürokratie.

Bei einer Protestaktion in Frankreich haben Gemüsebauer ein Finanzamt und ein Gebäude der Sozialversicherung verwüstet und angezündet. Der Aufstand richtete sich gegen den steigenden Verwaltungsaufwand.
Mit etwa hundert Traktoren und entsprechenden Anhängern fuhren die Bauern am Freitagabend vor das Gebäude der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung (MSA) in der Stadt Morlaix (Bretagne). Dort kippten sie unverkaufte Kartoffeln und Artischocken vor das MSA-Gebäude und setzten es mit Paletten und Reifen in Brand.
Danach zogen die Bauern weiter zum Finanzamt und legten dort ebenfalls mithilfe von Gemüse ein Feuer. Zudem wurde das Finanzamt verwüstet, die Fenster und Türen herausgerissen und das Gebäude anschließend angezündet.
(Hier weiterlesen)
Tja, da ist LePenseur ganz betroffen und ein Stück weit traurig. Daß es so weit kommen mußte. Aber offensichtlich kapieren und Politruks und Bürokraten erst, wenn der Hut ihrer Steuerschergen brennt, daß im volk die Kacke längst am Dampfen ist (ein gewagtes Bild? Mag sein ... aber man versteht, was damit gemeint ist).

Eines ist freilich aufklärungsbedürftig: Frankreich erhält Jahr für Jahr acht (!) Milliarden Euro Agrarsubventionen. Dieses Jahr versickerten unter F. Hollande davon in dunklen Kanälen schlappe 1,5 Milliarden Euro, die die EU zurückverlangte. Hollandes Regierung weiß angeblich nicht, wohin die 1,5 Milliarden Euro verschwunden sind (deswegen spricht man ja auch von dunklen Kanälen, weil man da nix sieht!). Zurückzahlen wollen/können die Franzmänner auch nix. 

Warum facken dann französische Bauern, wo sie doch jährlich acht Milliarden Euro an Subventionen für ihre Landwirtschaft jährlich aus dem EU-Topf (in den Deutschland am meisten einzahlt) erhalten, ein Finanzamt ab? Könnte es sein, daß auch hier die Korruption dafür gesorgt hat, daß sich einige wenige an den Subventionen »g'sundstössen« (wie der Wiener sagt), und die meisten einfach leer ausgehen?

»Achse des Bösen«

... nannte »FOCUS«-Kommentator Uli Dönch die Brüsseler Verbrecherbande unter ihrem Bandenchef Jean-Claude Juncker. Wie lange das noch ohne Gefängnisstrafe und Berufsverbot möglich ist, weiß man nicht. Die PAZ denkt jedenfalls darüber nach. Und kommt zu unerquicklichen Schlußfolgerungen. LESEN!

Versenkungen

... verschiedener Art fanden am 22. September statt. Und zwar wurden heute vor hundert Jahren, am 22. September 1914, drei britische Panzerkreuzer unter dem Kommando von Kapitänleutnent Weddigen vom U-Boot U9 der Kaiserlichen Deutschen Marine versenkt.


Und vor einem Jahr — am 22. September 2013 — versenkte der Wähler die Bundestagsfraktion der FDP. Wie man am Bild erkennen kann, steht der Wasserspiegel den Beiden schon bis über die Ohren:


So sorry, folks! Das war's dann wohl ...


P.S.: passenderweise feiern wir bis 2009 am 22. September auch den »Tag des Meeres«. Der Termin wurde kurzerhand versenkt und tauchte erst am 8. Juni wieder auf. Naja, dann ...

Sonntag, 21. September 2014

Es liegt in unserer Hand

... (oder vielmehr: in der Hand unserer Politruks und ihrer Financiers) welches Thema den Grundton der kommenden Jahre anschlagen wird:

Das dionysische Idyll (wenn man so sagen darf) der »Hymn to Dionysus« aus 1913 (leider kaum anzunehmen) ...



... oder (leider weitaus wahrscheinlicher) der dahinstampfende Stiefel des »Mars« (1916):


Gäbe es ein geeigneteres Demonstrationsbeispiel für die Zwiespältigkeit des menschlichen Wesen, als die Gegenüberstellung dieser beiden, nur durch drei Jahre getrennten Kompositionen des heute vor 140 Jahren, am 21. September 1874, geborenen britischen Komponisten Gustav (von) Holst?

»Manches war doch anders«

… lautet der Titel der lesenswerten Lebenserinnerungen des — zu Weimarer Zeiten — DDP-, und nach 1945 CDU-Politikers Ernst Lemmer. Und dieser Titel könnte auch über der Biographie jenes Mannes stehen, der heute vor fünfzig Jahren, am 21. September 1964, verstarb: Otto Grotewohl, erster DDR-Ministerpräsident (und auch einziger, denn nach ihm hießen Stoph, Sindermann, und bis 1989 wieder Stoph nur mehr »Vorsitzende des Ministerrates der DDR«). Von den einen (sehr wenigen!) als Mitbegründer einer Einheitspartei der sozialistischen Arbeiterschaft gefeiert, von den anderen (weitaus zahlreicheren!) als Totengräber der Sozialdemokratie in der Sowjetzone, als karrieregeiler Opportunist, als unfähiger Schwächling, oder als was auch immer, aber nichts Gutes verfemt, »schwankt sein Charakterbild in der Geschichte«. Die biographischen Details gibt die Wikipedia durchaus ausreichend, hier aber soll es um die Motive, menschliche Hinter- (und vielleicht auch Ab-)gründe gehen. Geben wir also zuerst Ernst Lemmer das Wort (a.a.O. S 275 f.):
Die Sozialdemokratische Partei der Zone erhielt zunächst einen gewaltigen Auftrieb: Sie wurde die weitaus stärkste Partei, hinter der die wiedererstandene KPD mehr als deutlich zurückblieb. Der sozialdemokratische Zonenvorstand ließ sich aber augenscheinlich durch diese überraschenden Erfolge täuschen. […] Viele SPD-Leute glaubten sich mit ihrer weit umfangreicheren Organisation innerhalb einer »sozialistischen Einheitspartei« durchsetzen zu können.
Otto Grotewohl war neben Kurt Schumacher eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Sozialdemokratie, die das Dritte Reich überlebt hatten. Schumacher war gewiß der weitaus temperamentvollere und phantasiereichere der beiden, Grotewohl dagegen beurteilte die politischen Realitäten nüchterner; er war wohl auch taktisch wendiger als Schumacher. Während Schumacher in unserer Erinnerung unbefleckt weiterlebt, stimmt uns der Gedanke an Grotewohls politisches Spiel trübselig.
Ich möchte aber diesen Mann, der in Berlin in eine weit schwierigere Situation geraten war als Schumacher im Westen, nicht herabsetzen. Otto Grotewohl wurde nicht zuletzt deshalb zu einer tragischen Erscheinung der Nachkriegszeit, weil er in Berlin geblieben war. […] Daß er damals in der deutschen Hauptstadt aushielt, ist ihm indessen positiv anzurechnen. Er hat auch zunächst die große Gefährdung der Sozialdemokratie im Machtbereich der Sowjets nicht unterschätzt. Am Anfang hatte er zweifellos die Absicht, die Sozialdemokratie als selbständige Partei zu erhalten und sich auf keine Fusion mit den Kommunisten einzulassen, wozu ihn seine Freunde bald drängten. Freilich beging er schon bald den ersten Fehler, als er in einem sogenannten Einheitsausschuß auf interfraktionelle Vorgespräche mit den Kommunisten einging, bevor das Plenum dieses gemeinsamen Ausschusses mit den beiden anderen Parteien
[Anm.: (Ost-)CDU und LDP] zusammentrat. Dadurch akzeptierte er die marxistische Volksfrontideologie, deren unausbleibliche Folge dann die Fusion zur SED sein sollte

Wenngleich Lemmer dann den Eindruck zu erwecken sucht, die Vereinigung von SPD und KPD wäre bloß eine durch das »Umfallen« der obersten Führungsebene der SPD unter Druck zustande gekommene Sache gewesen — sorry: »Manches war doch anders«, muß man auch hier sagen … ... und, so sehr diese Vereinigung keineswegs überall reibungslos und einvernehmlich erfolgte, sondern durch massiven Druck der sowjetischen Besatzungsmacht »hergestellt« werden mußte, so sehr wurde sie in vielen anderen Teilen der SPD auch durchaus begrüßt. Die SPD als — wegen Grotewohls ruch- oder aber planloser Umtriebe — von der KPD vergewaltigte Unschuld darzustellen, nein, das geht wohl nicht ganz …

Geschichte wird viel zu oft aus der Perspektive des allwissenden (oder meist eher: sich allwissend dünkenden!) Nachgeborenen betrachtet, und viel zu selten aus dem Bemühen um Einfühlung in die psychologischen Triebkräfte der damals handelnden Personen. Eine schnelle Erklärung wird daher gegenüber einer mühsam zu erarbeitenden Enträtselung des Psychogramms bevorzugt. Wenn er in der Wikipedia etwa heißt:
Laut Aussagen von Zeitzeugen wie Egon Bahr und Jakob Kaiser änderte Grotewohl seine Meinung unmittelbar nach einer Einbestellung zur Sowjetischen Militäradministration (SMAD) nach Karlshorst – von wo er „als ein Verwandelter zurückkehrte“. Jakob Kaiser vermutete, es gäbe in der Braunschweiger Vergangenheit etwas, das Grotewohl erpreßbar gemacht hatte.
… dann mag das richtig sein oder nicht (Kaiser, der von den Sowjets als Vorsitzender der Ost-CDU abgesetzt wurde, und dann in den Westen und damit, zutiefst frustriert, in die Bedeutungslosigkeit gegenüber Adenauer ging, war sicherlich kein unvoreingenommener Zeitzeuge!); andere wieder spekulierten, Grotewohl sei von den Sowjets mit dem Angebot, seinen (noch kriegsgefangenen) Sohn freizulassen, geködert worden. Doch — wäre es völlig undenkbar, daß Grotewohl von den ideologisch und rhetorisch gut geschulten Gesprächspartnern schlicht und einfach überzeugt worden ist? Nicht natürlich davon, daß auf deutschem Boden ein kommunistischer Staat entstehen sollte, sondern daß in dem von Stalin damals stets propagierten, zwar militärisch neutralen, aber politisch keineswegs dem »sozialistischen Lager« zuzuzählenden Deutschland eine Zusammenarbeit, ja: ein Zusammenschluß der Arbeiterparteien der einzige Weg sei, ihre drohende Ausbootung durch »revanchistische« und »imperialistische« Kapitalistenkreise zu verhindern. Und vergessen wir nicht: die SPD (egal welcher Zone) des Jahres 1945/46 war ja keineswegs jene des Godesberger Programms, sondern eine, der Formulierungen wie »Diktatur des Proletariats« und »Kollektivierung der Produktionsmittel« noch nicht allzu fremd in den Ohren klangen! Denn so, wie die CDU (aber auch die FDP!) der Adenauer-Zeit für heutige Ohren vielfach nach »Autobahn«, ja »NPD« klingt, so klingt uns die SPD der damaligen Zeit fatal nach heutiger »LINKE« …

Physiognomien können täuschen, keine Frage … doch ab einem bestimmten Alter ist halt jedermann für sein Gesicht selbst verantwortlich, sagt das Sprichwort — und mit Recht! Wenn man freilich Grotewohls Gesicht (vor allem im Vergleich zu den teilweise fast Verbrechervisagen seiner kommunistischen Genossen — obwohl es auch hier Ausnahmen gibt!) betrachtet, wird man sagen müssen: so sieht kein schlechter Mensch aus. Er ist, erkennbar, ein Mensch mit manchen Schwächen — einer gewissen Eitelkeit, beispielsweise, und die Züge verraten wenig ausgeprägte Durchsetzungskraft und wohl eine gewisse Unsicherheit — aber nicht von schlechtem Charakter. Und das ist mehr, viel mehr, als von vielen heutigen Politikern zu sagen wäre.

Grotewohl und Pieck waren nun also Co-Vorsitzende der verschmolzenen SED, der Händedruck im Admiralspalast als Parteisymbol millionenfach zum Emblem geronnen. Und die beiden konnten wohl auch miteinander: das früher gleich lospolternde, doch nun altersmild und müde gewordene Arbeiter-Rauhbein Pieck, und der — als Buchdrucker — doch quasi der »proletarischen Intelligenz« angehörige, kunstbegabte und »bürgerliche Typ« (so Lemmer) Grotewohl. Und alle beide wurden sie durch Ulbricht bald ins Abseits gedrängt, der ihnen als Erster Sekretär der Partei (und stellvertretender Ministerpräsident) nominell und protokollarisch unterstand, und doch schnell fast als einziger das Sagen hatte. Pieck durfte Fabriken und Brücken einweihen, Grotewohl wohlgesetzte Reden halten — aber die wirkliche Macht hatte »der Spitzbart« (und danach seine Gefolgsleute). Er hatte sie wegen seiner ostentativen Loyalität gegenüber den jeweiligen Machthabern in Moskau; er verlor sie, als ihn sein Altersstarrsinn für die Bonn-Politik der Sowjets unbequem machte — da Breschnew aber ein (für Begriffe der Nomenklatura) milder und rücksichtsvoller Mann war, verlor Ulbricht zwar die (relative) Macht eines SED-Parteichefs, nicht aber seine Ehrenstellung als DDR-Staatsoberhaupt.

Zurück zu Otto Grotewohl: er hatte das »Glück« genau zu der Zeit schwer (und dauerhaft) zu erkranken, als der greise Wilhelm Pieck starb — das machte ihn de facto amtsunfähig, sodaß er die letzten vier Jahre seines Lebens zwar noch dem Namen nach Ministerpräsident war, und (in Umkehr der vorherigen Protokollverhältnisse) einer der Stellvertreter des nunmehrigen Staatsratsvorsitzenden Ulbricht, aber keine denkbare Konkurrenz für diesen mehr darstellte, und daher auf seinem Posten als Sinekure verblieb. Willi Stoph machte die Arbeit.

Und — ist das nun »der ganze Grotewohl«? Ja und nein. Über den politischen ist alles Wesentliche gesagt: in den realen Machtverhältnissen wog er letztlich auch nicht so viel mehr als irgendein Blockpolitiker der CDU oder LDPD — nur eben mit Sitz im Politbüro. Aber der »geistige«, der »Mensch Grotewohl« — über den gäbe es noch manches zu sagen. Daß er nicht bloß ein passionierter, sondern auch gar nicht unbegabter Maler war, erwähnt schon Wikipedia (immerhin stammt von ihm ein ausdruckvolles Ölporträt des alten Sozialistenführers August Bebel, das seinerzeit im Sitzungssaal der Parteileitung hing). Sein Biograph zu DDR-Zeiten, Heinz Voßke (Otto Grotewohl. Ein biographischer Abriß, Berlin 1979), erwähnt in seinem Wohnzimmer »... ein wundervolles Instrument aus der weltberühmten Leipziger Klavierwerkstatt Julius Blüthner«, auf welchem er von eingeladenen Pianisten klassische Musik, insbesondere seinen geliebten Mozart, interpretieren ließ, und eine »umfangreiche Bibliothek«. Und der aus der DDR emigrierte Germanist Hans Mayer berichtete, hochbetagt, in seinem nach der »Wende« geschriebenen Buch »Der Turm von Babel. Erinnerungen an eine Deutsche Demokratische Republik« über sein mehrfaches Zusammentreffen mit Grotewohl, bei dem er einen »Prozeß der Versteinerung und Entfremdung« wahrnahm. Ein entscheidendes, Mayer »unverblaßt« in Erinnerung gebliebenes Treffen war jenes, in dem der Germanist Mayer dem Politiker Grotewohl einige Anregungen für eine Festrede zur 200-Jahre-Goethe-Feier in Weimar geben sollte:
Otto Grotewohl leitete das Gespräch, aber er beherrschte es auch. Er stellte Fragen, wollte vieles erklärt haben von den Germanisten. »Fragen eines gebildeten Arbeiters«, hätte es Brecht […] formuliert. Welchen Goethe soll man im Vorfrühling des Jahres 1949 in einer Massenkundgebung sichtbar machen? Wir kamen auf die kühnen und aufsässigen Gedichte des »West-östlichen Divan« zu sprechen, Goethes Alternativen von Siegen oder Unterliegen, Hammer oder Amboß sein. Daran entzündete sich das Denken Otto Grotewohls. Die Rede, die er dann in Weimar gehalten hat, trug den Titel »Hammer oder Amboß«. Er hatte sehr genau gefragt, im Gespräch entwickelte sich ein Gedankengang. […]
Otto Grotewohl damals: das war ein aufrichtiger deutscher Sozialist, der es auch seinerseits, mit einer ganz anderen Vergangenheit, »gut machen« wollte. Seine Goethe-Rede in Weimar fand trotzdem keinen wirklichen Anklang bei den Zuhörern. Man respektierte den Redner, allein es war ihm nicht gelungen, eine eigene, höchstpersönliche und nicht austauschbare Beziehung zu Goethe herzustellen.
Man merkt Mayers Schmerz, wenn er danach schreibt: »Diesen Otto Grotewohl habe ich niemals wiedergesehen.« Im Schiller-Jahr 1955 sollte Grotewohl bei einer FDJ-Feier die Festrede halten, und lud Mayer neuerlich nach Berlin ein:
Wieder die Gesprächsrunde von damals. Allein Grotewohl war, mit Ernst Bloch zu sprechen, fast zu Unkenntlichkeit verändert. Ein nervöser Bürokrat stellte routinierte, nahezu unbeteiligte Fragen. Eine Sekretärin stenografierte und notierte. Er hatte auch keine Freude mehr an dieser Aufgabe. Schillers Wort war auch hier zur Vokabel geworden. Man machte ein paar Vorschläge, versuchte einige Akzente zu setzen. Hat er damals überhaupt zugehört?
Es war viel geschehen seit jenem Goethe-Jahr, dem Hoffnungsjahr 1949. Was wirklich geschah mit Grotewohl, darüber gab es nur angstvoll geflüsterte Gerüchte. Man wird es eines Tages erfahren, was damals vorging, als Grotewohl — mit aller Schonung nach außenhin, das versteht sich — entmachtet wurde durch Ulbricht und die Staatssicherheit. Gab es einen (weiblichen?) Spion des Herrn Gehlen in Grotewohls Sekretariat? Ist es blutig zugegangen? Man weiß es nicht.
Und schon sind wir wieder beim politischen Grotewohl angelangt, denn, wie in allen totalitären Systemen, und ganz besonders im Sozialismus, ist das Private das Politische, das Öffentliche … Mayer schreibt noch ein paar wehmütige Worte, die zurückverweisen auf den Beginn von Grotewohls DDR-Karriere. Einem idealistisch überzeugten Sozialisten, d.h. Kommunisten, wie Mayer müssen sie doppelt schwergefallen sein, wenn er sein Kapitel Grotewohl so beschließt:
Daß der Händedruck mit Wilhelm Pieck schließlich einen Teufelspakt besiegelt hatte, muß er vor sich selbst erkannt haben. Aber Wilhelm Pieck war kein Teufel gewesen. Beide haben es wohl anders gewollt.
Otto Grotewohl starb wenige Monate nach seinem siebzigsten Geburtstag. Hat man den mit allem Ritual und Gepränge gefeiert im März 1964? Das müßte man nachschauen. Vermutlich hat man es getan. Später auch ein Staatsbegräbnis, das versteht sich. Zwei unglückliche Menschen am Schluß. Für beide, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, galt wohl der Schlußsatz der Erzählung »Lenz« von Georg Büchner. Ein schlimmer Satz: »So lebte er hin.«

Nun, man hatte den Jubilar natürlich gebührend gefeiert. Sogar der alte Anastas Mikojan, der schlitzohrige Armenier, war aus Moskau mit einem großen Ölgemälde ausgesandt worden — irgendein repräsentatives, sozialistisch-realistisches Stilleben … Ein anderes Bild blieb dagegen unvollendet — Grotewohls letztes Aquarell:


Und doch bildet es — wie keines seiner vollendeten — sein Leben ab. Eine dunkle Figur schreitet aus dem Schatten nach hinten in die Tiefe, zu einer schemenhaft angedeuteten Brücke oder Mole, an der eben ein Boot anlegt, angestarrt von unbeweglichen Figurinen. Eine Traumszene könnte es sein — und doch realer als das Leben ... ... sein Leben. Es gibt dazu auch noch ein Photo des Siebzigjährigen:


Da sieht man ihn, den korrekt gekleideten, alten Herrn in Dreiteiler und Krawatte, mit einem Stift in der Hand, wie er ebendieses unvollendete Bild erklärt. Man sieht die vielen Bücher in den Regalen dahinter. Und man sieht ein wehmütiges, wie um Nachsicht, ja fast Verzeihung, bittendes Lächeln in seinem Gesicht. Und vor allem sieht man eines: er war wohl kein schlechter Mensch.

Samstag, 20. September 2014

»Pressefreiheit wird nur noch simuliert«

Unter diesem Titel veröffentlichte Udo Ulfkotte einen deprimierenden Artikel über die Systemmedien unserer Staaten:
Unsere Leitmedien im deutschsprachigen Raum sind jetzt wie gleichgeschaltet. Sie berichten nur noch nach den Regeln der Politischen Korrektheit, betreiben im Interesse der USA Kriegshetze gegen Russland und unterdrücken den freien Informationsfluss. Mein väterlicher Freund Peter Scholl-Latour, den ich vor rund 25 Jahren im Krieg im Nahen Osten kennenlernte, hat mich stets darin bestärkt, vor allem jene Kriegstreiberei der Amerikaner nicht mitzumachen, bei denen deutsche Journalisten nur noch US-Marionetten sind. Nicht nur mir fällt auf, dass es inzwischen immer mehr dieser Marionetten in deutschen Redaktionsstuben gibt. Die Bürger da draußen werden belogen, betrogen und für dumm verkauft!
Es soll mir keiner erzählen, das merke man nicht! Schon längst gibt es in den Medien keine Berichterstattung mehr, sondern nur mehr Meinungsbildung. Früher, in tausendjährigen Zeiten, hieß das: Propaganda und Volksaufklärung. Was wir jetzt haben, ist keinen Deut besser — nur besser getarnt.

Deshalb erschien nicht, und wird auch in unserer Systempresse nicht dieser Bericht über die Absturzursachen der MH17 erscheinen — oder wenn, nur in verstümmelter und propagandistisch verzerrter Form. Er stammt vom 15. August 2014, und seine umfangreichen Darlegungen haben wenig bis keinen Niederschlag in den Fragestellungen der Redaktionen unserer Systemmedien gefunden. Deshalb sei er hier zitiert:
Analyse der Gründe für den Absturz des Fluges МH-17 
(malaysische Boeing 777)

1. Ereignis

Das Flugzeug Boeing 777 der Fluggesellschaft Malaysia-Airlines (Amsterdam—Kuala Lumpur) startete von dem Amsterdamer Flughafen Schiphol um 10:14 Uhr UTC (14:14 Uhr MSK) und sollte um 6:10 Uhr der örtlichen Zeit am Zielflughafen ankommen (22:10 Uhr UTC / 2:10 Uhr MSK). Der Luftkorridor 330 war einschließlich der 10 Kilometer Höhe, auf der die abgestürzte Boeing flog, offen für internationale Transitflüge über dem ukrainischen Gebiet. Nach Angaben der Fluggesellschaft brach die Verbindung um 14:15 Uhr GMT ab, in ca. 50 km Entfernung von der ukrainisch- russischen Grenze. Jedoch laut den Daten des Portals Flightradar24 hat die Maschine die ADS-B Übertragung nach 13:21:28 Uhr UTC (17:21:28 MSK, 16:21:28 örtliche Zeit) über der ukrainischen Stadt Snischne auf Flugfläche 33.000 Fuß (knapp über 10 km) eingestellt (letzte übertragene Koordinate: 48.0403°, 38.7728°). Die Überreste des Flugzeuges wurden brennend auf dem ukrainischen Boden entdeckt. Das Flugzeug stürzte ab in der Nähe des Dorfes Hrabovo (nahe der Stadt Thorez). Keiner der Passagiere und der Besatzungsmitglieder überlebt.
(Hier weiterlesen)
LePenseur ist kein Luftfahrtexperte und kein Luftraketentechniker. Aber er kann lesen, und kann, wenn er etwas nicht versteht, Fragen stellen. All das sollten aber auch Redakteure von Systemmedien können, denen dieser Bericht längst bekannt sein müßte. Können sie aber offenbar nicht — denn sie stellen keine Fragen. Oder sie wollen keine Fragen stellen (weil sie dann nicht ungehemmt hetzen könnten?) ...

Statt dessen bemühen sie sich, jeden, der Fragen stellt, als »Putin-Versteher« lächerlich zu machen, und ihn am besten mit der ganz großen Terrorverdachtskeule niederzuknüppeln. Und im übrigen wird weiter gehetzt, was das Zeug hält.

Was einen dabei besonders betroffen macht, ist, daß im Bereich der alternativen Informationsmedien einzelne Blogger und Webseitenbetreiber die Propaganda der Systemmedien kritiklos übernehmen, ja sich daran sogar aktiv beteiligen. Bei manchen liegt es vielleicht an der Sozialisation unter einem Chefredakteur, der nachweislich CIA-Spitzel war, bei anderen schüttelt man nur mehr den Kopf. Sapienti sat.

Machen wir weiter. Bevor wir alle tot sind, gibt' eh keine Alternative dazu ...

Schottland bleibt

Jetzt ist es also amtlich: Schottland bleibt englisch. Bitte jetzt keine klugen Belehrungen darüber, daß es nicht »englisch« bleibe, sondern »britisch« — das sind bloß Augenauswischereien angesichts der Bevölkerungszahlen!

Trotz aller spannungssteigernder Medienmeldungen, daß ein »Kopf-an-Kopf-Rennen« zu erwarten stehe, daß die Unabhängigkeitsbefürworter knapp die Führung übernommen hätten, und was an dergleichen Schlagzeilengeklingel sonst noch wohlfeil ist — es war wohl von vorneherein reichlich unwahrscheinlich, daß die Abstimmung anders ausgehen würde, als sie letztlich ausging. Warum? Nun — hätte wirklich die Gefahr bestanden, daß sich Schottland unabhängig macht, dann hätte ein alter Fuchs wie Warren Buffet nicht auf einen Sieg des »No«-Lagers gewettet, dann wäre die Sprachregelung in der Systempresse längst von harmlosen »Unabhängigkeitsbefürwortern« zumindest auf »Separatisten«, wahrscheinlich »recht(populistisch)e Nationalisten«, und bei Bedarf »rechtsextreme Terroristen« geändert worden.

Dennoch: das Ergebnis läßt eine gewisse Spannung für die Zukunft zurück. Denn wenn jetzt nach hoch-und-heiligen Versprechen einer weitgehenden Autonomie für Schottland nichts Substantielles geliefert wird, sondern London die Sache irgendwie aussitzen will, oder eine nächste (recht wahrscheinlich: Labour-)Regierung nach dem Motto »Was kümmert mich Camerons dummes Geschwätz von gestern« die Sache schubladisiert, dann kann sich Schottland durchaus zu einem zweiten Nordirland entwickeln (einen ersten Vorgeschmack sah man gestern in Glasgows Straßen). Freilich mit dem unschönen Unterschied einer viermal so großen Bevölkerung ...

Andererseits: wenn eine weitestgehende Autonomie mit Steuerhoheit und allem Pi-pa-po tatsächlich kommt, dann werden die Waliser nicht ruhen, bis sie nicht dasselbe erzielt haben. Und spätestens dann wird die Föderalisierung Großbritanniens zum Problem: denn dann müßte sich das Parlament zu Westminster selbst entmachten, und wohl auch ein Königreich »England« (oder, wie im frühen Mittelalter, mehrere Teilkönigreiche à la Menevia, Northumbria, Kent, Wessex etc.) mit eigenen Parlamenten und Regierungen etablieren. Doch spätestens dann ist eine geschriebene Verfassung für ganz Großbritannien unumgänglich, soll das Ganze nicht in permanenten Bürgerkrieg ausarten — doch eine schriftliche Verfassung, die die Parlamentswillkür behindert: nun, das wäre in der Tat eine rechtliche Revolution in einem Land, dessen Parlamentswillkür nur durch ungeschriebenes Gewohnheitsrecht einigermaßen in Zaum gehalten wird (oder, besser: wurde)!

Blicken wir außerhalb Großbritanniens: was hat der Fehlschlag einer Abspaltung Schottlands geändert? Nun, auch hier eine Menge, wenn man tiefer blickt. Oberflächlich betrachtet haben jetzt natürlich die Zentralisten aller Sorten Oberwasser. Aber das kann sich schnell ändern. Denn ein zentralistisch-chauvinistischer Hohlkopf wie der spanische Premier sieht sich jetzt sicherlich darin bestärkt, den Kataloniern das gewünschte Referendum gewaltsam zu verbieten — und könnte sich damit schnurstracks ein zweites Baskenland einhandeln. Das Regionalparlament zu Barcelona zeigte sich jedenfalls unbeeindruckt vom Votum der Schotten, und setzte den Referendumstermin trotzdem an. Mit überwältigender Stimmenmehrheit.

Was kann Rajoy in dieser Situation machen? Eigentlich nur verlieren. Sicherlich, er kann Kataloniens Premier Maz wegen Hochverrats ins Gefängnis werfen lassen, mit Militärkräften einmarschieren, Polizeiposten aus Madrid nach Barcelona verlegen und dergleichen mehr. Und die EU-Verbände zum eingreifen rufen. Aber das wäre die Bankrotterklärung der Staatlichkeit Spaniens: ein Land, das die EUGENDFOR braucht, um seine Untertanen in Schach zu halten, steht auf ähnlich tönernen Beinen wie das seinerzeitige DDR-Regime im Jahr 1953. Auch andere Zentralstaaten (Frankreich, Italien) oder failed states wie Belgien, die sich jetzt in Versuchung fühlen könnten, die scheinbare Gunst der Stunde zu nutzen, könnten sich fatal verrechnen.

Nicht zuletzt aber könnten unsere Eurokraten in Brüssel nur zu bald erkennen, daß der Wunsch nach einem Schotten-Votum nur das Symptom war, nicht jedoch die tödliche Krankheit, die ihr feingesponnenes Herrschaftssystem der Gummizelle längst befallen hat. In Zeiten globalisierter Wirtschaftsbeziehungen und jederzeit weltweit zugänglicher Informationen steigt offenbar die Sehnsucht nach überschaubaren Einheiten, nach Regionalität. Die (und man vergesse das nicht: eigentlich erst im 19. Jahrhundert so recht entstandenen!) Nationalstaaten können sich dann ebenso als aussterbende Dinosaurier entpuppen, wie die von wegen Unfähigkeit nach Brüssel abgeschobenen Politiks kreierte bürokratisch-supranationale Mißgeburt »EU«.

Das Schotten-Votum hat für keinen Knalleffekt gesorgt, das stimmt. Die Chancen auf eine Zersetzung der bestehenden »Ordnungen« sind jedoch durchaus intakt.

Und schon wieder ...

... ein »besonderer Geburtstag« (man erinnert sich an diesen Begriff) eines weltberühmten Filmstars (daß der »Star« noch nicht gegendert wurde, verwundert mich immer neu ...)



Freilich muß ich eingestehen: meine Achtung ist hier größer als meine Zuneigung. Was nichts (um den naheliegenden Verdacht gleich auszuräumen!) mit der Haarfarbe zu tun haben muß ...

Freitag, 19. September 2014

Cajetan (Freiherr von) Felder

... wurde heute vor zweihundert Jahren, also am Tage nach der Eröffnung des Wiener Kongresses, in Wien geboren.

Schon früh ein Vollwaise (er verlor seine Mutter im achten, den Vater im zwölften Lebensjahr), arbeitete er sich aus bescheidenen Verhältnissen zum höchst erfolgreichen Anwalt empor, ging in den 1860er-Jahren in die Wiener Kommunalpolitik, wo er als Obmann der Wasserversorgungs- und der Donauregulierungskommission auf zwei Gebieten tätig war, die seine Heimatstadt bis heute nachhaltig prägen.

Durch den überraschenden Tod des damaligen Bürgermeisters gelangte Felder 1868 als Kandidat der liberalen »Mittelpartei« in die Position des Wiener Bürgermeisters, die er die folgenden zehn Jahre innehatte. In dieser Funktion hatte Felder unter anderem den Bau der I. Wiener Hochquellenwasserleitung, den Baubeginn des Neuen Rathauses an der — nach der Schleifung der Befestigungen angelegten — Wiener Ringstraße, die Donauregulierung, die Anlegung des Wiener Zentralfriedhofs und die Wiener Weltausstellung von 1873 veranlaßt.


Seine — angesichts der Vielfalt und des Umfangs der vorgenannten Projekte wohl unvermeidliche — straff-autokratische Führung der Stadtverwaltung schufen ihm freilich immer mehr Gegner; auch zersplitterte die liberale Mittelpartei in sich befehdende Zirkel, sodaß Felder im Juli 1878 als Wiener Bürgermeister zurücktrat. Kaiser Franz Joseph erhob ihn in den Freiherrnstand (Felder war zuvor schon ernanntes Mitglied des Herrenhauses gewesen) und zum Geheimen Rat (»Exzellenz«). Felder blieb, wenngleich durch ein schweres Augenleiden zunehmend behindert, bis 1884 als Landmarschall (d.h. Landtagspräsident) von Niederösterreich politisch tätig, danach zog er sich weitgehend von der Öffentlichkeit zurück. Zwar konnte seine Erblindung durch eine Operation geheilt werden, doch starb der Achtzigjährige am 30. November 1894.

Als einer der bedeutendsten liberalen Politiker Österreichs wird er bis heute von dem der FPÖ nahestehenden »Cajetan-Felder-Institut. Verein zur Förderung liberaler Kommunalpolitik« durch Forschungen und Veranstaltungen in Erinnerung gehalten.

Donnerstag, 18. September 2014

Ein Kongreß, der Europas Geschichte

wiener_kongress2_bild

Wiener Kongreß
Der österreichische Staatskanzler Metternich (links, stehend, mit der Hand deutend), der britische Außenminister Castlereagh (Mitte, auf den Stuhl sitzend), der preußische Staatskanzler Hardenberg (links auf dem Stuhl sitzend), Wellington (ganz links stehend), Talleyrand (rechts am Tisch sitzend), Wilhelm von Humboldt (2. von rechts stehend), Rasumowskij (Vertreter Zar Alexanders I., Mitte des Bildes, an der Ecke des Gemäldes stehend).

... mit seinen Beschlüssen und Vereinbarungen auf Jahrzehnte hinaus weitgehend friedlich verlaufen ließ, und mit vielen seiner Weichenstellungen bis in die Gegenwart bedeutsam geblieben ist, wurde heute vor 200 Jahren, am 18. September 1814, feierlich eröffnet: der Wiener Kongreß.

Der informative Wikipedia-Artikel bringt auch eine gute Graphik über die wichtigsten Resultate des Kongresses:


(Fast) unverändert hat davon diese letzten 200 Jahre freilich nur die Schweizer immerwährende Neutralität überlebt. Doch von den anderen Vereinbarungen wären viele — mutatis mutandis — zum allgemeinen Nutzen und Frommen wiederzubeleben! Beispielsweise der Gedanke der Pentarchie als künftiges System einer »multipolaren Welt« — d.h. ohne die Machtarroganz der selbsternannten Weltpolizei und ihres, die restliche Welt parasitär ausbeutenden, »New World Order«. Die »Deutsche Bundesakte« könnte auch als Vorbild für eine »Europäische Bundesakte« stehen, die im Gegensatz zu den »Römischen Verträgen«, die durch die von Maastricht und Lissabon von den EU-Zentralisten und Eurokraten längst ausgehöhlt wurden, den Charakter eines »Europas der Vaterländer« festigen könnte.

Ob eine »Heilige Allianz« — als über das Christentum hinausgreifende Toleranz-Allianz neugedacht — möglich ist (mit Buddhisten, Konfuzianern, Taoisten und, mit Vorbehalt, vielleicht auch Hindus wäre dies irgendwie vorstellbar, jedoch mit den »real existierenden« Mohammedanern wohl kaum!), bleibe dahingestellt.

Doch für solche Überlegungen ist es in einer Zeit, in der größenwahnsinnigen East-Coast-Napoleons und — von ihnen zuerst gelöhnte, und jetzt bekämpfte — selbsternannte Kalifen drauf und dran sind, einen Weltenbrand zu entfachen, wohl eindeutig zu früh. Ich hoffe, daß wir wenigstens nicht bis zum symbolträchtigen Jahr 2048 warten müssen, wenn über einem zerstörten, verelendeten Europa ein neuer Dreißigjähriger (Welt-)Krieg erschöpft abgebrochen wird ...

Rückabwickung?


Mittwoch, 17. September 2014

Alles Gute zum Siebziger!


Tragen Sie's mit Humor — Ihren Ruhm Ihrer Entdeckungen kann Ihnen eh keiner nehmen ...



Dienstag, 16. September 2014

In eigener Sache

In den nächsten Wochen wird es auf diesem Blog etwas ruhiger zugehen. Berufliche Verpflichtungen und damit verbundene Reisen werden wohl höchstens ein Posting am Tag zulassen. Also etwas Geduld — ab Mitte Oktober sollte es dann wieder in alter Frische weitergehen. Dennoch: »Bleiben Sie dran!« (wie das in unseren Volksverblödungssendern gern heißt, wenn die Werbung kommt. Nun, wenigstens Werbung gibt's auf diesem Blog keine ...).

Eines noch: wer glaubt, daß sich ein bis drei Artikel am Tag »mit links« schreiben lassen (außer man hätte als Pensionist sonst nichts zu tun), der irrt! Und deshalb nochmals mein Appell an die mehreren hundert regelmäßigen Leser dieses Blogs: wenn Sie irgendwelche Themen behandelt wissen wollen, deponieren Sie Hinweise, Tipps und Anregungen, bitte, auf der dafür eingerichteten Seite. Sollten Sie sogar schon einen Artikel, der nach der Art des Themas und seiner Behandlung zum Blog passen könnte, fertiggeschrieben »in petto« haben, kontaktieren Sie mich. Ich bin natürlich gerne bereit, solche Artikel, sei es mit Nennung des Autors, sei es als »anonymen« Gastbeitrag zu veröffentlichen. Die hier behandelte Themenpalette ist breit, und geistvolle Überlegungen sind stets willkommen.

Vorallem aber: schreiben Sie Kommentare! Jeder Autor lebt vom »Feedback«, von den Diskussionen, die er mit seinen Elaboraten anregt. Nach derzeitigem Stand haben die mehr als 2150 Artikel rund 4800 Kommentarpostings erhalten — das sind nicht viel mehr als zwei pro Artikel! Und ich meine mit dieser Aufforderung nicht, irgendwelche lobhudelnde Bemerkungen zu posten (auch ich bin zwar eitel — wer nicht? —, aber eher nicht in diese Richtung!), sondern weiterführende Links, Gedanken etc. Schön wäre auch eine echte (und halbwegs höfliche!) Diskussion zwischen den Lesern!

So, das wären meine Wünsche ans Christkind! Warten wir mal ab, was sich davon erfüllen wird ...


Julius Wolff

... wird selbst gewiegten Literaturkennern nichts sagen. Heute vor 180 Jahren im damals idyllischen Städtchen Quedlinburg geboren, gehörte er nach Einschätzung von Wikipedia zu den sogenannten »Butzenscheibendichtern«:
Dieser Begriff wurde zuerst 1884 von Paul Heyse verwendet, um damit zeitgenössische Dichter zu charakterisieren, die alter-tümelnde Verserzählungen in gefälliger Art über historische Stoffe und Sagen schrieben und ihren Lebensunterhalt damit bestritten. Neben Reimerzählungen umfasst Wolffs literarisches Schaffen, wie an den Untertiteln seiner Werke erkenntlich, auch romanhafte Prosa.

... weiß uns Tante Wiki zu informieren und verrät damit zugleich, daß die Lektüre von Wolff's Werken seitens des Artikelautors wohl nicht über die Untertitel hinausgekommen sein dürfte. Historische Romane und Novellen als »romanhafte Prosa« zu bezeichnen fällt einem nur ein, wenn man sie nicht gelesen hat ...

Nun, es ist natürlich nicht so, daß Julius Wolffs schaffen zu den Höhepunkten deutscher Dicht- und Romankunst zu zählen wäre, Fontane wußte seine allzu gefällige Reimerei in Gedichten und Versepen aus gutem Grund zu kritisieren, und die Romane sind bessere Gartenlaubequalität, nicht mehr. Und dennoch — wer einmal einen der in prachtvollem Weinrot mit reichlich goldverziertem Rücken gehaltenen Bände seiner Gesamtausgabe durchblätterte, wird an der gewandten Sprache das eine oder andere Vergnügen gehabt haben, z.B. wenn er in der »Lurlei. eine Romanze« liest:

Erlaubt mir, daß ich euch berichte
Ausführlich, wie ich kann und mag,
Der Lurlei Leben und Geschichte
Von Anfang bis zum heut'gen Tag!
Ein Märchen ist's aus alten Zeiten;
Ihr wißt ja, ich beschwöre gern
Gestalten und Begebenheiten,
Die manches Säkulum uns fern.
Schon lange hat es mich getrieben
Zu diesem Sang hin ohne Ruh;
Nehmt's hin, wie ich's hier aufgeschrieben,
Als tränk' ich fröhlich eins euch zu!
Rückt euch den Kranz, daß hier im Bunde
Die Lust euch aus den Augen blitzt!
Und voll die Römer in der Runde,
Wie Bruder neben Bruder sitzt!
Nur daß ich erst die Lippen netze,
Heb' ich das Glas mit goldnem Wein,
Und eh' ich's wieder niedersetze –
Stoßt an! gesegnet sei der Rhein!

Das ist nun, zweifelsfrei, epigonale Gesellschaftsreimerei —  auf professionell gediegenem Niveau. Auch an seinem Roman »Der Raubgraf«, der in Wolffs Geburtsstadt Quedlinburg spielt, kann man stilistisch durchaus wenig auszusetzen finden, wenn man etwa gleich den Beginn hernimmt:
Auf einem Felsen hoch über der Stadt Quedlinburg im alten Harzgau steht eine Kaiserpfalz, die schaut rundum in das blühende, fruchtbare Land vom fernblauenden Hackelforst und vom Huywald im Norden bis zu dem langhingestreckten Kamme des Gebirges, der den Blick im Süden begrenzt.

Die ragende Burg ist die Schöpfung und zugleich das erinnerungsreiche Grabmal König Heinrichs des Städtegründers, des Vogelstellers und seiner Gemahlin Mathilde aus des alten Sachsenhäuptlings Wittekind Geschlecht. Wie sie beide dort oben gehaust, so ruhen sie auch beide dort in der schönen Krypta der Schloßkirche und mit ihnen ihre Enkelin Mathilde, des großen Ottos rühmliche Tochter.

Bedeutende Menschen und denkwürdige Tage hat dieses Schloß gesehen. Die Kaiser sächsischen und fränkischen Stammes und auch die Hohenstaufen nahmen hier oft langen Aufenthalt und hielten Reichstage und glänzende Hoftage. Mehr als einmal haben auch königliche Frauen von hier aus das Deutsche Reich regiert, so die Kaiserin Adelheid, ferner die geistvolle Theophano und endlich Mathilde, die als Reichsverweserin für ihren nach Italien gezogenen Neffen Otto III. im nahen Derenburg sogar einmal einen Reichstag hielt.

Die jüngere Mathilde, die dort oben in der Krypta schlummernde Tochter Kaiser Ottos I., war die erste Äbtissin des freiweltlichen Frauenstiftes, das König Heinrich hier errichtete und das er und seine Nachfolger mit einer Fülle von hoheitlichen Rechten ausstatteten, wie sie kein zweites geistliches oder weltliches Stift im heiligen Römischen Reiche besessen hat. Für Töchter aus Herrscher- und vornehmen Adelsfamilien bestimmt und an keine Ordensregel gebunden, stand es unmittelbar unter dem Kaiser. Die aus der freien Wahl der Konventualinnen hervorgehende Äbtissin hatte den Rang eines Reichsfürsten, hatte Sitz und Stimme auf der rheinischen Prälatenbank des Reichstages zu Regensburg, und kein Herzog oder Graf hatte irgendwelche Gewalt in ihrem Gebiet, als einzig der von ihr eingesetzte Schirmvogt.

In dem Zeitraume von vier Jahrhunderten, die seit seiner Gründung vergangen waren, hatte das Stift an Land und Leuten stetig zugenommen, und als unter Kaiser Ludwig dem Bayer die fünfzehnte Äbtissin, Jutta von Kranichfeld aus Thüringischem Grafenhause, im Schlosse zu Quedlinburg den goldgefaßten Krummstab führte, gebot sie über einen sehr ansehnlichen Besitz, zu dessen Schutz und Schirm sie eines starken männlichen Armes bedurfte.

Ein solcher fehlte ihr auch keineswegs. Seit zwei Menschenaltern waren Schutzvögte des Stiftes die Grafen von Regenstein, die schon eine fürstliche, auf eigenem Erbgut und beträchtlichen Lehen ruhende Macht besaßen und deren Stammsitz, eine gewaltige Bergfeste, sich fast im Mittelpunkte des großen Harzgaues erhob.
(Hier weiterlesen
Wolff ist einer jener vielen, die im späten 19. Jahrhundert durchaus mit Talent, aber eben ohne Genie, die ausgetretenen Pfade deutscher Literatur bewanderte — auf den Spuren eines Geibel dichtete, in freundschaftlicher Konkurrenz zu Felix Dahn historische Romane schrieb, und sich so wie Hamerling um ein Stiefkind der deutschen Literatur, das Versepos, bemühte. Seine Erfolge auf all diesen Gebieten waren pekuniär zufriedenstellender als künstlerisch. Dennoch: all die Wolffs sind die breiten Hügel- und Mittelgebirgslandschaften, ohne die sich die hochaufragenden Gipfel der Dichtkunst wohl etwas seltsam ausnähmen.

Einige seiner Werke sind über den verdientvollen Tredition-Verlag wieder aufgelegt worden, auch im Gutenberg-Projekt findet sich eine Reihe von ihnen. Und wer bei einem Gläschen süffigen Weins (vorzugsweise natürlich vom Rhein) beschwingt die eine oder andere Strophe rezitiert, wird bald finden, daß auch Butzenscheiben bisweilen ihren Reiz haben können ...